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Die Deuken tun 'wasVon Claus Stille Kinder von Einwanderern haben es in Deutschland in der Regel nicht leicht. Deshalb sind Erfolgsmeldungen, sie betreffend, in den Medien wohl auch so rar. Positive Ansätze von gelungener Integration werden oft übersehen. Getreu nach dem Motto bad news are good news – der Quote sowie dem Umsatz zuliebe – haben halt Themen wie Jugendgewalt und „Parallelgesellschaft“ eher die Chance, auf den Fernsehbildchirm bzw. ins Blatt gebracht zu werden. Differenziert wird dabei kaum. Was nötig wäre. Denn die meisten Probleme haben soziale Ursachen. Und die wirken sich bei Jugendlichen – egal welcher Abstammung – in der Regel gleich negativ aus... Gespaltene Sichtweisen Interessieren die Sorgen und Nöte von Migranten-Kindern niemanden in Deutschland? Will wirklich niemand wissen, wie sie ticken? Manchmal drängt sich einem dieser Eindruck auf. Unter türkischstämmigen Jugendlichen z.B. ist diese Ansicht weit verbreitet. Auch viele Erwachsene mit türkischen Wurzeln haben dieses Gefühl. Selbst mit deutschem Pass in der Tasche empfinden sie nahezu tagtäglich: ich kann machen, was ich will, ich bleibe doch stets nur der Türke, die Türkin... Während unter bestimmten gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland das Interesse an der Türkei verstärkt zunimmt, ist es - was die in der BRD lebenden Türken anbelangt – nahezu gleich Null. Besonders jungen Deutschen gilt der brodelnde Schmelztiegel Istanbul inzwischen als ein beliebtes Reiseziel. In erster Linie schätzen die jungen Leuten - neben den vielen kulturellen und touristischen Anziehungspunkten - die lebendige Musik- Diskotheken- und Amüsier-Szene am Bosporus. Es heißt, selbst London und Paris blieben meilenweit dahinter zurück... Ebenfalls haben deutsche Unternehmen das wirtschaftlich boomende Istanbul als wichtigen Zukunftsstandort entdeckt. Darüber hinaus scheinen sich immer mehr Intellektuelle geradezu magisch von Istanbul und anderen Orten der Türkei angezogen zu fühlen. Sie lassen sich offenbar von der aufregenden Megametropole Istanbul und der Türkei als Bindeglied zwischen Okzident und Orient inspirieren. Im Entstehen ist augenscheinlich ein Sog, welcher vor Jahrzehnten in ähnlicher Weise nur die Toskana betreffend zu beobachten gewesen war... Aylin Selcuk packt da zu und an, wo sie lebt Aylin Selcuk dagegen richtet ihren Blick nicht nur ins Mutterland Türkei. Sie lebt einvernehmlich mit Körper und Geist ganz und ausgesprochen gern in Deutschland. Deshalb möchte sie sich auch da für die Interessen von Migranten-Kindern einsetzen. Aylin tut das, obgleich sie selbst keine Probleme mit der Integration in die deutsche Gesellschaft haben dürfte: Ihre Mutter ist Leiterin einer Bankfiliale, der Vater Korrespondent einer großen türkischen Zeitung. Aylins Großvater war noch als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Aylin nun ist Deutsche. Abstammung und Bikulturalität stellen für die 19-jährige ein Vorteil dar, mit dem sich wuchern lässt. Aylin Selcuk studiert Zahnmedizin. Die engagierte junge Frau weiß, dass es andere ausländische Altersgenossen, denen das Etikett „Migrationshintergrund“ anpappt, schwerer im Leben haben. Etwa wenn es um Lehrstellen- oder Arbeitsplatzsuche geht.
Fauxpas des Lieblingslehrers gab den Anstoß zur Gründung eines Vereins All jenen Jugendlichen möchte Aylin ein Podium geben und Sprachrohr für deren Anliegen sein. Deshalb wurde sie aktiv. Damals war sie Schülerin an einem Gymnasium im feinen Berliner Viertel Grunewald. Im Rahmen des Leistungskurses Politik schlugen die Wogen hoch. Gerade Aylins Lieblingslehrer beging ein in ihren Augen unmöglichen Fauxpas: Als er mit der Klasse aktuell über die Gewalt an der Rütli-Oberschule im Problembezirk Neukölln diskutierte, fragte der Lehrer in die Runde: „Wollt ihr etwa mit den Prügeltürken in einer Klasse sein?“ Aylin war damals sehr verletzt und sauer. Natürlich war ihr klar, dass die von bestimmten Medien damals noch zusätzlich hochgeputschte Situation an der Rütli-Schule kein ausschließliches Ausländerproblem war. Vielmehr mussten die Ursachen für schulische Gewalt in sozialen Problemen und bestehenden Bildungsdefiziten gesucht werden. Aylin Selcuk inspirierte dieser Vorfall zur Gründung des Vereins „DeuKische Generation e.V.“.
Homepage DeuKische Generation e.V. (Photo:Screenshot Autor) Der Verein versammelt junge, engagierte und ambitionierte SchülerInnen und StudentInnen. Das Mischwort DeuKisch ist rasch erklärt: es setzt sich aus DEUtsch und TürKISCH zusammen. DeuKisch wird als die Definition „des Lebensgefühls von türkischstämmigen, bikulturell und bilingual aufgewachsenen Jugendlichen“ verstanden. Es soll deren Lebensweise und Erfahrungen widerspiegeln. Wie die 3. Generation von Einwanderen sich im Wesentlichen sieht Deutsche und türkische Kultur möchte man so miteinander verbinden. In gesellschaftlicher, kultureller wie auch politischer Hinsicht. Eingedenk der Tatsache, dass sich die 3. Generation der einstigen Einwanderer unterdessen vom Rollenbild des Migranten und Gastarbeiters gelöst hat und sich im Wesentlichen als fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft begreift. Der Verein mahnt angesichts des demografischen Wandels und des gleichzeitig weiteren Voranschreitens der Globalisierung an, die Ressourcen und Potentiale im eignen Lande zu erkennen und „frühzeitig zu fördern“. Als Schirmherrin des Vereins fungiert Prof. Dr. Maria Böhmer, MdB (CDU), Staatsministerin beim Bundeskanzleramt (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration). Deukische Ziele Die „DeuKische Generation“ wird konkret in Arbeitskerngruppen tätig, indem „gezielt und effizient“ migrationspolitsch relevante Erkenntnisse zusammentragen werden, Forschung betrieben wird und man Projekte entwickelt, welche dem Verein vorgelegt und gemeinsam realisiert werden. Der Verein möchte innerhalb kürzester Zeit zu einer gesellschaftlichen Institution werden, die „primär die Integration von türkischstämmigen Bürgern in Berlin verbessert.“ Von bereits existierenden ähnlichen Organisationen unterscheidet sich die „DeuKische Generation“ schon dadurch, dass sie aus Jugendlichen besteht. Der Verein glaubt allein schon deshalb, einen besseren „Draht“ zu jugendlichen Migranten aufbauen zu könne. Über die bloße Vorbildwirkung hinaus, will man bei konkreten Problemen zur Stelle sein und Lösungen entwickeln helfen. Von der Tatsache, in zwei Kulturen aufgewachsen zu sein, leiten die jungen Deuken ab, bei denen als Zielgruppe anvisierten Altersgenossen und deren Angehörigen, diverse Möglichkeiten und Verbesserungsvorschläge besser kommunizieren zu können. Ein Schwerpunkt der Vereinsarbeit wird das Thema „Bildung für Migranten“ sein. Mitglieder suchen „Problemschulen“ auf, erzählen dort ihre eigne Lebensgeschichte und geben Ratschläge. „Elternlotsen“ sollen mit Übersetzungen helfen und über das deutsche Schulsystem informieren. Generation der Deuken in allen Facetten vorstellen – Missverständnisse abbauen... Der junge Verein bezweckt vor allem, der deutschen Gesellschaft „die Generation der Deuken in all ihren Facetten vorzustellen“ und das oft falsche (meist von Vorurteilen) geprägte Bild in der Öffentlichkeit korrigieren zu können und hofft, „kulturelle Missverständnisse“ abzubauen. Die „DeuKische Generation“ will sich dafür einsetzen, dass die jetzige Generation Jugendlicher mit Migrationshintergrund dabei unterstützt wird, „vorhandene Chancen wahrzunehmen“ und „sich der Verantwortung in der Gesellschaft bewusst zu werden“, um ihren persönlichen Anteil am Gelingen eines friedlichen gemeinsamen Zusammenlebens in der Gesellschaft einzubringen. Aktives Vereinsmitglied können Menschen im Alter von 16 – 29 Jahren werden (Jahresbeitrag: 36 Euro). Eine Fördermitgliedschaft können Jugendliche oder Erwachsene (ohne Altersbeschränkung) erwerben (Jahresbeitrag: 60 Euro).
„Alpha-Mädchen“? Engagiert und selbstbewusst allemal Ob sich die Vorstandsvorsitzende der „DeuKischen Generation“, Aylin Selcuk, selbst als „Alpha-Mädchen“ sieht - wie des „Der Spiegel“ in einer Ausgabe ausdrückte – ist nicht bekannt. Engagiert und selbstbewusst ist Aylin allemal. Dass hat sie allein schon durch die couragierte Gründung des Vereins bewiesen. Die Deuken sind jedenfalls nicht nur da, sondern tun auch etwas. |
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