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Jahrgang 4 Nr. 8 vom 21.02.2008
 

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Der Platz der Frau sollte nicht nur ihr Zuhause sein. Aber…

von Perihan Ügeöz

Nach einem Anfang Februar veröffentlichten Bericht des Türkischen Arbeitgeberbunds (TISK) sind in der Türkei 5,5 Millionen junge Frauen zum häuslichen Dasein verurteilt. 60% aller jungen Frauen im Alter von 15 bis 29 Jahren haben weder einen Bildungszugang noch eine Arbeit. Von allen Frauen in der Alterstufe 25 bis 29 Jahre müssen 66% Zuhause sitzen. In bezug auf den Frauenanteil am Universitätsstudium rangiert die Türkei mit diesen Zahlen an letzter Stelle innerhalb der OECD-Länder. TISK bewertet diesen Zustand als verheerend und ruft zu einer dringenden nationalen Mobilmachung auf und appelliert, die Einstellung „Der Platz der Frau ist ihr Zuhause“ sofort aufzugeben. Während im Tumult um die Freiheit des Kopftuchs sowohl die Zahlen als auch die Appelle untergehen, wird dem Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan das Beschäftigungspaket für das Jahr 2008 vorgelegt. In dem Paket sind auch Maßnahmen zur Förderung des Frauenbeschäftigungsanteils enthalten sowie finanzielle Unterstützung für Betriebe vorgesehen, die Frauen beschäftigen. Mit dem Argument, dass Maßnahmen zur Förderung von Frauenbeschäftigung Diskriminierung hervorrufen und gegen das Gleichbehandlungsprinzip verstossen, verlangt der Ministerpräsident die Streichung der in dem Paket zugunsten von Frauen vorgesehenen Regelungen.

Inwieweit in einer Gesellschaft die Förderung der sozialen Teilhabemöglichkeiten von Frauen gewollt und ihre Gleichbehandlung angestrebt wird, berührt zunächst ein kulturelles Werteproblem. Kulturelle Werte als sozusagen das Herzstück von Kultur bilden nicht nur die Basis für soziale Einstellungen und leiten menschliches Verhalten und Urteilen in einer Vielzahl von Lebenssituationen. Indem sie auch eine besondere Ausdrucksform der Art und Weise sind, wie Menschen ihre sozialen Beziehungen gestalten und interpretieren, haben sie auch eine identitätsstiftende Funktion. Im Osmanischen Reich waren türkische Häuser in zwei Bereiche getrennt. Es gab den offenen Raum, in dem Besucher empfangen wurden, der sog. Selamlik, und daneben gab es den geschlossenen Privatbereich, die sog. Haremlik, in dem sich die Frauen aufhielten. Zweifellos ist es der türkischen Republik gelungen, in vielen Lebensbereichen des Landes die Geschlechtertrennung aufzuheben. Die Wandlungen waren aber nicht tiefgreifend genug, den Kern der klaren Rollentrennunung zwischen Mann und Frau sowie die strengen Rollenerwartungen gegenüber Frauen aufzubrechen, so dass auch ein kultureller Wertewandel jenseits von strenger Geschlechtertrennung eintreten konnte. Während im öffentlichen Raum die Männer dominieren, sind selbst soziale Beziehungen wie Freundschaft und Nachbarschaft vorwiegend gleichgeschlechtlich geprägt.

Wie stark tatsächlich das soziale wie auch kulturelle Prinzip der Geschlechtertrennung nach wie vor nicht nur für die männliche, sondern insbesondere auch für die weibliche Identitätsbildung eine zentrale Rolle spielt, spiegelt sich schließlich auch in neueren Untersuchungen wider. Allen voran sind es eine Vielzahl von Frauen selber, die die türkische Redensart, dass der Platz der Frau ihr Zuhause ist, unterstützt und befürwortet. Gleichzeitig wird ebenfalls von einer beeindruckenden Menge an Frauen die Auffassung geteilt, dass das Oberhaupt der Familie der Mann sei und eine Erwerbstätigkeit der Frau nicht nötig ist, solange die Einkünfte des Mannes ausreichen und keine materielle Not herrscht.

Damit die Frauen sich nicht nur als Mütter, sondern auch als Inviduen begreifen und identifizieren können, die ebenso wie Männer erwerbstätig und genauso stark am öffentlichen Leben beteiligt sein können, müsste ein kultureller Wertewandel eintreten. Die sozialen sowie jedoch politischen Voraussetzungen dafür sind allerdings denkbar ungünstig. Die Gechlechtertrennung basiert im Kern darauf, dass die Frau sich für die häusliche Domäne zuständig fühlt. Im Umkehrschluß beinhaltet dies, dass die Frau außerhalb der häuslichen Wände nichts zu suchen hat. Wenn es aber gelänge, diesen Mechanismus aufzubrechen und dafür Sorge zu tragen, dass Frauen das Haus verlassen und stärker im öffentlichen Raum vertreten sind, hätte das weitreichende Folgen nicht zuletzt im Hinblick auf eine Neudefinition von Familie. Sobald jedoch eine Veränderung der Familienstruktur ins Spiel kommt, hiesse das in unmittelbarer Folge, einen tieftreifenden gesellschaftlichen Wandel in Kauf zu nehmen, bei dem es nicht allein um eine Statusaufwertung der Frau ginge. Es hiesse, die soziale Infrastruktur neu zu gestalten und soziale Leistungen an gesetzliches Recht zu binden als sie auf dem Gutdünken von einigen wohltätigkeitswilligen Kreisen zu belassen. Zum Beispiel fällt es an den Privatisierungsvorgängen im Bereich sozialer Dienstleistungen auf, dass sie in der Türkei wesentlich stärker vorangetreiben werden als in Westeuropa, ohne dass innerhalb der Bevölkerung ein grosses Aufsehen herrscht. Dass der Platz der Frau ihr Zuhause ist, ist einer der wichtigsten Gründe, wenn nicht sogar der wichtigste Grund dafür. Denn für eine Reihe von sozialen Dienstleitungen, für die in westeuropäischen Ländern Institutionen außerhalb der Familie zuständig sind, sind im türkischen Kontext die Frauen und Töchter innerhalb der Familie verantwortlich.

Es ist nicht im Interesse der politischen Akteure der regierenden AKP die Frau aus den vier Wänden der Familie und Haus zu befreien. Im Gegenteil, im politischen Jargon der AKP nimmt die Familie einen besonderen Platz ein und wird hoch geweiht. Wenn z.B. während des vergangen Wahlkampfs viele Hausfrauen die AKP aktiv unterstützt haben, so lag das im Wesentlichen auch daran, dass der häuslichen Arbeit der Frau endlich eine mit moralischen Floskeln versehene Anerkennung zuteil wurde. Die Triestheit des häuslichen Tuns und Daseins erfuhr duch politische Bestätigung und Idealisierung eine positive Wendung.

Anlässlich seines neuerlichen Deutschlandbesuchs verkündete der Ministerpräsident Erdogan, tausende von jungen Frauen seien aufgrund des Kopftuchverbots an türkischen Universitäten gezwungen, ins Ausland zu gehen und dort zu studieren. Das ist natürlich nicht hinnehmbar. Aber es muss gleichzeitig auch gefragt werden, was mit diesen jungen Frauen passiert, nachdem sie ihr Studium abgeschlossen haben. Die Töchter des Ministerpräsidenten selbst sowie des Staatspräsidenten Gül, die alle Kopftuchträgerinnen sind, geben ein erstes Vorbild ab. Die beiden Töchter des Ministerpräsidenten Erdogan studierten in den USA. Bald nach dem Abschluss ihres Studiums wurde eine verheiratet und ist jetzt Hausfrau. Die Tochter vom Staatspräsidenten Gül hat an der angesehenen Bilkent-Universität in Ankara studiert. Kaum hatte sie ihr Studium abgeschlossen, wurde sie mit einer spektakulären Hochzeitsfeier verehelicht und ist jetzt ebenfalls Hausfrau. Die Liste ließe sich in dieser Manier lange fortsetzten. Es ist nach dem herrschenden Verständnis nun mal so, dass der Platz einer Frau, die nach den Geboten ihrer Religion lebt und sich dementsprechend bedeckt, ihr Zuhause ist. Und so sehr behauptet wird, die Aufhebung des Kopftuchverbots werde dazu beitragen, die Präsenz der Frau im öffentlichen Raum zu erhöhen, zeigen doch die zahllos vielen Beispiele, dass für die meisten von ihnen die Teilhabemöglichkeit am öffentlichen Leben tatsächlich nur solange reicht, bis sie das heiratsfähige Alter erreichen.

Um noch einmal an die Kopftuchdebatte anzuknüpfen, für die Freilassung des Kopftuchs an den Universitäten wurde und wird noch gerne damit argumentiert, dass bedingt durch das Kopftuchtuchverbot Tausenden von jungen Frauen das Universitätsstudium verwehrt sei. So zu argumentieren, hat auf eine Art auch sein Gutes, weil es die Aufmerksamkeit für Zahlen und Untersuchungen schärft, die ein etwas differenziertes Bild vermitteln. Alle neuzeitlichen Untersuchungen bündeln sich in einem Punkt: Nicht das Kopftuch ist es, das jungen Frauen an erster Stelle den Universitätsbesuch versperrt. Nur bei einem Prozent der Studienanwärterinnen spielt das Kopftuch tatsächlich eine Rolle. Die erstrangige Hürde, die sich den Frauen im Hinblick auf ein Studium in den Weg stellt, ist die finanzielle Not sowie der Unwille der Familien, ihre Töchter zur Schule zu schicken. Solange die Armut nicht überwunden wird und solange es nicht gelingt, die patriarchalischen Strukturen innerhalb der Familien aufzubrechen, die beide Hand in Hand gehen, ist weder im Bereich Bildung noch im öffentlichen Raum mit einer Statusaufwertung der Frau zu rechnen. Schließlich sind es auch diese Strukturen, die mit dafür verantwortlich sind, dass junge Mädchen und Frauen in Familie und Gesellschaft hilflos einer gewaltigen Menge an moralischem Fantismus ausgesetzt sind.

 

 

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Last modified: 28.12.2003