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Jahrgang 4 Nr. 15 vom 10.04.2008
 

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6.Türkische Filmwoche Berlin

Im Fokus: Das Thema Gefangenschaft

Von Claus Stille

Am 3. April 2008 hat im Delphi Filmpalast in Berlin-Charlottenburg die

nunmehr 6. Türkische Filmwoche begonnen. Das Ereignis, welches 2003 das erste Mal stattfand, steht unter Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Klaus Wowereit (SPD).

Klaus Wowereit sagte über die Türkische Filmwoche - welche im vergangenem Jahr mit 3500 Filmfreunden ein weiteres Mal ein massives Plus an Zuschauern registieren konnte - sie sei eine wichtige Plattform, um „uns die Türkei, ihre Menschen, ihre Kultur nahe zu bringen und so den Austausch zwischen den Filmszenen zu befördern“.

Eröffnet wurde die Schau des Türkischen Films mit dem mehrfach preisgekrönten

Film „Mutluluk“ (Glück) des Regisseurs Abdullah Oguz (nach einer literarischen Vorlage von Zülfi Livanelli).

Bis zum 12. April werden insgesamt 15 ausgewählte Filmproduktionen unterschiedlicher Genres aus der Türkei zu sehen sein. Außer im Berliner „Delphi Filmpalast am Zoo“ können die Zuschauerinnen und Zuschauer die neuesten türkischen Filme auch im „Broadway“ und im Kino „Neues OFF“ sehen. Zwecks Fragen und Diskussionen stehen dem Publikum die meisten Regisseure, Autoren und Darsteller vor Ort zur Verfügung.

Diesmal steht das Thema Gefangenschaft im Fokus der Filmwoche. Passend dazu wurde am

7. April vor Insassen der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel der Film

„Bayrampasa – Die Gefangenen“ (Regie: Hamdi Alkan; Drehbuch und Darsteller: Gefangene und Justizvollzugsbeamte des Istanbuler Gefängnisses Bayrampasa) gezeigt.

Der außergewöhnliche Streifen lief in Anwesenheit der Berliner Justizsenatorin Gisela von der Aue und dem türkischen Staatsanwalt Metin Sentürk (für das Gefängnis Bayrampasa zuständig). Als Ebenfalls als Gäste avisiert waren der Generalkonsul der Türkischen Republik, Ahmet Nazif Alpman, sowie die Integrationssprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Bilkay Öney.

In den Diskussionen rund um das Thema Gefängnis, ging es auch um die anhaltenden Proteste gegen die Legalisierung der so genannten Isolationshaft in der Türkei.

Gemeint ist da vor allem der Vollzug der Strafe in den so genannten F-Typ-Gefängnissen. In diesen Haftanstalten gibt es keine der bisher im türkischen Strafvollzug üblichen Gemeinschaftszellen mehr. Die Insassen befürchten in kleineren Zellen eher Übergriffen von Wärtern ausgesetzt zu sein. Das türkische Justizministerium weißt allerdings jegliche Kritik an den F-Typ-Haftanstalten mit dem Verweis darauf, diese Gefängnisse orientierten sich an der EU-Norm, bislang vehement von sich.

Es wäre erfreulich, nähme sich das deutsche Fernsehen des Filmes „Bayrampasa“ baldmöglichst an, um es auch einem größerem Publikum in Deutschland zugänglich zu machen.

Das Istanbuler Gefängnis Bayrampasa wurde 1968 für ursprünglich 1210 Strafgefangene konzipiert und gebaut. Heute müssen dort unglaubliche 4165 Inhaftierte ihre Haftstrafe verbüßen. Weder die Einrichtung noch die nötigen sanitären Anlagen sind der stetig gestiegenen Anzahl von Gefangenen angepasst worden. Auf 100 Quadratmeter pro Zelle teilen sich 100-120 Inhaftierte zwei (!!!) Toiletten und eine (!!!) Dusche...

Dank der Hilfe und des Einsatzes des Staatsanwalts Sentürk sollen die Gefangenen nun noch im

April 2008 von Istanbul Bayrampasa in die Anstalt Silivri umziehen können. Dort werden ihnen dann 3er Zellen mit zwei Toiletten und Duschen zur Verfügung stehen. Um der steigenden Gewalt in den Haftanstalten entgegenzuwirken, heißt es, sollen den Strafgefangenen außerdem mit Unterstützung der EU Bildungsmöglichkeiten eröffnet werden.

Auch die Regisseurin Biket Ilhan nahm sich des Themas Freiheitsentzug als Strafe an. In ihrem Film „Mavi Gözlü – Nazim Hikmet“ setzt sich die Filmemacherin mit der schriftstellerischen Schaffensperiode des international bekannt gewordenen Dichters Nazim Hikmet (geb. am 20.1.1902 in Thessaloniki/gest. Am 3.6.1963 in Moskau) auseinander, der 1938 wegen kommunistischer Propaganda zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Dokumentarisch befasst sich Mehmet Eryilmaz in „Nazim Hikmet“ mit dem Literaten, indem er ein filmisches Portrait von ihm zeichnet.

Hochinteressant dürfte auch die Arbeit von Hüseyin Karabey sein. Karabey beschäftigt sich in „Silent Death“ (Der leise Tod) in Form von Interviews mit ehemaligen Insassen von Einzelzellen mit der Isolationshaft als Disziplinarmaßnahme im Strafvollzug und will auf diese Weise zur Diskussion anregen.

Ein Novum bei der diesjährigen Türkischen Filmwoche in Berlin ist eine Kurzfilmreihe. Sie wurde in Kooperation mit dem Kurzfilmfestival „!f Kisalari Istanbul“ aus der Taufe gehoben.

Safa Önal wartete mit einer Hommage an die Filme der Yesilcam-Ära – der Blütezeit des Türkischen Kinos in den 1970er Jahren – in Form seines Films „Hicran Sokagi“ auf.

Fazit: Die 6. Türkische Filmwoche Berlin konnte auch in diesem Jahr wieder mit einem interessanten und reichhaltigen Programm aufwarten. Zu hoffen und zu wünschen ist - den Gästen wie den Organisatoren – dass nach dem Ende der Filmschau auch diesmal eine Steigerung der Zuschauerzahlen verkündet werden kann.

Schon jetzt ist eines klar: die ausgewählten Filmproduktionen und die darin angegangenen Themen, sowie deren filmische Umsetzung durch Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspielerinnen und Schauspieler, künden auf die eine oder andere Weise von einem beachtenswerten Qualitätssprung im Neuen Türkischen Film. Dass diese Entwicklung ganz offenbar auf gutem Wege ist, darauf ließen bereits vor kurzem auch die auf dem Filmfestival Türkei/Deutschland in Nürnberg gezeigten Beiträge (auch dort lief z.B. „Mutluluk“ erfolgreich) und die allgemeine gute Resonanz (sowohl von Jury und Publikum) schließen.

Sollte also auf dem Gebiet der Türkischen Filmkunst eine nicht nur neue, sondern auch hoffnungsvolle Ära, welche diese Bezeichnung auch ehrlich verdient, angebrochen sein? Wenn ja, dann sollte sie möglich lange anhalten und erfolgreich sein! Die Zeichen dafür scheinen nicht schlecht zu stehen...

 

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Last modified: 28.12.2003