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Jahrgang 4 Nr. 7 vom 14.02.2008
 

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Ministerpräsident Erdogan in Deutschland (1)

Vom Ich zum Wir = Integration

Von Claus Stille

Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vergangene Woche in Deutschland fand vor allem in den Medien des Landes großes Interesse.

Das hatte nicht nur mit der schreckliche Brandkatastrophe von Ludwigshafen zu tun (Erdogan hatte den Brandort aufgesucht und mit Hinterbliebenen gesprochen), sondern auch mit Äußerungen, die der türkische Premier an anderer Stelle von sich gab.

Erdogan glättete die Wogen

Zunächst einmal war es Erdogan gelungen, die – vor allem durch hetzerisch aufgemachte Artikel in türkischen Zeitungen – einigermaßen aufgeheizte Stimmung im Zusammenhang mit dem bei dem Brand in Ludwigshafen ums Leben gekommenen neun türkischen Staatsbürgern wieder herunter zu kühlen. Der mäßigende Appell an die Medien, verbunden mit der Bitte, sich mit vorschnellen Vorurteilen in Bezug auf die Brandursache - bevor diese nicht lückenlos aufgeklärt ist - zurückzuhalten, fruchtete: Die Berichterstattung kehrte schon am nächsten Tag in ruhigerer Gewässer zurück. Ausdrücklich lobte Tayyip Erdogan die hervorragenden Leistungen der deutschen Polizei, der Feuerwehr und aller anderen Rettungskräfte (welche nach dem Brand von aufgebrachten Türken teilweise übel beschimpft worden waren), die bei dem Einsatz in Ludwigshafen zum Einsatz gekommen waren.

Selbst die Tatsache, dass inzwischen türkische Polizisten den Ermittlungen ihrer deutschen Kollegen in Ludwigshafen beiwohnen – was in einigen Medien und Teilen der deutschen Bevölkerung zunächst auf Unverständnis und Kritik stieß – ist nun weites gehend akzeptiert. Inzwischen kann man dieser Zusammenarbeit sogar hier und mehr positive als negative Seiten abgewinnen. Wird doch durch die Zusammenarbeit (die auch die ohnehin bestehenden Beziehungen der Sicherheitsorgane der Türkei und Deutschlands untereinander verbessern helfen kann) vor Ort sogar eventuell noch bestehendes gegenseitiges Misstrauen zwischen den Menschen beider Länder ausgeräumt werden. Zudem ist inzwischen auch so manchem aufgegangen, dass in solchen Fällen eine Entsendung von Sicherheitsorganen in ein anderes Land durchaus üblich. Auch Deutschland hätte vielleicht im Falle eines Unglücks in der Türkei - wären dabei Deutsche ums Leben gekommen - die türkischen Behörden darum gebeten, eigne Kräfte entsenden zu dürfen.

Treffen des türkischen Premiers und der deutschen Bundeskanzlerin mit Jugendlichen

Vergangenen Freitag traf Ministerpräsident Erdogan gemeinsam mit Gastgeberin Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt mit türkischstämmigen und deutschen Schülerinnen und Schülern zusammen. Zu Anfang der Veranstaltung gedachte man gemeinsam der Opfer der Ludwigshafener Brandkatastrophe mit einer Schweigeminute.

Erdogan sagte zu den Jugendlichen, dass er die Integration sehr ernst nähme. In den 1960er Jahren seien die Türken „herzlichst nach Deutschland“ eingeladen worden, und zwischen Deutschen und Türken habe sich eine richtige Freundschaft entwickelt. Der türkische Premier räumte ein, viele Türken hätten damals daran gedacht, wieder in die Heimat zurückzukehren. Nach einen gewissen Zeitraum hätten die Türken aber verstanden, dass sie nicht zurückkehren und stattdessen in Deutschland leben wollten.

Wir sind von einem überzeugt sagte Erdogan: „Ja zur Integration.“ Was für die Integration zu tun sei, müsse getan werden. Vehement betonte der Ministerpräsident aber gleichermaßen: „Nein zur Assimilation.“ Nie dürfte Menschen, gleich welcher Herkunft, abverlangt werden, die eigne Kultur und die eignen Werte, aufzugeben. Assimilation sei, so Erdogan, „eigentlich eine Schande gegen die Menschheit.“

Allerdings, auch daran ließ Erdogan, zum wiederholten Male in Deutschland, keinerlei Zweifel: Seine Landsleute in Deutschland müssten unbedingt die deutsche Sprache erlernen, um ein erfolgreiches Leben führen zu können.

Um aber eine fremde Sprache gut zu erlernen, müssten die Türken auch ihre Muttersprache gut beherrschen (hierbei weisen Türken in Deutschland oft große Defizite auf), sagte Erdogan und weiß sich dabei einig mit Sprachwissenschaftlern, die seit Jahren ebenfalls auf diesen Aspekt aufmerksam machen.

Als größte Gefahr für eine vernünftige Integration bezeichnete Ministerpräsident Erdogan „die Ghettoisierung“. Sie müsse überwunden werden. Ihr Grund sei die Angst. Überwinde man die Angst, überwinde man auch die Ghettoisierung.

Man müsse die Türken mit ihren eignen Werken anerkennen und eine Basis dafür schaffen, dass sie sich in die (deutsche) Gesellschaft integrieren können.

Wenn man das beherzige, gäbe es Frieden, Liebe und Freundschaft.

Noch vor dem sei Bildung und Ausbildung die wichtigste Basis für eine erfolgreiche Integration.

Dieser ganze Prozess müsse bereits sehr früh beginnen.

Die dritte Einwanderer-Generation trage dabei eine wichtige Verantwortung.

Türkische und deutsche Medien, betonte Tayyip Erdogan, müssten diesen Prozess unbedingt positiv unterstützen. Wer die Menschen stattdessen anstachele und nur negative Sichten verbreite, schaffe eine Zukunft, die nur auf Hass aufgebaut sei. Man trage eine Verantwortung. Die Menschen dürften nicht in so eine Falle tappen.

Erdogan kam auf die in seinem Land lebenden Deutschen zu sprechen, den man ein guter Gastgeber sei und wies auf zufriedene deutsche Touristen hin, welche unter allen in die Türkei zum Urlaub anreisenden Menschen mit

4 Millionen Reisenden zahlenmäßig die größte Gruppe gewesen sei.

Erdogan sagte an die Jugendlichen gerichtet, man hätte vielleicht unterschiedliche Religionen, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Nationalitäten und man gehöre unterschiedlichen Völkern an, aber: „Wir sind alle Menschen!“ Das sei „unser gemeinsamer Nenner“. Für diese Aussage erhielt Erdogan starken Applaus.

Angela Merkel sprach sich für Toleranz im Umgang miteinander aus, wies auf die Religionsfreiheit in Deutschland hin und mahnte aber auch: „Integration ist keine Einbahnstraße!“

Die Jugendlichen fordern gegenseitigen Respekt und den Abbau von Vorurteilen

Die Schülerinnen und Schüler mahnten in ihren Diskussionsbeiträgen u.a. einen gegenseitigen Respekt zwischen Migranten und der Aufnahmegesellschaft und den Abbau von Vorurteilen im Umgang miteinander an, forderten dazu auf, sich gegenseitig offener zu begegnen.

Ein kopftuchtragendes Mädchen erinnerte daran, dass ihre Großeltern und Eltern seit Jahrzehnten in Deutschland lebten, sie es aber trotzdem noch immer mit offenbar schwer abbaubaren (auch gegenseitigen) Vorurteilen ( man werde komisch angesehen, oder sehr oft als „Dorfmenschen“, die kaum Bücher lesen, abgestempelt) zu tun hätten. Ein Junge fand es schade, dass „Südländer“ in Deutschland noch immer mehr oder weniger mit Unpünktlichkeit und Faulheit in Verbindung gebracht würden.

Angela Merkel: Selbstbewusst sein

Die Bundeskanzlerin führte in einer ihrer Antworten auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler ihre eignen Erfahrungen, welche sie als einstige DDR-Bürgerin im vereinigten Deutschland gemacht habe, in die Diskussion ein.

Sie habe sich manchmal von Westdeutschen auch merkwürdige Fragen anhören müssen: „Habt ihr überhaupt was gelernt?“, „Konntet ihr frei sein?“ oder „Konntet ihr überhaupt lachen?“

Angela Merkels Rezept wider solcher Weltfremdheit lautet so: Man müsse halt öfters einmal ein Stück Selbstbewusstsein an den Tag legen, könne doch stolz auf sich sein, und eben auch mal sagen: „Ich bin so, wie ich bin!“

Und noch einen Rat gab die Kanzlerin den Jugendlichen mit auf den Weg: „Einfach an euch glauben!“

Und überhaupt sollten die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund mehr auf die Brückenfunktion – die sie doch zweifelsohne hätten - bauen, welche die sie doch bezüglich der Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei erfüllen könnten.

Ein anderes Mädchen beklagte, dass die Türken aus Deutschland in der Türkei oft als Deutsche und in Deutschland wiederum als Türken wahrgenommen würden, weshalb man sich letzlich als „Niemandsländer“ fühle.

Abschließend machte Recep Tayyip Erdogan den Vorschlag, die Unterschiedlichkeit der Menschen auch als Reichtum zu begreifen. Wer allerdings sage „Ich und die Anderen“ - „da fängt es an, dass der Friede gefährdet ist“ - aus dem Gegenüber „ein Anderes“ zu machen, dass sei die falsche Sicht, sagte Erdogan. In der Gesellschaft müsse es statt „Ich“ „Wir“ heißen. (Am Rande bemerkt: Das musste Angela Merkel bekannt vorgekommen sein, lautete doch einst in der DDR eine Devise „Vom Ich zum Wir“)

Türkische Schulen und Universitäten in Deutschland?

Dann kam Erdogan darauf zu sprechen, dass man derzeit in der Türkei dabei sei, eine türkisch-deutsche Universität (eine Initiative, die von den damaligen Außenministern Steinmeier und Gül unterstützt wird), an der in deutscher Sprache gelehrt werden würde, zu gründen. Das wiederum muss den türkischen Premier auf die Idee gebracht haben, auch in Deutschland könnten doch Gymnasien gegründet werden, die in türkischer Sprache unterrichten. Nebenbei bemerkt: Griechische Schulen gibt es schon. Und private Türkische auch.

Erdogan sagte auch, er sähe auch kein Problem darin, „sogar eine Universität in türkischer Sprache“ in Deutschland zu schaffen. Wissenschaft kenne nun einmal keine Grenzen.

Ministerpräsident Erdogan zeigte sich „fest davon überzeugt“, dass die Jungen ohnehin noch bestehende Grenzen überwinden werden.

Und die Türken in Deutschland, auch das sagte Erdogan, „dürfen nie ein Integration behinderndes Faktum“ sein.

Nachlese

Erdogans Gedankenspiele in Richtung türkischsprachiger Gymnasien bzw. Universitäten in Deutschland stießen auf geteilte Meinungen, oder lösten reichlich Kritik und sogar Entrüstung aus.

Von einer „Klein-Türkei in Deutschland“ („Bild am Sonntag“) war die Rede, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller fand die Idee „indiskutabel“ und Lale Akgün (SPD) sagte der „Frankfurter Rundschau“: „Ich will nicht, dass die Kinder körperlich hier sind und geistig und seelisch in der Türkei“.

Selbst das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) reagierte mit Ablehnung auf Erdogans Vorschlag: „Wer an einer türkischen Hochschule studieren will, kann dies in einer der 115 Universitäten in der Türkei tun“, sagte Zft-Direktor Faruk Sen.

Die „taz“ spottete über den „Integrationsminister Erdogan“. „Bild.de“ titelte: „Türkei-Premier Erdogan provoziert die Deutschen“

Jedoch gibt es augenscheinlich auch Journalisten, die die Vorschläge Erdogans einmal näher beleuchten und mit anderen Erscheinungen aus der Geschichte vergleichen. Beispielsweise indem man einmal recherchiert, wie es denn um deutsche Auswanderer, welche früher nach Ungarn und Rumänien gingen, in ihrer neuen Heimat stand (und steht). Und wie heute deutsche Aussteiger u.a. in Mexiko leben. Oder könnte man hinzufügen: wie es denn um die in die Türkei ausgewanderten Deutschen bestellt ist. Ob die wohl so gut integriert sind und die türkische Sprache perfekt beherrschen?

Ich empfehle jedenfalls den auf Readers Edition erschienen Artikel „Erdogan in Deutschland – Brett vorm Kopf für den deutsch-türkischen Dialog“ von Heinz-Peter Tjaden, als – nennen wir es einmal so: aufhellende Lektüre.

Der Autor Zafer Senocak schreibt im „Tagesspiegel“, Deutschland sei in puncto Integration noch immer ein Entwicklungsland. Über dies konstatiert Senocak, in Deutschland sei eine stigmatisierte türkische Minderheit geschaffen worden, gegenüber der sich die deutsche Mehrheit definiere.

Und Deniz Yücel ließ über die „taz“ wissen: Egal, wie immer sich die türkischen Einwanderer auch selbst gesehen hätten, ob als Deutsche, Türken, oder Fremde – es sei egal gewesen. Immer hätten die Deutschen in ihnen nur die Türken gesehen. Nach dem Brandanschlag von Solingen im Jahre 1993 – bei dem fünf türkische Menschen starben - habe Klaus Kinkel (FDP) definiert, was Türken seien. Er habe damals genau vorgerechnet, „wie viele Steuern und Abgaben“ die Türken in Deutschland leisteten.

Soll heißen: die Türken waren nützlich.

Eine ehrliche Integration seitens Deutschland hat es tatsächliche nie gegeben. Weil das Interesse an den fremden Menschen fehlte. Sich wirklich die Mühe gemacht, die Türken näher kennen zu lernen, dass haben nur die wenigsten Deutschen .

Kennt man sie heute? Und was über dreißig Jahre vernachlässigt wurde, will die derzeitige Politik nun am liebsten in ein paar Jahren durchpeitschen. Und das dann auch noch begleitet von den ewig gleichen Schuldzuweisungen: Zwangsheirat und Ehrenmord. Man wirft alles durcheinander und versteht in Wirklichkeit nichts. Das zeigte nicht zuletzt der unglückliche „Tatort“-Krimi des NDR, wo man in einer Aleviten-Familie einen Inzest geschehen ließ. Nicht wissend, dass man damit ein uraltes Vorurteil gegen Aleviten aufwärmte.

All diese sich im Verlaufe der Jahre summierenden Verletzungen und Missverständnisse schlummern im Gedächtnis der türkischen Einwanderer...

Dies erklärt nicht alles. Vieles aber dann doch...

 

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Last modified: 28.12.2003