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Jahrgang 4 Nr. 10 vom 6.03.2008
 

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Konsens oder Status

von Perihan Ügeöz

Innerhalb der türkischen Gesellschaft gibt es erhebliche Probleme mit Konsensfindung. Im Zusammenhang mit dem jüngsten Chaos um die Kopftuchdebatte hat die Tageszeitung Radikal diese Problematik in einer Überschrift amüsant auf den Punkt gebracht: „Die Universitäten und die AKP haben beim Kopftuch Konsens erzielt: Staatsanwaltschaft an die Arbeit.“ Sturm auf die Justiz. Befürworter und Gegner des Kopftuchs überschlagen sich mit gegenseitigen Strafanzeigen. So die Zusammenfassung des  Artikels unter dem prägnanten Titel.

Nun ist das Kopftuch sicherlich ein besonders heikles wie auch brisantes Thema und die Politik ein sonderbares Betätigungsfeld, die ihre eigenen Spielregeln hat. Die gelungene Überschrift der Tageszeitung Radikal ist dennoch beispielhaft für eine innerhalb der Gesellschaft über die Grenzen von Politik hinausreichende Tendenz, bei strittigen Fragen entweder sich heillos zu zerstreiten oder wie dieses Beispiel zeigt, auf das Machtwort einer autoritären Instanz bzw. Person zurückzugreifen. Das gilt für Familie und Nachbarschaft ebenso wie für Organisationen, wo insbesondere im Zusammenhang mit Teamarbeit oder  geschäftlichen Transaktionen die Not mit Konsensfindung immer wieder als besonderes Problem angesprochen wird.

Obwohl innerhalb der türkischen Gesellschaft das Wort Konsens durchaus geläufig ist und die Erwartung an eine Konsensfindung idealisiert wird, haben solche Ideale aber vielfach das Problem, dass sie an Widerständen scheitern, die durch verschiedene Ängste bzw. Fehlinterpretationen des Begriffs ausgelöst werden. Da ist zum Beispiel die Angst, als Schwächling dazustehen und dabei das Gesicht zu verlieren, wenn man sich auf einen Kompromiss einlässt. Diese Angst ist nicht vollkommen unberechtigt, wird doch Konsens vom Alltagsverständnis her oft fälschlicherweise entweder als Kapitulation und Niederlage oder als Mangel an Durchsetzungsvermögen ausgelegt. Besonders gängig ist auch das Misstrauen, dass, wenn man einmal ein Zugeständnis gemacht hat, die Forderung nach weiteren Zugeständnissen unbedingt folgen wird. Die türkische Redewendung “Gibst Du Deine Hand, verlierst Du Deinen Arm“ macht dieses Misstrauen sogar sprichwörtlich.

Dass es innerhalb der türkischen Gesellschaft Probleme mit Konsensfindung gibt und eine diesbezügliche Tradition nicht verankert ist, hängt sicherlich auch eng mit kulturell dominierenden Werteorientierungen zusammen, die sich in entscheidenden Momenten einem Konsensprozess doch quer stellen. Begreift man Konsens auch als Dialog unter Gleichen, dann ist dafür unter anderem Voraussetzung, dass unter den Beteiligten horizontale Beziehungsstrukturen bestehen bzw. angestrebt werden, in denen streng hierarchische Rollendifferenzierungen zwischen oben und unten, wenn schon nicht aufgelöst, so doch zumindest die Chance haben, etwas in den Hintergrund zu treten.
 
Auf der einen Seite ist die türkische zwar eine beziehungsorientierte Kultur, in der Nähe, Fürsorge sowie Anteilnahme als wichtige Parameter hervortreten. Auf einer anderen Dimension hat sie jedoch auch eine relativ hohe Tendenz, Unsicherheiten mit Hilfe von zum Teil sehr strengen hierarchischen Strukturen zu vermeiden bzw. unter Kontrolle zu halten. Hierarchie spielt auch im Zusammengang mit der Kategorie der Machtdistanz eine besonders wichtige Rolle. Innerhalb der türkischen Kultur besteht nicht nur eine relativ hohe Bereitschaft, ungleiche Machtverteilung sowie Autorität zu akzeptieren. Es herrscht auch die Tendenz, soziale Statusunterschiede zwischen oben und unten offen und ungeniert zum Ausdruck zu bringen.

Hierarchische Differenzierung durch soziale Statusunterschiede zu betonen, ist freilich kein Fall, der nur der  türkischen Gesellschaft und Kultur eigen wäre. Auch in Kulturen mit einer niedrigen Toleranz gegenüber Macht und Autorität gibt es Statusdifferenzen, die durch verschiedene Symbole legitimiert und gefestigt werden. Die Besonderheiten des türkischen Kontextes bestehen aber darin, dass im Alltagsverständnis Status zum einen mit Macht und Prestige gleichgesetzt und zum anderen auch die Rollendimension von Status unmittelbar mit der Person des Statusinhabers identifiziert wird. So dominieren nicht nur in sozialen Beziehungen sowie im Arbeitsleben klare und strenge Rollenerwartungen. Auch von Statusinhabern wird erwartet, dass sie ihre Statusrolle nicht nur innerhalb der Domäne demonstrieren, wo sie ihren Status erworben haben, sondern darüber hinaus in fast allen anderen sozialen Lebensbereichen ebenso.  Der soziale Rang wird mit anderen Worten nicht nur fast allerorten offen zum Ausdruck gebracht, es wird von Ranginhabern auch erwartet, dass sie diesen offen zur Schau stellen und sich entsprechend der Rolle verhalten, die ihnen ihr Rang abverlangt.

In dieser Kulturtradition werden Menschen bis in das Berufsleben hinein und darüber hinaus sozialisiert. Kultur und kulturelle Vorbilder sind der Bezugsrahmen menschlichen Handelns und Urteilens. Wenn Menschen quasi von der Wiege an in die Rolle eingeübt werden, entweder Befehle zu erteilen oder zu empfangen und  dabei einer strengen Konditionierung ausgesetzt sind, diese bedingungslos auszuführen, muss es in der Tat schwer fallen, mit anderen Rollen zurecht zu kommen. Die Erwartung, dass Menschen gemäß ihrem Status handeln und einen diesem Status entsprechenden Lebens- wie auch Beziehungsstil demonstrieren, ist so stark verankert, dass Abweichungen tatsächlich vielfach entweder Irritation hervorrufen oder aber die betreffenden Personen verpönt und ausgegrenzt werden.

Es ist zwar in den vergangenen Jahren beinahe zur Pflichtlektüre geworden, zum Beispiel an den Universitäten aus dem Westen importierte Organisationstheorien zu lehren, in denen Konsensprozesse im allgemeinen und horizontale Strukturen im besonderen einen wichtigen Platz einnehmen, wie etwa Lernende Organisationen oder Human Ressource Management. Die in den meisten dieser Lehreinrichtungen herrschenden streng pyramidalen Organisationsstrukturen mit ebenfalls streng hierarchischen Beziehungsmustern stehen jedoch in krassem Widerspruch zu den Theorien, die gelehrt werden. Auch das trägt wesentlich mit dazu bei, dass vermittelte theoretische Kenntnisse ohne Vorbilder und Praxisbezug quasi in der Luft hängen bleiben. Was hier für Universitäten und deren Personal gesagt worden ist, gilt natürlich auch für viele andere Stätten sowie Personenkreise und reicht bis in die politischen Parteienlandschaften hinein, die an ihrer Speerspitze Lider haben, die beinahe mit kaiserlichen Machtbefugnissen ausgestattet sind, und diese nicht den leisesten Anscheinen erwecken, dass sie unter ihrer Machfülle womöglich leiden würden.

Die ausgeprägte Zuneigung für strenge Hierarchien und Autorität mit ebenso strengen Statusdifferenzierungen sowie Rollenerwartungen vertragen sich nun mal nicht gut mit dem Ideal eines Dialogs unter Gleichen. Das zu erkennen, könnte vielleicht der erste Schritt sein, um dem Ideal etwas Chance zu geben.

 

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Last modified: 28.12.2003