Jahrgang 4 Nr. 10 vom 6.03.2008
 

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Die zwangstürkisierte Gazale Salame möchte wieder nach Deutschland

Von Claus Stille

Die alleinstehende Frau mit Kind fällt auf in Gümüspala, einem Stadteil von Izmir. Warum hat die Frau mit dem kleinen Kind keinen Ehemann? Hat er sie verlassen? Wenn ja: warum? Man weiß, dass sie aus Deutschland gekommen ist. Die soziale Kontrolle in Gümüspala ist – nennen wir einmal: allumfassend. Hier entgeht nichts dem wachsamen Auge des Nachbarn. Argwöhnisch wird die fremde Frau beäugt. Man ahnt: irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Schnell spinnt sich in Gümüspala etwas zusammen. Gerüchte machen die Runde. Nichts bleibt ein Geheimnis. Und wenn man nichts genaues erfährt, reimt man sich eben einfach etwas zusammen. Es geht zu wie auf dem Dorfe. Da kommen auch viele der Bewohner von Gümüspala her. Oder sie stammen von denen ab, die einst von dort in die Großstadt Izmir kamen. Aus Ost- und Südanantolien.

Sie leben ihr Dorf in Izmir einfach weiter. Die Menschen hoffen so ihre Identität zu bewahren. Dabei haben sie diese wohl längst schon verloren. Die Einwohner von Gümüspala – auch jene, welche bereits in Izmir geboren worden sind – kann man als arm bezeichnen. Eine, wie Gazale Salame, so heißt die alleinstehende Frau mit Kind, muss einfach auffallen dort. Mit so einer – denken vielleicht einige ihrer Nachbarn – muss doch etwas nicht in Ordnung sein. Wer kommt denn schon aus Almanya, dem Land in Europa, wo ihrer Meinung nach Milch und Honig nur so fließen, aus freien Stücken hier her: nach Gümüspala!

Nein, freiwillig kam Gazale Salame tatsächlich nicht nach Izmir. Siebzehn Jahre lebte Gazale Salame mit ihrem Mann, Ahmed Siala und den Kindern glücklich und zufrieden in Deutschland. Zuvor waren sowohl Gazale wie auch Ahmed zusammen mit ihren Familien vor dem Bürgerkrieg im Libanon in die BRD geflohen. Gazales Familie erhielt 1990 ein Bleiberecht in Deutschland.

Alles ging gut, bis die zuständige Behörde des Landkreises Hildesheim auf einmal feststellte, dass Gazale in den 1980er Jahren zeitweise auch in der Türkei gelebt hatte. Infolgedessen entzog man ihr kurzerhand die Aufenthaltsgenehmigung. Nach siebzehn (!) Jahren. Den Behörden, so hieß es lapidar, sei verschwiegen worden, dass die Gazales Türken seien. Dabei wäre richtig: sie sind türkischer Abstammung. Und die wiederum geht auf das Osmanische Reich zurück. Die Familie selbst hat immer im Libanon gelebt. Nicht einmal der türkischen Sprache ist sie mächtig.

Der Landkreis Hildesheim blieb beinhart: am 10. Februar 2005 rückten früh beizeiten zahlreiche Polizisten an, um die mit ihrer jüngsten Tochter schwangere Gazale Salame von zu Hause abzuholen. Die Polizisten führten die verzweifelte Frau übergangslos dem Flugzeug zu, welches sie in die Türkei, ins Land ihrer Vorväter, bringen sollte. Seitdem „lebt“ Gazale Salame in Izmir. Im besagten Stadtteil Gümüspala. Die Wohnung hat ihr ein Bekannter besorgt, der einst selbst aus der BRD abgeschoben worden war. Fast tagtäglich weint Gazale nun. Manchmal hat sie schon keine Tränen mehr zum Weinen.

Türkisch hat Gazale unterdessen etwas gelernt. Damit sie einkaufen gehen und sich sonst im täglichen Leben halbwegs verständigen kann. Aber heimisch ist Gazale Salame Izmir nicht geworden. Wie auch? Ohne ihren Mann und die anderen Kindern, die in Deutschland leben und sich als Rest-Familie alle zusammen nach ihr sehnen.

Izmir ist eine schöne Stadt. Die drittgrößte Stadt der Türkei gilt als weltoffen, modern, aufstrebend und vergleichsweise liberal. Im Jahre 2015 soll die Expo in der Ägäis-Metropole stattfinden. Auf dem neu gestalteten Kordon am Golf von Izmir flanieren modern gekleidete Menschen zwischen den Grünanlagen. Junge Mädchen tragen ihr Haar offen und enge farbige Tops. Selbstverständlich bauchfrei. Wie die Jungen auch stellen sie ihre neuesten Handy-Modelle stolz zur Schau. Fesch gestylte und sichtbar körperlich gestählte Polizisten surren behelmt auf ihren modernen Bikes auf dem Wegen an der See vorbei, fahren Streife. Über allem strahlt meist die Sonne überm fast wolkenlosen Himmel.

Letzteres trifft freilich auch auf Gümüspala zu. Es interessiert nur so gut wie keinen. Die Leute haben andere Sorgen. Von allem anderen ist dort nichts zu spüren. Die Welt von Gümüspala ist eng und konservativ – allerdings im negativen Sinne.

Gazale Salame macht diese Welt allmählich krank. Dazu das ewige Heimweh. Die Sehnsucht nach Mann und Kindern in Deutschland. Sie muss Antidepressiva dagegen schlucken. Manchmal – so berichtete ein Artikel in „Die Zeit“ - findet Gazale Zettel mit anzüglichen Texten darauf vor ihrer Tür. Einmal lag dort ein rotes Plüsch-Herz. Die Aufschrift: Seni cok özledim (Ich vermisse dich sehr). Angewidert warf es Gazale Salame in den Müll...

Ahmed Siala setzte und setzt in der BRD alle Hebel in Bewegung, um seine Frau und die Mutter seiner Kinder zurück zu bekommen. Einmal hatte er es fast geschafft: Am 21. Juni 2006 gewinnt Herr Siala das Verfahren um ein Aufenthaltsrecht der Familie vor dem Verwaltungsgericht Hannover. Kurz darauf zerstört jedoch das niedersächsische Innenministerium die zarte Hoffnung sogleich wieder. Es verpflichtete die Ausländerbehörde des zuständigen Landkreises vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) dagegen zu klagen. So geschah es, dass das OVG mit seiner Entscheidung vom 27.09.2007 das Urteil der unteren Instanz aufhob, und damit die Verweigerung einer Aufenthaltsgenehmigung an Ahmed Siala für rechtmäßig erklärte. Grund: die türkischen Vorfahren. Gegen dieses Urteil – faktisch eine Zwangstürkisierung – widerum legte Sialas Anwältin Silke Schäfer Revision beim Bundesverwaltungsgericht ein. Das Verfahren dauert an.

Gazale Salame ist nicht nur sehr unglücklich, sondern mittlererweile auch stark suizidgefährdet. Auch ihr Mann Ahmed ist bald mit seinen Nerven am Ende. Er sagt, dass er manchmal, wenn er von Deutschland aus mit seiner weinenden und schreienden Frau in Izmir telefoniert, am liebsten auflegen würde. Weil es ihn zu sehr mitnimmt.

Recht ist die eine Sache. Menschlichkeit die Andere.

Dabei könnte alles so schön und unkompliziert sein: Ahmed Siala hat Arbeit. Er ist in einer Schlachterei tätig. Herr Siala kann seine Familie ohne Weiteres ernähren und fällt somit dem deutschen Sozialsystem nicht zur Last.

Viele Menschen in Deutschland können den Umgang der niedersächsischen Behörden mit der Familie nicht nachvollziehen. Schließlich ist diese bestens in die deutsche Gesellschaft integriert. Alle Familienmitglieder beherrschen die deutsche Sprache einwandfrei.

Ein Bekannter der Familie ist aus Solidarität mit Gazale Salame sogar in den Hungerstreik getreten.

Kürzlich hat die Initiative „Campact“ eine E-Mail-Aktion angestoßen, worüber der neu gewählte Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Christian Wulff (CDU), dazu aufgerufen werden soll, sich für eine Wiedereinreise der Gazale Salame einzusetzen.

 

 

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