Jahrgang 4 Nr. 20 vom 15.05.2008
 

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Sulukule: Die Roma mitdenken

Claus Stille

Im ungarischen Pecs, der deutschen Stadt Essen - unter Einbeziehung der Region Ruhrgebiet - und in Istanbul arbeitet man auf ein bedeutsames Ereignis im Jahre 2010 hin. Dann nämlich tragen die genannten Städte für ein Jahr den Titel „Kulturhauptstadt Europas“.

Neben der Organisation von zahlreichen Veranstaltungen machen sich in Vorbereitung des Kulturhauptstadt-Jahres 2010 verständlicherweise auch manche Bau- bzw. Renovierungsarbeiten in den teilnehmenden Städten notwendig; oder wurden eigens zu diesem Zwecke ins Auge gefasst.

So auch in Istanbul. Finanzielle Mittel, etwa für nötige Sanierungen, fließt aus Brüssel und stammt aus Fördertöpfen der EU.

Die Stadtverwaltung Istanbul hat sich ein größeres Sanierungsprogramm vorgenommen: Man möchte Istanbul gleich an verschiedenen Stellen auf das Jahr 2010 vorbereiten.

Unter anderem soll das Viertel Sulukule (deutsch: Wasserturm) wieder im osmanischen Stil erstehen.


Straßenansicht von Sulukule (Photo/Quelle: Wikipedia.de)

Was viele nicht wissen dürften: Sulukule gilt als das älteste Romaviertel Europas. Und die Geschichte dieser Roma reicht bis ins Jahr 1054 zurück. Die Roma tanzten vor byzantinischen Kaisern, wie vor osmanischen Sultanen. Sie handelten mit Pferden und traten traditionell als Bärenführer, Musiker, Akrobaten und Gaukler auf.

Heute sollen dort noch ungefähr 3500 Roma leben. Das sind etwa zwei Drittel der Einwohner von Sulukule.

In Sulukule geht es weites gehend ärmlich zu. Viele Hütten und Häuser machen einen verfallenen Eindruck. Es bröckelt an allen Ecken und Enden. Viele der Dächer der einfachen Behausungen sind in bejammernswertem Zustand und undicht.

Geht es nach den Verantwortlichen des Stadtbezirkes Fatih, zu welchem Sulukule gehört, soll sich das ändern. Und der Wandel hat bereits begonnen: Zuerst kommen städtische Beamte und pinseln auf Hütten und Häuser ein X. Später kommen dann die Bagger – meist mit Polizeischutz – und reißen die so gekennzeichneten Bauten ab.

Freilich: man bietet den Bewohnern Entschädigungen bzw. Ersatz für ihre einstigen Behausungen an. Die Einwohner jedoch, vor allem die Roma, hängen an ihrem Viertel und wollen es nur ungern verlassen. Es ist halt ein Stück historisch angestammter Heimat für sie. Nicht nur deshalb fällt es ihnen aber schwer, woanders heimisch zu werden. Einerseits können sich diese Menschen die höheren Mieten bzw. Kaufpreise für Wohnungen anderswo nicht leisten. Andererseits sind sie in anderen Vierteln auch höchst unwillkommen. Denn wie in anderen Ländern auch, treffen die Roma als Minderheit ebenfalls in der Türkei auf große Vorurteile und Ablehnung unter der Mehrheitsbevölkerung.

Sicherlich können auch die Roma nicht auf ewig in der Vergangenheit leben und müssen wie der Rest der Bevölkerung auch einen bestimmten Wandel der Lebensumstände in Kauf nehmen. Schon jetzt sind Pferdewagen in bestimmten Stadtteilen Istanbuls unerwünscht.

Doch das ist es nicht allein. Die Roma beschleicht nicht selten das Gefühl, nicht gewollt zu sein.

Das kann nicht nur mit dem Kulturhaupstadtjahr 2010 im Zusammenhang stehen. Vor elf Jahren siedelte die Stadtverwaltung Roma aus anderen Vierteln in den Stadtbezirk Yakuplu um. Wo jetzt ca. 1500 Roma leben. Nun, hört man, sollen dort ihre Sozialwohnungen abgerissen werden.

Die Roma könnten mit ihrem unguten Gefühl gar nicht einmal so falsch liegen. Jan Keetman zitiert in einem Artikel für das „Neue Deutschland“ (3.5.2008) die Zeitung „Milliyet“. Demnach hat das Blatt ein internes Papier der Stadtverwaltung über die Umsiedlungspläne veröffentlicht. Darin heißt es, dass in dem Viertel ohnehin nur „braune Mitbürger“ wohnen.

Den Roma fehlt es auch immer mehr an Auftrittmöglichkeiten als Musikanten. Früher, liest man sich ältere Berichte und Zeitungsartikel durch, war das einmal ganz anders. In den 1990er Jahren übten Cafés in Sulukule, in denen Roma-Musiker auftraten, eine große Anziehungskaft aus. Selbst Gäste aus besseren Schichten und Intellektuelle, erfährt man, frequentierten sie regelmäßig und gern.

Eine Reihe von Cafés schloss die Stadtverwaltung unterdessen. Sie hatten einen zweifelhaften Ruf.

Und dass passte offenbar auch den Bewohnern von Fatih nicht. Schließlich sind viele von ihnen als strenggläubig bekannt.

Kritik am Bauvorhaben in Sulukule und den Umgang mit den Roma kommt aus Europa und sogar aus den USA.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan – einst Oberbürgermeister von Istanbul – kennt Sulukule gut und bürstet die Kritiker deshalb barsch ab. Offenbar galt ihm Sulukule schon als OB als Schandfleck und war dem konsequenten Stadt-Modernisier schon darum als ein Dorn im Auge, weil es seinen Plänen im Wege stand.

Die Kritiker aus dem Ausland erzählten, so Erdogan, „ganz seltsame Dinge“ über das Viertel. Denn selbst seien sie nie in Sulukule gewesen, sonst nämlich würden sie den Sanierern gratulieren. Die Sanierung zerstöre nicht, sie rette Sulukule aus einem „monströsen Zustand“ und brächte das Viertel in einen „modernen Zustand, aber mit historischen Gassen, historischen Straßen“.

Man mag der Einschätzung des türkischen Premiers, Sulukules Zustand betreffend, durchaus etwas abgewinnen. Ähnlich desolate Siedlungen gibt es auch am Rande oder inmitten anderer türkischer Großstädte. Und sie sind tatsächlich Schandflecke.

Jede Änderung hin zum besseren ist deshalb nur zu begrüßen. Auch im Falle Sulukules. Erst recht, wenn es sich bei dem Viertel um das offenbar älteste Romaviertel Europas handelt, und es nach historischem Vorbild rekonstruiert werden soll.

Nicht nur für die eigens wegen der Veranstaltungen zum Kulturhauptstadtjahr 2010 anreisenden Gäste könnte das neue alte Sulukule zu einer weiteren touristischen Sehenswürdigkeit Istanbuls werden. Nur sollten dabei auch die Roma mitgedacht und bedacht werden. Dazu gehört m.E. unabdingbar ein zukunftstaugliches Konzept, welches die geschichtliche Vergangenheit nicht ausklammert und den traditionellen Bewohnern des alten Viertels eine Chance gibt, bei dessen Umsetzung persönlich mitzutun.

Mitzutun muss eigentlich gleichermaßen heißen: mit zu verdienen. Und der Verdienst sollte ausreichend genug sein, um sich im neuen Sulukule auch das Wohnen leisten zu können.

Es wäre eine Alternative. Denn ist Sulukule ohne Roma überhaupt denkbar?

 

 

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