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Jahrgang 4 Nr. 8 vom 21.02.2008
 

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Eine Tote im Yerebatan Sarayi

Deutsches Fernsehen produziert Krimiserie in Istanbul

Von Claus Stille



Istanbul – Kulisse für eine neue TV-Krimireihe; Photo/Quelle: Dieter Haugk via Pixelio.de

 

Istanbul ist zweifelsohne eine der interessantesten und turbulentesten Metropolen der Welt. Noch dazu eine der Megacitys dieser Erde. Diese schöne, hässliche, beeindruckende, anziehend und abstoßend zugleich sein könnende Stadt, die zwei Kontinente überbrückt, steckt durch und durch voller Geschichte und hat viele Gesichter. Zudem ist Istanbul auch eine Stadt der kantigen Widersprüche. Ein Schmelztiegel, worin die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander treffen. Da, wo um die 15 Millionen Menschen dicht bei dicht zusammenleben, gibt es freilich auch reichlich Konflikte. Istanbul ist die Stadt der vielen Armen, aber gleichzeitig auch ein Platz der Schönen und Reichen, die Stadt der Medienleute, der Künstler und des Handels. Und last but not least natürlich auch eine Stadt, die alljährlich Millionen Touristen aus aller Welt in ihren Bann zieht. All das zusammen genommen – diese schwer beeindruckende brodelnde „Gemengelage“ - bildet schon allein für sich genommen einen ergiebigen „Grundstoff“ für einen Krimi. Schriftsteller müssten sich eigentlich gleich scharenweise die Finger nach so einem, sich quasi auf dem Präsentierteller anbietenden „Schreibfutter“ lecken.

Jemand, der dies Potential schon sehr früh erkannte, nutzte und daraus ein uns bis heute nach wie vor fesselndes Buch gemacht hat, ist die türkische Schriftstellerlegende Yasar Kemal. Und zwar mit „Zorn des Meeres“ (Deniz küstü). Das Buch ist eine Liebeserklärung an Istanbul, seine Menschen und ein zu Herzen gehender, spannend erzählter Krimi und Zeitdokument in einem.

In der jüngeren Geschichte traten Esmahan Aykol und Antje Braun mit „Bakschisch“ bzw. mit „Hotel Bosporus“ (Aykol/ Carl Koß) auf dem deutschen Buchmarkt schriftstellerisch – mit Istanbul als Ort der Handlung - in Erscheinung.

Auch Nevfel Cumart und Barbara Nadel („Der gläserne Käfig“) „kriminalisierten“ mit Istanbul als Hintergrund.

Dass sich die ZDF-Redakteurin- und Moderatorin („heute in Europa“), die gebürtige Türkin,

Hülya Özkan (studierte Politische Wissenschaften und Journalistik; ist verheiratet mit ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und lebt in Mainz und Istanbul), bereits ebenfalls im Krimi-Schreiben versuchte, dürfte den meisten ihrer Zuschauer bisher eher verborgen geblieben sein.

Übrigens auch mir. Ich wurde erst stutzig, als ich kürzlich las, die ARD plane die Produktion (Ziegler Film) ihres ersten Großstadtkrimis, der in der Türkei spielt, unter dem Arbeitstitel „Istanbul sehen und sterben“. Und zwar basierend auf dem gleichnamigen Roman von Hülya Özkan!

Bisher legte Hülya Özkan neben diesem Buch die Krimis „In deiner Hand“ und „Mord am Bosporus“ (aller erschienen bei Diana) vor.

Ganz offenbar hat sich Hülya Özkan bezüglich ihrer Istanbul-Krimis und deren Helden (Kommissar Özakin) von den in der Lagunenstadt Venedig spielenden Krimis der Donna Leon (einer langjährig in Venedig lebenden US-Amerikanerin) und ihrer Hauptfigur Commissario Brunetti inspirieren lassen.

Übrigens sind auch Donna Leons Bücher im Auftrag der ARD verfilmt worden und erzielen bereits über Jahre hinweg gute Einschaltquoten im Deutschen Fernsehen. Ob jedoch diese Krimis mit Venedig-Flair waschechten Italienern gefallen, bezweifle ich. Dass heißt nicht, dass sie schlecht sind – im Gegenteil: aber ab und an merkt man ihnen doch ein bisschen an, dass sie von jemanden geschrieben worden sind, der das Leben in Venedig doch ein Stück durch die US-amerikanische Brille betrachtet.

Bei Hülya Özkan besteht diese Gefahr eigentlich nicht, ist sie doch als Kind türkischer Einwanderer bestens mit der türkischen Mentalität und dem Leben in Istanbul vertraut.

Dennoch muss die Autorin reichlich Kritik einstecken. Während manche Kritiker und Leser von ihrem Kriminalroman „Istanbul sehen und sterben“ (Diana-Verlag; Taschenbuch, 288 Seiten, € 7,95 [D]), hellauf begeistert sind – was sich wohl in der Hauptsache auf die Beschreibung des Orts der Handlung bezieht - verreißt etwa www.kulturwoche.at Özkans Buch ziemlich gnadenlos.

In der Rezension (akro) heißt es: „Wäre es so wie es der Pressetext verspricht, wäre Kommissar Özakin für Istanbul das, was Commissario Brunetti für Venedig ist und wäre Hülya Özkan, eine in Deutschland aufgewachsene Türkin, das was Donna Leon ist, nämlich eine (erfolgreiche) Autorin, dann wäre das Buch sicher lesenswert. Leider ist es aber ganz anders. Hülya Özkan ist alles andere als eine Schriftstellerin, ihr Stil hat entfernte Ähnlichkeit mit dem eines Schüleraufsatzes der vierten Klasse Volksschule, der Plot den sie abhandelt, spielt mit allen nur erdenklichen Klischees und Dümmlichkeiten die sich rund um die Türkei ranken. Schlimm: Für dieses Machwerk in Buchform mussten Bäume gefällt werden und Menschen mussten dafür arbeiten.“

Leider kenne ich selbst den Özkan-Krimi (noch) nicht und kann deshalb momentan schwerlich beurteilen, wer in Bezug auf das Buch nun recht hat.

Wenn ich mir jedoch durchlese, wer für die Produktion der Buch-Verfilmung verantwortlich zeichnet und welche Schauspieler in den Hauptrollen besetzt wurden, bekomme doch gewisse Bauchschmerzen, bezüglich des wahrscheinlichen Ergebnisses.

Die renommierte, bewährte und sich vielfältig verdient gemachte Regina-Ziegler-Produktion arbeitet im Auftrag des Ersten Deutschen Fernsehens für „Istanbul sehen und sterben“ (Drehbuch: Mathias Klaschka; Regie: Michael Steinke) nämlich mit ARD Degeto zusammen. Produktionen dieser Fima gelten bisweilen als „weichgespült“, „seichte Machwerke“ und „Schinken“. Netter ausgedrückt: Es ist gefilmte Unterhaltung mit opulenten bunten Bildern - meist, der besseren Bekömmlichkeit wegen - garniert mit einer schmalzigen Liebesgeschichte. Drumherum wird eine Geschichte „gestrickt“, bei der man sich als Zuschauer nicht sonderlich den Kopf zerbrechen muss. Auch das hat selbstredend - wir sollten da nicht ungerecht sein - durchaus seine Berechtigung.

Dass wir es bei dieser „neuen spannenden Krimireihe“ (Presseportal) wohl eher mit einem gefällig daher kommenden Unterhaltungsfilm zu tun haben werden, dafür könnte auch die Besetzung der beiden Hauptrollen sprechen.

Den türkischen Kommissar Özakin gibt der 1968 in Istanbul geborene und 1973 zusammen mit seinen Eltern nach München gekommene spätere Dressman und Schauspieler, der bildschöne Frauenschwarm Erol Sander, der übrigens ursprünglich Urcun Salihoglu hieß. (Foto unten links: Screenshot via tv.yahoo).

Sander studierte in einem Internat am Chiemsee Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Übers Modeln (bei Armani, Dolce & Gabbana, Dior) finanzierte er sich den Schauspielunterricht. Erol Sander spielte bereits im deutschen Fernsehen einen türkischstämmigen Kommissar („Sinan Toprak“). Später folgten meist Schmonzetten (Wikipedia). Europaweit wurde Sander durch seine Rolle als Schah Reza Pahlevi in „Soraya“ bekannt.


Seine Gegenspielerin, eine eigne Nachforschungen anstellende deutsche Journalistin, verkörpert (wie immer höchstwahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes) das „Vollweib“ (so bezeichnet sie sich selbst) Christine Neubauer. (Foto oben rechts: Hans Weingartz via wikipedia).

Die 1962 in München geborene Christine Neubauer studierte zunächst Psychologie; nahm aber dann Schauspielunterricht (u.a. in New York). In den 1980er Jahren spielte sie hauptsächlich Theater. Die Neubauer spielte in zahlreichen TV-Serien, aber auch in einem Spielfilm, wie in dem Remake von „Geierwally“ (Hauptrolle). Für ihre Rolle als Traudl Grandauer in „Löwengrube“ wurde sie zusammen mit Jörg Hube mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

Die Handlung von „Istanbul sehen und sterben“ (Arbeitstitel; nach ARD Pressemappe):

Kommissar Özakin ist eine Art türkischer Preuße (sic!), der permanent an zwei Fronten gleichzeitig kämpft: gegen das Verbrechen in der 15-Millionen-Stadt, aber auch gegen die Bürokratie und den Schlendrian seiner Landsleute. Trotzdem löst er seine Fälle mit südländischen Charme (sic!) und mediterraner Leichtigkeit (!). Im ersten Krimi ermittelt Özakin im Fall einer toten Reisebegleiterin, die in der römischen Zisterne Yerebatan Sarayi gefunden wird. Erste Spuren führen ins Istanbuler Touristikmilieu und von dort an die türkische Riviera, wo freizügiges Leben auf der einen Seite und althergebrachte Traditionen auf der anderen jäh aufeinander prallen. Mit fatalen Folgen für die Betroffenen. Denn die Prediger von Anstand und Moral schrecken auch vor Mord nicht zurück. Erol Sander (Kommissar Özakin) ermittelt. Christine Neubauer (deutsche Journalistin) forscht nach...

Hans-Wolfgang Jurgan, der Geschäftsführer der ARD Degeto zur neuen Filmreihe: „Die Türkei ist eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Ich freue mich, dass wir mit Istanbul, einer der aufregendsten Metropolen der Welt, und dem Touristenparadies Alanya an zwei Drehorten produzieren, die das Land aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen.“

Aha, soso. Noch Fragen? Klingt mir persönlich ja alles ein bisschen zu sehr nach den üblichen Türkei-Klischees. Istanbul sehen und...warten wir's ab. Geben wir der neuen Krimi-Fernsehreihe der ARD doch eine Chance.

Ich denke aber DAS ERSTE, soviel dürfte garantiert sein, wird uns allemal ein schön abfotografiertes Istanbul bzw. Alanya auf die heimische Flimmerkiste senden. Das anzusehen lohnt sich immer (am besten noch, man fährt später selber einmal dorthin hin). Ob uns die neue deutsche, in der Türkei spielende, Fernsehreihe allerdings einen Einblick in die Realität des türkischen Alltags – erst recht in die Arbeit eines türkischen Kriminalkommissars - wird geben können, wage ich schon einmal zu bezweifeln. Aber das hatten deren Macher womöglich auch überhaupt nicht vor...

 

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Last modified: 28.12.2003