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Jahrgang 4 Nr. 9 vom 28.02.2008
 

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Sind Sie bereit zu einem Lachtest?

von Perihan Ügeöz

Professor Yoci Kimura von der japanischen Kansai Universität hat ein Lachmeßgerät entwickelt. Ob das Lachen eines Menschen echt ist und aus dem Herzen kommt oder ob es sich um ein falsches und hämisch verächtliches Lachen handelt, soll mit Hilfe dieses Geräts bloß gestellt werden können. Vor wenigen Tagen stand diese Meldung in mehreren türkischen Tageszeitungen. Dieses Gerät könnte auch in der Türkei Zukunftsaussichten haben.

Ob eine Gefühlsäußerung ernst gemeint ist oder einer Verspottung dient, dürfte insbesondere Angehörige von Kulturgemeinden interessieren, wo Wert darauf gelegt wird, dass Gefühle und Intentionen nicht mit gradlinigen Kommunikationsstrategien offen geäußert werden. Es ist darum durchaus wahrscheinlich, dass hinter der Errungenschaft des Professors Kimura die Absicht steht, durch Technik den sozialen Kontext zu durchschauen und dadurch Sicherheit zu gewinnen, um sich entsprechend den Erwartungen angemessen zu verhalten.

So unterschiedlich Japan und Türkei auch sind und so oft man von türkischen Geschäftsleuten hört, wie sehr sie, wenn sie mal nach Japan reisen, insbesondere unter den für sie ungewohnten Essgewohnheiten leiden, es ist aber durchaus möglich, dass dieses Gerät auch in Türkei auf Nachfrage stoßen wird. Denn beiden Kulturkreisen ist aufgrund ihrer starken kollektivistischen Orientierung gemeinsam, dass für ihre Angehörigen soziales Ansehen und damit zusammen die Wahrung des Gesichts einen besonders hohen Stellenwert besitzen. Parallel zu ihrem Kollektivismus gehören beide in die Kategorie von Kulturen, die als stark kontextabhängig bezeichnet werden. Bei einer starken Kontextabhängigkeit lassen sich die Bedeutungen von gesendeten Botschaften nur in einem Kontext, d.h. mit Hilfe der Hinzuziehung der Vorgeschichte sowie unter Berücksichtigung nonverbaler Mittel verstehen. In diesen Kulturen werden mit anderen Worten Äußerungen und Gesten immer im Zusammenhang des Kontextes interpretiert, um auf Gefühle und Intentionen zurück schließen zu können. Während in Kulturen mit einer niedrigen Kontextabhängigkeit direkte und auch konfrontative Methoden geläufig sind, wird in Kulturen mit einer starken Kontextabhängigkeit großer Wert auf Harmonie und Loyalität innerhalb der Gruppe gelegt. Um sowohl das Ansehen des einzelnen Mitglieds zu schützen als auch die Gruppenharmonie zu wahren, werden daher eher anonyme und indirekte Kommunikationsstile bevorzugt. Je kritischer bzw. unangenehmer die Gesprächsthemen sind, umso mehr steigt die Bereitschaft, auf verdeckte bzw. verklausulierte Strategien zurückzugreifen. Mit dem Bedürfnis nach Harmonie innerhalb der Gruppe sowie Gesichtswahrung hängt es denn auch zusammen, dass beispielsweise „Packen wir die Probleme auf den Tisch“-Ansätze oder direkte Feedback-Methoden, wie sie in individualistischen Kulturen mit gleichzeitig niedriger Kontextabhängigkeit befürwortet werden, nicht auf Wohlwollen stoßen.

Selbstverständlich ist es nicht so, dass direkte verbale Äußerungen, die das Anliegen ohne Weitschweifigkeit, kurz und bündig auf den Punkt bringen, im Türkischen gar nicht vorhanden wären. Aber wie ein direkter Ausdruck letzten Endes bewertet wird, ob er als Merkmal von beispielsweise Offenheit und Ehrlichkeit bzw. Mut und Tapferkeit oder Kühnheit ausgelegt wird oder ob man eher geneigt ist, diesen als Zeichen von Dreistigkeit und Grobheit zu verstehen, hängst sehr stark von Zeit, Ort, Umstand sowie schließlich der Nähe bzw. Distanz zwischen den Personen ab. Vertretern insbesondere westeuropäischer Kulturkreise mit einer hohen Individualismustendenz sowie einer niedrigen Kontextabhängigkeit, wo neben Parametern wie Selbstbehauptung, Selbständigkeit oder Durchsetzungsvermögen auch direkte und konfrontative Methoden stärker bevorzugt und gefördert werden, fällt es nicht immer leicht, die Zusammenhänge des jeweiligen Kontextes zu durchschauen oder ihnen gar die gleiche Menge an Bedeutung zu suggerieren, die sie für die Türken im allgemein haben.

Dass es sich beim Gros der türkischen Bevölkerung um ein sehr geselliges und eben solchermaßen gesprächiges Volk handelt, steht außer Frage. Diese kommunikativen Eigenschaften dürfen jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Türken auch sehr emotional bis empfindsam reagieren können, gerade wenn es darum geht, zusammen mit dem Ansehen das Gesicht zu wahren. Wahrscheinlich gibt es kaum eine Kulturgemeinde, wo soziales Ansehen und Anerkennung keinerlei Rolle spielen würden. Aber die Art und Weise, wie diese interpretiert und vor allem welche Maßstäbe dabei angelegt werden, ist letzten Endes doch sehr kulturspezifisch. Obwohl zum Beispiel allgemeine gesellschaftliche Begriffe wie etwa Meinungsfreiheit oder Gleichheit auch im türkischen Sprachkontext durchaus bekannt und ebenso geläufig sind, innerhalb der Wertestrukturen der türkischen Kultur sind es jedoch Status und Respekt auf der einen und Loyalität und Gehorsam auf der anderen Seite, die einen hohen Stellenwert besitzen. Im Unterschied zu Kulturen mit einer hohen Individualismustendenz sind es nicht vordergründig Individualität und Unabhängigkeit, sondern vielmehr Zugehörigkeit und Verbundenheit, die die kollektivistische Tendenz der türkischen Kultur prägen. Der in der Kultur angelegte Wunsch, dazu zu gehören und zusammen mit der Zugehörigkeit auch die dafür notwenige Verbundenheit durch ein hohes Maß an Loyalität erfahrbar werden zu lassen, legen es schließlich fast zwangsläufig nahe, dass bestimmte Kommunikationsstile, die konfrontativ sind oder eine Konfliktaustragung von Angesicht zu Angesicht fördern, abgelehnt und stattdessen Methoden im interpersonellen Umgang bevorzugt werden, die sowohl die Gruppenharmonie fördern als auch jedoch dem Mitglied die Angst nehmen, in Ungnade zu verfallen und ausgegrenzt zu werden. Dass für die Mitglieder der türkischen Sprachgemeinde soziale Anerkennung eine hohe Handlungsrelevanz besitzt, schlägt sich schließlich auch in der türkischen Sprache nieder, die über ein ausgesprochen reichhaltiges Repertoire an Ausdrücken verfügt, die verschiedene Formen von Integrität, Ehre, Würde und Ansehen beschreiben. Im alltäglichen Sprachgebrauch sehr geläufige Redewendungen wie etwa „Was werden die Anderen sagen? (elalem ne der?)“ oder „Hauptsache man wird beim Einkaufen gesehen (yeter ki dostlar alisveriste görsün.).“ sind einige der charakteristischen Beispiele für den starken Wunsch, um jeden Preis das Gesicht zu wahren.

Dass die türkische Kultur parallel zu ihrer kollektivistischen Tendenz zugleich eine hohe Kontextabhängigkeit zeigt, und damit den Angehörigen quasi von Geburt an mit auf den Lebensweg gegeben wird, anstatt direkter Kommunikationsstile, indirekte und chiffrierte Konstruktionen zu wählen, spiegelt sich ebenfalls im Türkischen nieder. Die geläufige Redewendung „Nur einem Trottel muss man alles erklären (lafin tamami aptala söylenir)“ ist eine Illustration dafür, die ebenfalls veranschaulicht, dass den Kulturangehörigen dabei auch die Zuversicht mit auf den Weg gegeben wird, die Hoffnung auf eine hohe Auffassungsgabe des Gesprächspartners so leicht nicht aufzugeben.

Warten wir also ab, ob und wie viel Erfolg der Lachmaschine von Professor Kimura in der Türkei beschieden sein wird.

 

 

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