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Humor ist, wenn man trotzdem lachtvon Perihan Ügeöz Ein erschütterndes Ereignis jagt das andere. Es vergeht in der Türkei kaum ein Tag, an dem nicht etwas Sensationelles passiert. Die wenigsten dieser Ereignisse sind von aufbauender Natur. In der interkulturellen Fachsprache wird die türkische Kultur als eine mit polychronen Tendenzen beschrieben. Eines der wesentlichen Merkmale polychroner Kulturen ist ihre Offenheit gegenüber unvorhergesehenen Ereignissen sowie Überraschungen, wobei Überraschung im Türkischen „sürpriz“ heißt. Um allerdings mit soviel sürpriz, wie die türkische Gesellschaft darzubieten imstande ist, einigermaßen heilvoll umgehen zu können, braucht man sicherlich gesunde Nerven. Was man daneben jedoch mindestens genauso sehr braucht, ist die Fähigkeit, TROZDEM lachen zu können. (1) Humor, auch beschrieben als eine Fähigkeit, andere zu einer guten Stimmung zu verhelfen, ist eine Kunstgattung. Sie ist unter vielen Kunstarten diejenige, die dazu verhilft, gesellschaftliche oder individuelle Tragik in Komik zu verwandeln, der Schwere von Dingen oder Ereignissen dennoch eine Pointe zu verabreichen, damit Last auch mal als Lust erlebt werden kann. Und weil nun in der Türkei insbesondere in letzter Zeit viele der gesellschaftlichen Sensationsereignisse gerade auch von jener Art und der Sorte sind, dass sie mit einem gesunden Menschenverstand weder erklärt noch verstanden werden können, bleibt oft keine andere Alternative, als sie in Spaß zu verwandeln. Denn andernfalls, so jetzt die Worte eines türkischen Satirikers, müsste man denen, die für diese Ereignisse ureigenste Verantwortung tragen, offen sagen, dass sie sie nicht alle beieinander haben. Humor als eine Kunstform und gesellschaftliche Kultur mit den jeweils nur ihnen eigenen materiellen und immateriellen Elementen, den sichtbaren und unsichtbaren Merkmalen haben ein sehr enges Verhältnis zueinander. Unterschiedliche Völker haben zuweilen ein sehr differenziertes Verständnis von Humor. Beispielsweise kann das im Westen als ein Ergebnis von Humor gedeutete Lachen, das zwar ein universelles Phänomen ist, aber von Kultur zu Kultur doch sehr unterschiedliche Bedeutung haben und daher ebenso unterschiedliche Botschaften transportieren. Um den Humor, der in einem Lande betrieben wird, verstehen zu können, ist die Kenntnis der Sprache sicherlich sehr wichtig - allein jedoch reich sie nicht aus. Denn Humor ist insbesondere auch deswegen ein kulturspezifisches Phänomen, weil er an bestimmte historische, soziale, und personelle Konstellationen genauso gebunden ist wie an politische und wirtschaftliche Eigenarten innerhalb einer Gesellschaft. Weil Humor unter anderem sowohl als Ventil für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tabu-Themen genutzt werden kann, als auch ein Mittel ist, womit soziale Normen, Traditionen und Werte einer Kulturgemeinschaft hinterfragt und ebenso problematisiert werden, ist für das Verständnis von Humor in einem Lande das Eintauchen in die sozusagen mit dem bloßen Auge und Gehör weder sichtbaren noch hörbaren Tiefen seiner Kultur unabdingbar. Die Art und Weise, wie in einem Land Humor gemacht wird, kann sicherlich wertvolle Anhaltspunkte und Aufschluss über manche der Zustände innerhalb einer Gesellschaft und ihrer Kultur vermitteln. Umgekehrt kann aber auch die Art und Weise, wie in einem Land zum Beispiel mit Humoristen und Satirikern umgegangen wird, ebenfalls wertvolle Anhaltspunkte über manche der gesellschaftlichen Zustände liefern.
Vertreter des Humorgewerbes haben es zur Zeit besonders schwer Nach dem Motto „Wer andere zum Lachen bringt, soll selber nichts zum Lachen haben“ wird neuerdings mit dem Ministerpräsidenten Erdogan als Vorreiter eine Klage nach der anderen gegen Karikaturisten eröffnet. Ein aktuelles Paradebeispiel liefert der Umgang mit der Karikaturzeitschrift Leman. Der Chefredakteur der Karikaturzeitschrift Leman, Zafer Aknar, stellt fest, dass die gegen ihn und seine Zeitschrift mehrfach eröffneten Klagen beim Gericht von geringerem Übel seien. In einem neuerlichen Interview ließ er wissen, dass gegenwärtig die einzige Belastung oder Gefahr nicht die Klageprozesse sind, die insbesondere von Erdogan wegen Verunglimpfung seiner Person gegen sie eröffnet werden. Als viel schlimmer und bedrohlicher erleben sie die Mord- und Todschlagdrohungen, die sie in letzter Zeit in besonders gehäufter Menge per Anrufe oder E-Mails bekommen. Als sie merkten, dass sie mit den Drohungen von der Sorte: „Wir werden euch schlachten und niedermetzeln“ nicht zurecht kommen, haben sie sich vor zwei Monaten mit Sorge um ihre Sicherheit an den Gouverneur der Stadt Istanbul gewandt. Auf ihren Antrag, die nötigen gesetzlichen Schritte gegen die Morddrohungen einzuleiten und ihren Schutz sicherzustellen, haben sie bislang kein Ergebnis erhalten. Dass eine Karikaturzeitschrift sich um Sicherheit und Schutz an eine zuständige Stelle wendet, sei nach Worten von Aknar, eine Prämiere in der Humor- und Satiregeschichte des Landes. Da die meisten türkischen Flüche an die Sexualität der Frau bzw. der Mutter des Fluchempfängers gekoppelt sind, hat Aknar aufgrund der bei ihm lebhaft eingegangenen Flüche jedenfalls einen emotionalen Brief an seine Mutter verfasst, in dem er sie um Verzeihung für die Schmach bittet, die man ihr seinetwegen bereite. Auch in der Vergangenheit sei es mehrfach vorgekommen, dass Ministerpräsidenten und Parteiführer Gerichtsverfahren gegen verschiedene Karikaturzeitschriften oder ihre Vertreter eröffneten. Jedoch stellt der Chefredakteur von Leman trotzdem einen gravierenden Unterschied zur Vergangenheit fest. Das Wesen dieses Unterschieds besteht nicht einzig darin, dass vor allem Erdogan mit der Vielzahl der von ihm selber eröffneten Gerichtsklagen sich eventuell einen Eintrag, wenn vielleicht auch nicht gerade im Guiness Buch der Rekorde, aber auf jeden Fall doch in der türkischen Humorgeschichte sicherstellen wird. Selbst wenn die Drohungen von Mord und Todschlag äußerlich den Anschein von individueller Initiative erweckten, gäbe es Anzeichen dafür, dass es sich um ein organisiertes und gesteuertes Vorgehen handle. Nachdem insbesondere verschiedene Personen innerhalb der AKP oder das aktuelle Kopftuch-Thema als Gegenstand einer Karikaturzeichnung gewählt werden, würde die Härte der Drohungen besonders zunehmen. Und interessanterweise beinahe wie auf ein Zeichen von irgendwoher würde, sobald die Karikaturzeitschrift sich mit ihrer Notlage an die Öffentlichkeit wendet, plötzlich Stille einkehren, bis die nächste Anstoß erweckende Karikatur erscheint. Wer anderen eine Grube gräbt, ... Dieses Sprichwort ist im Türkischen auch vorhanden. Angeregt von dieser Redensart, hat die Karikaturzeitschrift Leman in ihrer vergangenen Ausgabe, den vom Staatsantwalt eingereichten Verfahrensantrag gegen AKP und Erdogan aufgegriffen. In der Karikaturzeichnung wird Erdogan als Angeklagter in einem Gerichtssaal dargestellt. Die Pointe ist, dass der Gerichtssaal voll ist mit zuschauenden Personen, denen die Schadenfreude in die Gesprächsblasen über ihren Köpfen eingezeichnet ist. Es handelt sich nicht um eine beliebige Menschenansammlung oder um Vertreter der Oppositionspartei CHP, sondern um Personen aus der Humorszene, gegen die Erdogan selber ein Verfahren nach dem anderen eröffnet hat. In den Schriftzeilen unter dieser Karikatur wird Erdogan daran erinnert, dass er sich ja selber recht lebhaft der Gerichtsklage bedient hat, um anderen eine Lehre zu erteilen und deswegen in Sachen Gerichtsverfahren rekordverdächtig ist. Er wird jedoch auch daran erinnert, dass er als einen aktiven Politiker selber nicht einen einzigen Finger gerührt hat, als anderen der Prozess gemacht wurde und manche von ihnen ins Gefängnis wanderten. Nun da er selber mit einer Klage konfrontiert ist, würde er vor Rage überkochen. Die Absurditäten des Lebens besitzen die Fähigkeit, Humor und Satire in den Schatten zu stellen Humor und Satire haben in der Türkei zweifellos eine langjährige Tradition, die wesentlich weiter zurückgeht als nur bis in die Anfänge der türkischen Republikgeschichte. Auch besteht kein Zweifel, dass die türkische Gesellschaft mit den vielfältigen Ereignissen ihres sozialen und politischen Alltags, mit der Menge an sozialen Tabus und Regeln gerade für Humoristen und Satiriker ein fruchtbarer Boden ist. Dennoch ist es nicht einfach, in der Türkei das Humorgewerbe zu betreiben. Die hierarchisch autoritären Strukturen von Institutionen, die starke Empfindsamkeit von Personen, die hohe Emotionalität bei zwischenmenschlichen Beziehungen machen die Arbeit nicht einfach. Die Gefahr, dass ein Satiriker oder Humorist sich leicht Ärger einhandelt und sodann plötzlich in einem Gericht als Angeklagter landet, ist mehr als gegeben. Für die Betreiber des Humorgewerbes gibt es allerdings noch ein zusätzliches Problem, das nämlich so manche der Absurditäten des alltäglichen Lebens so absurd sind, als dass sie von einem Humoristen je übertroffen werden könnten. Dazu eine kleine Anekdote aus dem Leben von Aziz Nesin, dem großen türkischen Satiriker, der vor einigen Jahren gestorben ist. Ein brasilianischer Verehrer von Aziz Nesin kommt ihn in seinem Kinderdorf in Catalca besuchen. Anfangs wird Aziz Nesin von seinem brasilianischen Besucher respekt- und verehrungsvoll mit „Sie“ und „Herr“ angesprochen. Nach zwei Tagen wird die Anrede mit „Herr“ ausgelassen und nach vier Tagen geht der brasilianische Besucher auf „Du“ über und kurz vor seiner Abreise redet er Aziz Nesin nur noch mit „Ulan“ Aziz (2) an. Überrascht von dieser Wandlung und Veränderung in der Anrede, fragt Aziz Nesin seinen brasilianischen Gast nach dem Grund dafür. Daraufhin antwortet der Brasilianer: „Als ich noch in Brasilien war und Deine Satiren las, bewunderte ich Deine Phantasie, weil ich annahm, dass Deine Geschichten Produkt eines großartigen Phantasievermögens seien. Nun weiß ich aber, dass Du nur nacherzählt hast, was Du um Dich herum gesehen und gehört hast.“ Von Bertolt Brecht stammt das Zitat: „Es ist schlimm, in einem Lande zu leben, in dem es keinen Humor gibt. Aber noch schlimmer ist es, in einem Lande zu leben, in dem man Humor braucht.“ Dieses Brechtsche Zitat ist auch im Türkischen bekannt. In der türkischen Übersetzung gibt es jedoch eine interessante Abweichung: „Es ist schlimm, in einem Lande zu leben, in dem es keinen Humor gibt. Aber noch unmöglicher ist es, in einem Lande zu leben, wo alles sich in Humor verwandelt hat.“ Dass jemand bei der Übersetzung des zweiten Teils des Brechtzitates sich eine eigenmächtige Abweichung vom Original erlaubt hat, dürfte voraussichtlich kein Versehen sein. Noch weniger dürfte es ein Zufall sein, dass das Brechtzitat in der türkischen Version in letzter Zeit in den Beiträgen von Zeitungskolumnisten besonders häufig vorkommt. 1) „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ ist ein Zitat des deutschen Schriftstellers Otto Julius Bierbaum. |
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