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Das Anschwärzen der Türkei in der westlichen Presse
von Kadri Gürsel
(Zuerst erschienen in der Tageszeitung Milliyet am 30. März 2008. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors von Stefan Hibbeler)
All jene auf der Welt, die über englische oder amerikanische Zeitungen versuchen zu verfolgen, was in der Türkei vor sich geht, sollten, wenn sie es wirklich wissen wollen, Türkisch lernen. Denn was sie glauben als Nachricht in diesen renommierten Zeitungen zu lesen ist nichts anderes als ein verzerrtes Türkei-Panorama, das nicht der Information der Leser sondern ihrer Konditionierung zugunsten der AKP dient!
Indem diese Zeitungen der AKP-Propaganda dienen und diese Partei damit weiter anfeuern, tragen sie zur Vertiefung der Polarisierung in der Türkei bei und schaden dem Land.
Diese Tatsache trat ein weiteres Mal in aller Blöße zu Tage als innerhalb einer Woche zunächst der Schließungsantrag gegen die AKP gestellt und dann am 21. März die Ergenekon-Festnahmen erfolgten. Während Zeitungen wie die New York Times, The Wallstreet Journal und Financial Times, die die Propaganda der AKP betreiben, dem Schließungsantrag breiten Raum gaben wurde die Festnahme von Ilhan Selcuk, Kemal Alemdaroglu und Dogu Perincek entweder vollständig übersehen oder sie wurde kurz und außerhalb jeden Kontextes gemeldet.
Ist die AKP als einzige normal?
Dass nur acht Monate nachdem eine Partei mit 46 Prozent der Stimmen an die Macht gekommen ist, gegen diese Partei ein Schließungsverfahren eröffnet werden kann, zeigt tatsächlich wie sehr die Angelegenheiten in der Türkei aus dem normalen Rahmen fallen. Nichts ist normaler, als dass die ausländische Presse die Ereignisse verfolgt. Doch andererseits denkt jemand, der diese Zeitungen liest, dass sich abgesehen von diesem Schließungsverfahren in jüngster Zeit in der Türkei nichts Außergewöhnliches ereignet hätte. Beispielsweise war, was die ganze Türkei für Tage erschütterte und auch das Gewissen von Staatspräsident Gül beunruhigte, die Verhaftung von Ilhan Selcuk, für diese Zeitungen ein normales Ereignis.
Wenn Sie dies analysierten...
Doch wenn allein diese Festnahme in einen politischen Zusammenhang gesetzt und mit ausgewogenen Nachrichten und Analysen gemeldet worden wäre, hätte es jenen, die durch die Lektüre dieser Zeitungen meinen, sich über die Türkei zu informieren, die Chance gegeben zu erkennen, dass die Regierung ihre Macht jenseits des normalen Rahmens gebraucht und einen gefährlichen Weg eingeschlagen hat.
Natürlich erwarte ich nicht, dass diese Zeitungen schreiben, während die Festnahme Ilhan Selcuks einer Untersuchung, die auf die Abwendung von Gefahren gegen die Demokratie zielt, dienen könnte, diese Untersuchung mit einem politischen Schal verdeckt und degeneriert wird.
Konservatismus auf der Tagesordnung
Was ich erwartet hätte, wäre die objektive Wiedergabe der Diskussion, die in der Türkei mit der Festnahme von Ilhan Selcuk entbrannt ist. Denn diese Diskussion trägt absolut den Wert einer internationalen Nachricht. Aber sie können es nicht melden… Denn sie haben ein so parteiisches, seichtes und tatsachenfremdes Portrait der AKP gezeichnet, dass sie eine solche Nachricht darin nicht unterbringen können. Zunächst müssen sie den Stil ihrer Türkei-Wahrnehmung verändern, die verwandten Begriffe, Definitionen – alles müsste von neuem errichtet werden und zwar in objektiver und ausgewogener Weise. So konnte Vincent Boland in seiner Nachricht/Kommentar für die Financial Times am 24. März 2008 erklären, dass die AKP „ihre Bindung an den Laizismus offen zum Ausdruck gebracht habe“, ohne dass es nötig gewesen wäre, dies mit irgendwelchen Fakten zu untermauern. Nun ist es tatsächlich, wenn sie sich in einem solche Maße an die AKP gebunden haben, sehr schwierig, mit Nachrichten in Widerspruch zu diesem selbst geschaffenen AKP-Image zu geraten. So werden zurückhaltende und verklausulierte Formeln gebraucht. Ich zitiere aus dem gleichen Text: „Die AKP verfolgt eine breite konservative Tagesordnung, die die Freigabe des Kopftuchs sowie soziale, politische und wirtschaftliche Reformen umfasst. Diese Agenda nahm den Platz der liberalen Reformen ein und überschatte sie, mit denen die AKP in ihrer ersten Amtszeit die Aufnahmeverhandlungen mit der EU sichern wollte.“
Wie sich zeigt, ist dem Kollegen die Lage sonnenklar, doch ist es unpassend, sie beim Namen zu nennen.
Über die Ergenekon-Festnahmen wird am Ende des Textes mit einigen Absätzen regelrecht hinweggegangen. Die Beziehung, die eine internationale Nachrichtenagentur zwischen der Festnahme von Ilhan Selcuk und Mordplänen an Orhan Pamuk hergestellt hatte, löste Gänsehaut aus. Die Agentur entschuldigte sich später, doch zeigen Tugenden wie Laster, wer man ist.
Den Ministerpräsidenten übergangen
Die Rede des Ministerpräsidenten in Usak, bei der er vom Volk mindestens drei Kinder pro Familie wollte, wäre für die internationale Presse eine sehr eindrucksvolle Nachricht gewesen – aber sie wurde übergangen. Es war der Erdogan, der im Editorial der Financial Times vom 22. März als „Pro-Europäer“ betitelt wurde, der sagte: „Man will die Wurzeln des türkischen Volks abgraben. Genau das ist es, was sie vorhaben. Zeugt mindestens drei Kinder, damit sich unsere junge Bevölkerung nicht verringert.“ Wen hat er wohl im Auge, wenn er von „denen, die die Wurzeln des türkischen Volkes ausgraben wollen“ spricht? Da der Begriff der Familienplanung keine Erfindung der Laizisten ist und auch nicht aus der Welt von Chinesen, Russen und Araber stammt, ist es wohl der Westen… Mit welch tiefen Zweifeln unser Ministerpräsident den Westen betrachtet, ist mit dieser Aussage, die von den angesprochenen Zeitungen übergangen wurde, zu Protokoll gegeben.
Auch die Worte „Wir haben nicht die Weisheit, sondern die Laster des Westens übernommen“, wurden von diesen Zeitungen übergangen.
Sie werden die Türkei verlieren
Die Presse, die sich beim Irak in besorgniserregender Weise blamiert hat, verfolgt nun eine Politik der Berichterstattung, die sich parallel zu den kurzfristigen Interessen der von Panik erfassten Regierungen bewegt. Sie ermutigen die AKP auf dem eingeschlagenen Weg. Damit trägt die Presse zur Vertiefung der Polarisierung bei, deren schreckliche Ergebnisse – wie immer sie auch ausfallen – die Türkei vom Westen entfernen werden. Sind sie etwa zu blind, um dies zu erkennen?
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