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Jahrgang 4 Nr. 17 vom 24.04.2008
 

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Warum wurde sie ausgerechnet in der Türkei vergewaltigt und ermordet?

von Perihan Ügeöz

Am 31. März wurde die Leiche von Pippa Bacca in der Nähe von Gebze aufgefunden. Ihr vergewaltigter und nackter Körper fand sich in einer Grube. Sie war eine italienische Künstlerin und bekannt als die „Friedensbraut“. Im weißen Brautgewand wollte sie per Anhalter nach Palästina, um eine Botschaft für den Frieden zu verkünden. Am 8. März, dem internationalen Frauentag, machte sie sich in Italien auf den Weg, überquerte Kroatien, Serbien, Bosnien, Bulgarien und fand in der Türkei den Tod. Warum wurde sie ausgerechnet in der Türkei vergewaltigt und ermordet?

Für die Einen handelt es sich um einen tragischen Vorfall, der jedoch genauso hätte woanders vorkommen können. Schließlich sind Vergewaltigungen und Morde weltweit verbreitet. Für Andere dagegen ist es mitnichten ein Zufall, dass Pippa Bacca in der Türkei ihr tragisches Ende fand. Welche der Positionen ist zutreffend? Ist die Türkei tatsächlich gefährlicher als diejenigen Länder, die Pippa Bacca bereits überquert hatte? Wenn dem so ist, liegt es etwa an den vielen sexuellen Tabus? Oder hängt es mit einem moralischen Verfall innerhalb der Gesellschaft zusammen? Hat sich die Gesellschaft gravierend gewandelt und haben dabei Übergriffe und Vergewaltigungen zugenommen? Das sind freilich alles keine Fragen, auf die sich schnelle Antworten noch dazu von eindeutiger Sorte präsentieren ließen. Manche der in den Medien stattgefundenen Reflexionen darüber sind nichtsdestotrotz anregend, weil sie verschiedene Facetten des soziokulturellen Klimas vergegenwärtigen und dabei ebenso Anlass bieten, um etwas über die Gemütslagen innerhalb der Gesellschaft nachzudenken.

Wächst innerhalb der Gesellschaft die Aggressivität?

Die Soziologieprofessorin Nur Vergin stellt zum Beispiel zuerst fest, dass die Türken nicht immer so waren, wie sie jetzt sind. Natürlich haben dabei die Menge und Vielfalt der Kommunikationsmedien ihrerseits dazu beigetragen, dass die Sichtbarkeit von Vergewaltigungen und Übergriffen wesentlich transparenter geworden ist. Dass Vergewaltigung in anderen Gesellschaften ebenso vorkommt, ist sicherlich eine Tatsache. Sie verweist jedoch auch darauf, dass in der Türkei die Intensität solcher Vorfälle deutlich zugenommen hat. Als Wissenschaftlerin ist sie jedenfalls heil froh, einen Grossteil ihrer Feldforschungen zu früheren Zeiten gemacht zu haben. Sie erinnert, dass sie als junge Frau allein und nur mit einem Koffer in der Hand tage- und monatelang durch die Regionen des mittleren und östlichen Anatoliens unterwegs war und dabei kein einziges Mal einem Ereignis begegnete, das bei ihr Angst und Furcht ausgelöst hätte. Im Gegenteil, in manchen der östlichen Dörfer, wo sie sich zuweilen mehrere Monate lang aufhielt, wurde ihr jene Gastfreundschaft gezeigt, die entsprechend den kulturellen Sitten und Traditionen in den ländlichen Dörfern jedem anderen fremden Menschen ebenfalls zuteil wurde. Aber das ist lange her. Heute jedenfalls würde sie sich als Frau nicht einmal mehr trauen, allein in einige der Vororte von Istanbul zu gehen, geschweige denn durch entlegene östliche Dörfer des Landes zu reisen. Seit einigen Jahren trägt sie in sich eine Besorgnis, deren Namen sie noch nicht genau bestimmen kann. Sie stellt fest, dass in den letzten 5 bis 6 Jahren sich das soziokulturelle Klima in der Türkei merklich gewandelt hat. Innerhalb der Bevölkerung hat ihrer Meinung nach die Aggressivität deutlich zugenommen, die sich vor allem gegen diejenigen Kreise innerhalb der Bevölkerung richtet, die am schwächsten sind, also gegen Kinder, Frauen, Behinderte und alte Menschen.

Konservatismus als Ursache der wachsenden Aggressivität?

Verschiedene andere Kreise, die ebenfalls einen Anstieg der Aggressivität innerhalb der Gesellschaft feststellen, bringen diese Entwicklung mit der Zunahme des politischen Konservatismus in Zusammenhang. Die Soziologin Nur Vergin möchte diesen Zusammenhang nicht völlig außer Acht lassen. Sie fragt sich jedoch, inwieweit es zutreffend ist, hier von einem klassischen Konservatismus zu sprechen. Denn Konservatismus bedeute nach Lektüre Festhalten an Werten und Tradition und beinhalte zugleich den Wunsch, sich auf eigene Kultur und Geschichte zu besinnen. Wenn man sich demgegenüber die Werte und Tradition der türkischen Kultur vergegenwärtigt, lässt sich nach Nur Vergin in keinster Weise ein Hinweis dafür finden, dass zum Beispiel Schlechtbehandlung von fremden Menschen oder Frauenvergewaltigung auch nur im mindesten gutgeheißen bzw. befürwortet werden würden. Deswegen erscheint es für sie problematisch, die zunehmende Aggressivität als unmittelbare Folge eines wachsenden Konservatismus zu interpretieren. Vielleicht sollte man dem Phänomen einen anderen Namen geben als politischen Konservatismus. Für sie ist demgegenüber eindeutig, dass es sich bei der Aggressivität auch um eine gesellschaftliche Reaktion handelt, die sich gegen den schnellen Wandel innerhalb der Gesellschaft ebenso richtet wie gegen Verstädterung und Verarmung. Schließlich bewertet sie diese Reaktion auch als eine unmittelbare Folge von einer wachsenden Ungeduld gegenüber Entbehrungen. Sofern man diese Reaktion mit einem Konservatismus in Verbindung bringen kann, dann handelt es sich auf alle Fälle um eine aggressive Sorte von Konservatismus, die ihr ernsthafte Sorgen bereitet.

Vehbi Baser ist ebenfalls ein Soziologe, der mit Nur Vergin darin übereinstimmt, dass der Begriff des Konservatismus als einer politischen Ideologie eigentlich etwas anderes beinhaltet, als das, was sich gegenwärtig in der Türkei beobachten lässt. Beispielsweise seien Hunderte und Tausende von Menschen aus ihren Heimatorten und –dörfern losgerissen worden und hätten sich in den Städten niedergelassen. Wenn diese Menschen verschiedene Dinge, die sie in ihren Dörfern für normal und selbstverständlich erachteten, in der Stadt protegieren und fortsetzen wollen, würde man nach Vehbi Baser dazu neigen, dieses Verhalten als konservativ zu bezeichnen. Und wenn diese Menschen sich sagen, dass es im Dorf kein Problem war, die Frau zu verprügeln, und es infolgedessen in der Stadt ebenfalls kein Problem sein sollte, ein gleiches zu tun, tendiere man schnell dazu, dieses Verhalten fälschlich als konservativ auszulegen. Für Bascher handelt es sich hierbei vielmehr um eine Verwahrlosung, die jedoch mit Konservatismus im politischen oder allgemeinen Sinne recht wenig zutun habe.

War die Türkei einst ein friedlicher Boden?

Tugrul Eryilmaz ist ein Journalist der Tageszeitung Radikal, der sogleich eine andere Sprache wählt als es die Wissenschaftler tun. Er jedenfalls scheint es gründlich Leid zu sein, dieses Gerede von „einst war die Türkei ein Stück friedliche Erde“ weiter zu hören. Nachdem er an verschiedene Gräueltaten in der Vergangenheit erinnert, fragt er mit Ungeduld, wie man dennoch an der Naivität festhalten könne und von friedlicher Erde rede. Die Türkei war schon immer eine in sich geschlossene Gesellschaft, und ein eigentümliches Misstrauen gegenüber allem, was sich fremd anmutet, sowie die Angst vor dem Andersartigen seien da gewesen, solange er sich erinnern kann. Wurde zum Beispiel die Last von Ehre und Sittlichkeit nicht schon immer einzig auf dem Rücken der Frau ausgetragen? So gesehen, hat aus seiner Warte ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel nicht stattgefunden. Wohl gibt es dennoch einen Unterschied zur Vergangenheit, der für ihn darin besteht, dass diese Dinge zusammen mit dem Anstieg des religiösen Konservatismus deutlich sichtbarer geworden sind. Selbst die Blicke von bestimmten Personengruppen würden Gewalt ausstrahlen, so als ob sie nunmehr ein Recht dazu hätten.

Haben denn Länder mit weniger sexuellen Tabus es geschafft, das Problem der Vergewaltigung zu lösen?

Nuray Mert, ebenfalls Journalistin, stellt fest, dass es der Menschheit leider noch nicht geglückt ist, das Geheimnis der Sexualität zu dekodieren. Schließlich ist Vergewaltigung bedauerlicherweise nach wie vor ein universelles Problem. Wohl sei Kritik an der Dominanz der Männerkultur und den damit verbundenen Problemen berechtigt. Doch die Behauptung, Vergewaltigung als eine Straftat sei insbesondere in Gesellschaften verbreitet, wo die Sexualität tabuisiert ist, sei ungerecht. Selbst in den liberalen Gesellschaften des Westens, wo die Sexualität längst kein Tabuthema mehr ist, sei in dieser Hinsicht die Bilanz leider alles andere als optimistisch. Natürlich ist auch sie dagegen, dass die Sexualität mittels Verbote und Tabus als ein soziales Unterdrückungsmittel benutzt wird. Worum es ihr vielmehr geht, ist, dass man die Grenzen der Kritik an diesem tragischen Vorfall nicht überstrapaziert und endlich davon abkommt, dass dieser Fall mit einem sozialen Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem Westen in ein Staatsdrama verwandelt wird.

Ist die Scham ein individueller Akt?

In seiner Kolumne mit dem Titel „Übergriff auf den Frieden“ verleiht Mithat Sancar seiner Wut und Empörung über die Art der Berichterstattung Ausdruck. Als Beispiel zitiert er eine von der Tageszeitung „Hürriyet“ gewählte Schlagzeile: „Schlechte Menschen gibt es überall!“ Es handelt sich bei dieser Schlagzeile um einen kleinen Ausschnitt aus den Sätzen der Schwester der ermordeten Pippa Bacca. Mithat Sancar bezeichnet dieses Zitatbeispiel als eine geschmacklose und abstoßende Form von Nationalismus. Wenn ein Türke irgendwo in der Welt eine gute Tat vollbringt, werde die ganze Nation aufgefordert, kollektiven Stolz zu empfinden. Begeht aber ein Türke eine Schandtat, dann soll es sich plötzlich um einen Einzelfall handeln? Mithat Sancar bittet Pippa Bacca noch um einen letzten Gefallen. Sie möge bitte dem im vergangenen Jahr vor seiner Zeitung „Agos“ ermordeten Hrant Dink Grüsse im Himmel ausrichten.

* * *
Einem Frauenhaus in Konya wurde der Name „Pippa Bacca“ vergeben. In der Pressekonferenz dazu hieß es, dass man damit den Namen sowie die Friedensabsicht der Ermordeten fortleben lassen möchte. Ob Pippa Bacca dadurch fortleben wird, sei dahingestellt. Auf alle Fälle hilft diese Tat, das national aufgewühlte Gewissen etwas zu trösten.

Quellen:
Fernsehprogramm „Neden?“ des Senders NTV vom 15.04.2008
Nuray Mert:“Tecavüz ve Siyaset“ in: Tageszeitung „Radikal“ vom 22.04.2008
Mithat Sancar: „Barisa Tecavüz“ in: Tageszeitung „Birgün“ vom 16.04.2008

 

 

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Last modified: 28.12.2003