Jahrgang 4 Nr. 10 vom 6.03.2008
 

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Integration oder Assimilation? Erdogans Deutschlandbesuch aus interkultureller Perspektive

von Malte Kaßner

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan besuchte im Februar 2008 die Bundesrepublik. Im Angesicht der Brandkatastrophe von Ludwigshafen, bei der neun türkische Migranten den Tod fanden, verschaffte er sich einen persönlichen Eindruck von der Tragödie. Dabei äußerte er versöhnliche Worte, die die hoch gekochten Emotionen in der Türkei und in Deutschland beruhigen konnten. Jedoch werden nicht diese beschwichtigenden Worte seines Besuches in Erinnerung bleiben; vielmehr ist es der Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten vor fast 20.000 türkischen Migranten in der Kölnarena, der eine lebhafte politische Debatte über den Umgang mit den in Deutschland lebenden Türken in Gang gesetzt hat. Stein des Anstoßes ist dabei Erdogans Verständnis von der türkischen Gemeinschaft in Deutschland. Während er die türkischen Migranten zur Integration in die deutsche Gesellschaft aufrief, lehnte er eine Assimilation der türkischen Gemeinschaft entschieden ab. Er ging sogar soweit, jegliche Assimilierung als „Schande gegen die Menschlichkeit“ zu verurteilen. Das klare Nein zur Assimilierung rief bei vielen deutschen Politikern und Medien Empörung hervor. Die CSU sprach von „türkischem Nationalismus auf deutschem Boden“, die FDP bezeichnete den Auftritt Erdogans in Köln als eine „Kundgebung für eine Klein-Türkei“, und auch die SPD fragte sich, ob Erdogan wirklich eine türkischen Parallelgesellschaft in Deutschland wolle. Wenn diese Debatte eines zeigte, dann dass die Bedeutung der Begriffe Integration und Assimilation bzw. Assimilierung unterschiedlich interpretiert werden.

Integration wird als Herstellung eines Ganzen verstanden. Dieser lange und komplexe Prozess des Zusammenwachsens stellt sowohl Anforderungen an die Einwanderer als auch an die Aufnahmegesellschaft. Um als Einwanderer am gesellschaftlichen Leben der Aufnahmegesellschaft teilnehmen zu können, ist der Erwerb von bestimmten Kenntnissen, Fähigkeiten und Einstellungen notwendig. Zentral ist dabei das Erlernen der neuen Sprache. Integration verlangt jedoch nicht die Aufgabe der eigenen kulturellen Identität oder der eigenen Sprache. Während die Integration für die Migranten der ersten Generation häufig sehr schwierig ist, kann sie sich für die nachwachsende Generation einfacher gestalten, da Sozialisationsprozesse in jungen Jahren schneller und mit geringerem Aufwand ablaufen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die junge Generation nicht auf das Herkunftsland, sondern auf die neue Gesellschaft eingestellt wird. Neben den Migranten hat auch die Aufnahmegesellschaft bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Sie sollte den Einwanderern gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, z.B. durch die Möglichkeit der Einbürgerung, den Zugang zum Arbeitsmarkt sowie Chancengleichheit bei Bildung und Ausbildung. Gerade in diesem Punkt, das haben die Pisa-Ergebnisse immer wieder gezeigt, hat Deutschland seine Hausaufgaben insbesondere durch die mangelhafte sprachliche Förderung der Migranten lange Zeit sträflich vernachlässigt. Darüber hinaus ist die Aufnahmegesellschaft gehalten, Vorurteile, Diskriminierung und Rassismus abzubauen.

Assimilation oder Assimilierung hingegen bezeichnet die Anpassung verschiedener Gruppen aneinander, wobei die Anpassung einer Minderheit an die Mehrheit im Vordergrund steht. Im Gegensatz zur Integration wird mit der Assimilation die Annahme der neuen Gebräuche und Sprache des Aufnahmelandes bei gleichzeitiger Aufgabe der eigenen verbunden. Bei der Assimilation kommt es zu einer Vermischung von zuvor unterscheidbaren sozio-kulturellen Gruppen zu einer einzigen. Synonym für dieses Leitbild, das über Jahrhunderte die Einwanderungspolitik der USA bestimmte, ist das Bild des Schmelztiegels (melting pot). Als eine „Schande gegen die Menschlichkeit“, wie Erdogan dieses Konzept verunglimpft hat, kann es sicherlich nicht gelten. Aber auch die USA mussten erkennen, dass Assimilation an die Leitkultur der White Anglo Saxon Protestants (WASPs) bei der zunehmenden Heterogenität der Einwanderer – nicht mehr Europäer stellen die größte Gruppe der Einwanderer, sondern Migranten aus Lateinamerika – die gesellschaftliche Teilhabe für Viele unmöglich machen würde. Folgerichtig verabschiedete sich die amerikanische Politik von der Assimilation und propagiert nunmehr das Leitbild der Salatschüssel (salad bowl). Hier werden die unterschiedlichen Kulturen auf der Basis eines Grundkonsenses zu einem großen Ganzen integriert. Dabei geben die unterschiedlichen Gruppen jedoch nicht ihre kulturelle Identität auf. Mehr noch, die kulturelle Vielfalt wird als Stärke gesehen. Schließlich ist ein bunter Salat mit Tomaten, Gurken, Kopfsalat und Mais schmackhafter als nur ein grüner Salat.

Erdogans Besuch in Deutschland hat gezeigt, wie stark sich die Vorstellungen des deutsch-türkischen Zusammenlebens unterscheiden. Die türkische Regierung unter Erdogan propagiert Integration und lehnt Assimilation ab. Nach dieser Vorstellung soll sich die türkische Gemeinschaft zwar in die deutsche Gesellschaft integrieren, die deutsche Sprache lernen und den sozialen Aufstieg anstreben. Sie soll sich aber weiterhin als türkisch verstehen, sich der türkischen Kultur und ihrer Herkunft bewusst sein. Noch bevor die deutsche Sprache gelernt wird, soll die türkische perfektioniert sein, denn sie bildet die Grundlage für die kulturelle türkische Identität. Die deutschen Medien und Politiker hingegen haben durch die deutliche Kritik an Erdogans Aussagen mit erstaunlicher Übereinstimmung ihre Vorstellungen für ein Zusammenleben von Deutschen und Türken in unserem Land erkennen lassen. Viele reden zwar von Integration der türkischen Migranten, meinen aber eine Assimilation an die deutsche Leitkultur. Nicht Erdogan hat eine falsche Vorstellung von Integration, wie Merkel ihm vorhielt, sondern viele Kritiker, die sich über die Worte des türkischen Ministerpräsidenten entrüsteten, favorisieren ein anderes Konzept des Zusammenlebens, das der Assimilation.

Bleibt zu fragen, welches Interesse die türkische Regierung und speziell Erdogan haben, momentan so stark um die türkischen Migranten in Deutschland zu buhlen. Wurden die Auslandstürken früher vor allem als Devisenquelle gesehen, hat sich die Türkei mittlerweile wirtschaftlich soweit emanzipiert, dass dieser Beweggrund seine Relevanz verloren hat. Eher spielen zwei andere Motive eine wichtige Rolle. Einerseits strebt die türkische Regierung die EU-Mitgliedschaft an. Die türkischen Gemeinschaften in den EU-Staaten sind dabei ein außenpolitisches Potenzial, das es zu erschließen gilt. Andererseits geht das Gerücht die Runde, dass die türkische Regierung eine Stimmabgabe bei Wahlen für Auslandstürken plant. Wer diese Gruppe für sich mobilisieren kann, hat mehr als 1 Mio Stimmen allein in Deutschland gewonnen. Köln mit der größten türkischen Gemeinschaft im Westen Deutschlands war somit ein gelungener Probelauf für Erdogan. Die hohe strategische Bedeutung der türkischen Gemeinschaft in Deutschland rechtfertigt für Erdogan auch eine politische Polarisierung, die er durch sein ‚ja zur Integration, nein zur Assimilation’ ausgelöst hat. Er weiss, dass es keine Integration ohne Assimilierung geben kann und dass die Grenzen zwischen den beiden Konzepten fließend sind. Er weiss auch, dass die Realität vielschichtiger ist, dass viele türkische Migranten sich weder als Deutsche noch als Türken fühlen und nicht wenige weder die türkische noch die deutsche Sprache vollständig beherrschen. Als Politiker ist es jedoch seine Aufgabe, eine breite Klientel anzusprechen. Das hat er durch die Polarisierung in beeindruckender Weise geschafft. Oder können Sie sich vorstellen, dass Merkel vor 20.000 türkischen Migranten in der Kölnarena spricht?

 

 

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