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Vom „Segen“ in die Traufe?
Junge Menschen brauchen dringend eine Zukunft
von Perihan Ügeöz
Der hohe Anteil der jungen Population innerhalb der türkischen Gesellschaft kann eine Chance sein. Derselbe Umstand kann sich jedoch ebenso in ein dramatisches Pulverfass verwandeln, sofern nicht dringend Maßnahmen ergriffen werden. Das ist die Quintessenz des am 21. März veröffentlichten Weltjungendberichts der Vereinten Nationen.
17,6 % der türkischen Gesamtbevölkerung sind junge Menschen. In absoluten Zahlen ausgedrückt, ist das in etwa 12 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren. Ungefähr 30 % davon wird als Schüler, ein anderer Teil von 30 % als arbeitstätig erfasst. Die verbleibenden 40 % dieser jungen Population bildet nach der Sprache des Berichts die so genannte „überflüssige“ Masse, die weder zur Schule geht noch eine Arbeit hat. Mit diesen Zahlen über unbeschäftigte Jugendliche kommt die Türkei auf den 10. Weltranglistenplatz.
Der Weltjugendbericht liefert eine umfassende Projektion über die Lage der Jugend. Neben der Misere der Arbeitslosigkeit werden Armut und Gewalt problematisiert, Möglichkeiten der politischen und sozialen Partizipation detailreich hinterfragt sowie Zukunftsperspektiven von jungen Menschen analysiert. Nachdem im Bericht unter anderem hervorgehoben wird, dass die Türkei in ihrer Region eines der Länder mit höchsten Wirtschaftswachstumsraten ist, wird der hohe Bevölkerungsanteil der Jugendlichen als eine demografische Chance für die Zukunft des Landes berücksichtigt. Gelingt es der Türkei, unmittelbar in den nächsten 15 Jahren ihre jungen Menschen auf die Herausforderungen der Zukunft angemessen vorzubereiten, in Bildung und Qualifizierung sinnvoll zu investieren, kann sie es schaffen, diese demografische Chance zu nutzen. Wenn es ihr aber nicht gelingt, diese Chance vernünftig zu managen, besteht nach Analyse des Berichts Gefahr, dass im Land die Arbeitslosigkeit horrende Ausmaße annimmt, neben Massenverelendung soziale Unruhen als ernsthafte Probleme auszubrechen drohen.
In der Zukunftsprojektion des Berichts werden Bildung und berufliche Qualifizierung von jungen Menschen als kritische Schlüsselfaktoren ausgewiesen. Dass verschiedenen Vorschlägen für eine zukünftige Jugendpolitik zunächst eine systematische Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Bildungssituation vorausgeht, ist darum nur nachvollziehbar. Bildungspolitische Prozesse im allgemeinen sowie im Besonderen die Art und Weise, wie in einer Gesellschaft das Bildungswesen strukturiert ist, wie es um die Bildungszugänge von verschiedenen sozialen Bevölkerungsgruppen steht, welche Lehrmethoden bevorzugt werden und andere dagegen nicht zum Zuge kommen oder welche Interaktionsformen zwischen Lehrern und Schülern gefördert werden, sind nicht zuletzt sowohl Ausschnitt als auch Ausdruck von sozialen und kulturellen Gegebenheiten in einer Gesellschaft. Während soziale und kulturelle Faktoren unmittelbaren Einfluss auf die Herausbildung und Entwicklung eines spezifischen Schulwesens ausüben, tragen umgekehrt bildungsrelevante Strukturen und Institutionen ihrerseits dazu bei, dass bestimmte soziale und kulturelle Phänomene - wie etwa das Verhältnis zwischen Autorität und Individuum, Einstellungen und Haltungen gegenüber Macht und Status, Hörigkeit und Unterwürfigkeit oder Eigenständigkeit und Individualität - sich innerhalb der Gesellschaft verfestigen und von Generation zu Generation fortpflanzen. Allein dieser Zusammenhang entschädigt die Mühe, die im Weltjugendbericht erfasste Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Bildungssituation zumindest in einigen ihrer Höhepunkte zu reflektieren.
Qualität von Bildung: Inwieweit Bildung einen qualitativen Beitrag zur persönlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung leistet, ist von elementarer Bedeutung. Obgleich in der Türkei die Schulpflicht von 5 Jahren auf 8 Jahre erhöht wurde, ist es dem Bildungswesen jedoch nicht gelungen, parallel zur Ausdehnung der Pflichtschuljahre die Vermittlung von Grundfertigkeiten sicherzustellen. Mit Verweis auf eine im Jahre 2001 unter den Schülern von 4. Schulklassen durchgeführte Studie stellt der Bericht fest, dass 42 % der Schüler gerade mal das unterste Niveau des Lesens und Schreibens erreicht. Insbesondere in Ländern mit einem sehr hohen Schüleraufkommen konzentriert sich die Bildungspolitik im Wesentlichen darauf, möglichst vielen Kindern eine Schulbildung zukommen zu lassen. Die Türkei ist eines dieser Länder. Indes wird aber der Stellenwert von Bildungsqualität, d.h. die Frage, was und wie in den Schulen gelehrt wird, eher vernachlässigt. Als Folge davon wird eine Vielzahl von Schülern aus den Schulen entlassen, ohne dass sie mit Grundfertigkeiten ausgestattet ist, um die Herausforderungen des Lebens zu meisten, die jenseits der Schultore auf sie wartet. Bei den kreativen Fähigkeiten der Schüler, einfache Fragestellungen zu meistern, die sich auf elementare Lebensprobleme beziehen, kommt die Türkei unter 40 Ländern auf den 5. Platz von hinten. Ein Grossteil der Schüler verfügt demnach nicht über die Fähigkeit, sich eigenständig einfache Kenntnisse aus verschiedenen Quellen anzueignen oder Wissen aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen und daraus eine Synthese herzustellen.
Dass die türkische Schule ernsthafte Probleme mit der Förderung von beispielsweise Kreativität ihrer Schüler hat, ist sicherlich nicht ein Thema, das allein und erstmalig im Jugendbericht problematisiert wird. Gerade die letzte Pisa-Studie, bei der die türkischen Schüler ausgesprochen schlechte Ergebnisse erzielten, führte jüngst zur kritischen Auseinandersetzung innerhalb der türkischen Öffentlichkeit. Als eine bildungspolitische Reaktion darauf sollte zum Beispiel erlebnis- und erfahrungsorientierter Projektunterricht in den Schulen stärker gefördert werden. Nun sind aber allen voran insbesondere Lehrer heillos mit einer solchen Aufgabe überfordert, weil zum einen ihnen selber Projektansatz nicht sehr vertraut ist. Sie sind jedoch auch deswegen überfordert, weil sie vielerorts und gerade in den Großstädten mit riesigen Schülerzahlen in ihren Klassen konfrontiert sind. Überfüllte Klassen, deren Schülerzahlen an die 60 Schüler pro Klasse und sogar darüber reichen, sind keine Seltenheit. Die hohen Schülerzahlen in den Klassen, die vielfach mit dürftiger Ausstattung einhergehen, führen die Forderung nach Erlebnis- und Erfahrungsorientierung im Unterricht regelrecht ad absurdum.
Andrang auf die Universitäten: Die türkische Gesellschaft weist eine starke Tendenz zur Statusorientierung auf. Im Bereich Bildung schlägt sich diese Tendenz unmittelbar in einem sehr hohen Andrang auf die Universitäten nieder. Im vergangen Jahr (2007) haben 1,7 Millionen Studienanwärter an der landesweit zentral durchgeführten Aufnahmeprüfung für die Universitäten teilgenommen. Der Jugendbericht stellt jedoch fest, dass im ganzen Land einschließlich der Fernstudiummöglichkeiten insgesamt ein Kontingent von 600 Tausend Studiumplätzen zur Verfügung steht und verweist damit implizit auf das Dilemma der Selektion.
Der hohe Andrang auf ein Universitätsstudium hängt neben der Statusorientierung sicherlich auch mit den Mängeln der Berufsausbildung zusammen. Insbesondere in den vergangenen 15 Jahren wurden zwar die Berufsoberschulen, im Türkischen „Meslek-Lisesi“ genannt, quantitativ ausgeweitet, die aber an Attraktivität manches zu wünschen übrig lassen. Alljährlich erhobene Statistiken belegen, dass gerade unter den Abgängern dieser Schulen eine sehr hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Ihren Absolventen steht zwar offen, an den zentralen Universitätsaufnahmeprüfungen teilzunehmen, um ein Studium aufzunehmen. Aber es zeigt sich immer wieder, dass die meisten Absolventen dieser Berufsoberschulen die Aufnahmeprüfungen nicht bestehen. Ihre Chancen, nach dem Abschluss einen Arbeitsplatz zu finden, sind ebenfalls äußerst problematisch. Gerade von Seiten der Industrie- und Wirtschaftskreise wird immer wieder bemängelt, dass weder die Lerninhalte noch die Lehr- und Lernmethoden der Berufsoberschulen den Erfordernissen auf dem Arbeitsplatz entsprechen.
Anstatt dem Ruf von Industrie und Wirtschaft für eine Zusammenarbeit zwecks Verbesserung der Berufsausbildungssituation ernsthaft entgegenzukommen, sollen stattdessen in baldiger Zukunft weitere Universitäten entstehen. So hat der Bildungsminister jüngst die Entscheidung für den Ausbau von 41 neuen Universitäten bekannt gegeben. Nach seinen Worten werde man damit der in den letzten Jahren drastisch gestiegenen Nachfrage für ein Universitätsstudium auffangen. Um dabei auch die Benachteiligung der östlichen Provinzen zu überwinden, sollen diese neuen Universitäten überwiegend in östlichen Städten aufgebaut werden. Nun werden solche Vorhaben mit Recht auch kritisiert, gibt es doch bereits jetzt eine Vielzahl von nur dem Namen nach Universitäten, deren jämmerliche Versorgung sowohl mit Lehrpersonal als auch Ausstattung dem Namen und Ruf einer Universität wahrlich keine Ehre zuteil kommen lassen. Selbst wenn die Studenten dieser „Tabelle“-Universitäten, wie sie im Türkischen abfällig genannt werden, im Konkurrenzkampf mit Absolventen von angesehenen Universitäten kaum eine Chance haben, einen Nutzen stellen sie dennoch zur Verfügung. Sie tragen mit dazu bei, dass zumindest für eine Weile junge Menschen nicht auf der Strasse landen und helfen so die Arbeitslosenstatistik zu dämpfen.
Ein Sektor innerhalb eines Sektors: Das ist eine vom Jugendbericht treffend gewählte Terminologie, mit der die Nachhilfeanstalten namens „Dersane“ als einem originär türkischen Phänomen evaluiert werden. Zum besseren Verständnis muss kurz erwähnt werden, dass es sich bei den Dersane zwar um Nachhilfeschulen handelt, die jedoch mit herkömmlichen Nachhilfeeinrichtungen etwa in Deutschland wenig vergleichbar sind. Es handelt sich vielmehr um eine Art Pauckanstalten für die zentralen Aufnahmenprüfungen der Universitäten, die ausschließlich nach dem Multiple-Choice-Verfahren organisiert sind. Der Bericht stellt fest, dass aufgrund des hohen Andrangs auf die Aufnahmeprüfungen der Universitäten und der damit einhergehenden massiven Konkurrenz nicht verwunderlich ist, dass dieses Prüfungsverfahren seinen eigenen Sektor in der Gestalt der Dersane hervorbringt. So hat sich in den vergangenen 23 Jahren die Zahl der Dersane parallel zu den Jahren um ein 23 Faches erhöht. Während im Schuljahr 2006/2007 über 4 Tausend Dersane gezählt wurden, blieb demgegenüber die Zahl der allgemeinbildenden Oberschulen bei 3.690. Neben dem hohen Andrang auf die zentralen Aufnahmeprüfungen wird im Bericht jedoch sehr zutreffend ein weiter Grund für die Ausweitung der Dersane genannt. Es handelt sich dabei um ein innerhalb der Bevölkerung verbreitetes Misstrauen gegenüber der Qualität von Bildung sowohl in den staatlichen als auch privaten Schulen. Um diese Aufnahmeprüfungen zu bestehen, ist es inzwischen in der Tat ein sehr weit verbreitetes psychologisches Pflichtgefühl, unbedingt eine Dersane besuchen zu müssen. Wenn man sich demgegenüber auch vergegenwärtigt, dass die Jahresgebühren der Dersane sich zwischen mindestens 500 und 4.000 Dollar bewegen, kann man bei dieser Gelegenheit sich auch ein Bild von der Benachteiligung jener Bevölkerungskreise machen, die kaum imstande sind ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, geschweige denn in der Lage wären, Beträge in diesen Größenordnungen zusätzlich aufzubringen.
Ministerpräsident Erdogan ist noch eine Antwort schuldig
Vollkommen unbeeindruckt von Warnungen über Massenarbeitslosigkeit und soziale Verelendung ist der Ministerpräsident Erdogan seit dem internationalen Frauentag kaum noch zu bremsen. So oft er Anlass und Gelegenheit sieht, fordert er die Frauen auf, mindestens 3 Kinder zu gebären. Hatte er zum Anlass des 8. März die Frauen noch als einen „Bruder“ angesprochen, so ist er inzwischen dazu übergegangen, sein Amt als Ministerpräsident zu unterstreichen und die Frauen Kraft dieses Amtes aufzufordern, nach seinen Worten allen üblen Kritiken zum Trotz für den üppigen Fortbestand der Nation zu sorgen und mindestens 3 Kinder zu gebären. Wer dieses Land und seine Nation liebt, müsse diese Forderung unterstützen. Jene Kreise, die davor warnen und seine Forderung verunglimpfen, seien um das Wohlergehen dieses Landes unbesorgt. Einer von diesen Kreisen ist der ehemalige Staatspräsident Süleyman Demirel, der sich vor wenigen Tagen auf die Diskussion über 3 Kinder einließ und die Position vertrat, dass man wirklich nur soviel Kinder auf die Welt setzen sollte, wie man finanziell imstande ist, sie zu versorgen. Mehr Kinder zu haben, zieht die Gefahr nach sich, dass ein Grossteil davon im Elend landet. Erdogan ist dafür bekannt, dass er um Antworten so gut wie nie in Verlegenheiten kommt und erst recht nicht, wenn ihm eine Sache so am Herzen liegt. Kinder sind für ihn ein Segen und als Reaktion auf die Position von Demirel verweist er auf sein eigenes Leben. Er selber stamme auch nicht aus einer wohlhabenden Familie und hätte es trotzdem weit gebracht. Nun wird er zu Recht von einfachen Bürgern gebeten, dass er ihnen die Wege und Verfahren beschreibt, wie man von ganz unten nach oben kommt und ähnlich wie er selbst auch noch dafür sorgt, dass man die Kinder mit dem Stipendium eines reichen Wohltäters für ein Studium in die USA schickt. Sollte Erdogan diese Fragen je beantworten, kann er sicher sein, dass mindestens 80 % der Bevölkerung an Ort und Stelle alles stehen und liegen lässt, um seinen Worten mit höchster Aufmerksamkeit Gehör zu schenken.
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