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Jahrgang 4 Nr. 21 vom 22.05.2008
 

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Verbot ist nicht gleich für jeden ein Verbot

von Perihan Ügeöz

Am Montag ist in der Türkei ein umfassendes Rauchverbot in Kraft getreten. Mancherorts hat so manch ein emsiger Raucher sich dem Rauchverbot bedingungslos gefügt. Andernorts wiederum wurde das Rauchverbot aufrichtig übersehen oder stillschweigend übergangen. Dass es unter anderem und nicht zuletzt allen voran auch Polizisten und andere Hüter der Ordnung waren, die das Verbot missachteten, musste natürlich auffallen und lieferte sogleich der Presse heiteren Stoff mitsamt einigen amüsanten Photos. Eine türkische Freundin zeigt auf ein in einer Tageszeitung abgebildetes Photo eines von allen Verboten unbelasteten Polizisten, der mit einer Zigarette in der Hand sich genüsslich und entspannt in Pose begeben hat und fragt, ob man sich so etwas in Deutschland auch vorstellen könnte. Diese Frage liefert Anlass, einige allgemeine Merkmale der türkischen Kultur erneut zu vergegenwärtigen.

Die türkische Kultur zeichnet sich durch eine relativ hohe Unsicherheitsvermeidungstendenz aus. Das gilt übrigens auch für die deutsche Kultur. Als wichtige Merkmale einer hohen Unsicherheitsvermeidungstendenz lassen sich Parameter wie Sicherheit, Schutz, Kontrolle, Ordnung und Disziplin hervorheben. Während aber auf einer anderen Ebene die türkische Kultur eine relativ starke kollektivistische Tendenz aufweist, besitzt im Unterschied dazu die deutsche Kultur eher eine recht hohe individualistische Tendenz. Dieser nicht geringfügige Unterschied liefert gleichzeitig auch einige Anhaltspunkte sowohl über den sozialen Stellenwert von Verboten und Regelungen als auch über die Art und Weise, wie man in einer Kultur mit eben denselben Verboten und Anweisungen in der Regel umzugehen tendiert.

Im Allgemeinen besteht ein interessanter Zusammenhang zwischen der Kategorie der Unsicherheitsvermeidung auf der einen und der individualistischen bzw. kollektivistischen Tendenz von Kulturen auf der anderen Seite. Wie gerade auch das Beispiel Türkei und Deutschland nahe legt, kann die Tendenz einer relativ hohen Unsicherheitsvermeidung sowohl in individualistischen als auch in kollektivistischen Kulturen hervortreten. Das Interessante an diesem Zusammenhang ist aber, dass zwar beide Kulturtypen die wichtigsten Merkmale von Unsicherheitsvermeidung teilen, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Um den Sachverhalt mit Hilfe des berühmten Eisbergmodells etwas zu vereinfachen: Während in Kulturen mit individualistischer Orientierung die Parameter von Unsicherheitsvermeidung sich eher auf dem sichtbaren Teil des Eisbergs befinden, also quasi für jedermann/-frau gleichermaßen sichtbar und zugleich mit Hilfe der Schriftsprache gewissermaßen universellen Charakter besitzen, sind sie in kollektivistischen Kulturen stärker im unsichtbaren Teil eingebettet. In kollektivistischen Kulturen sind sie mit anderen Worten eher im Netz von Sitten, Ritualen und Traditionen verborgen und lassen sich daher im Wesentlichen auf dem Umweg über beispielsweise Kommunikationsstile oder Verhalten und Einstellungen enthüllen. Diese im unsichtbaren Teil des Eisbergs eingebetteten Parameter dienen gleichzeitig auch dazu, den sozialen Status sowie das Ansehen des Kollektivs zu schützen, in das die Individuen eingebunden sind.

Natürlich will diese Darstellung keinesfalls heißen, dass es in der Türkei als einer kollektivistischen Kultur keine geschriebenen Gesetze und Verordnungen gibt, die von ihrem Sinn und Zweck her dazu bestimmt sind, den sozialen Alltag und die Beziehungen innerhalb der Gesellschaft als für alle Bürger verbindliche Orientierungen zu regeln. Wollte man etwa die Menge an Verordnungen in der Türkei mit der in Deutschland einem Vergleich aussetzen, würde die Türkei diesen Vergleichstest durchaus hervorragend meistern. Das ist nicht der Punkt. Der Unterschied begründet sich vielmehr darin, dass in der Türkei fast zu jederzeit die Tendenz und damit auch die Bereitschaft zu einer Kreativität existiert, sowohl für eine Fülle von Situationen als auch selbstverständlich für die eine oder andere Person stets Ausnahmeregelungen hervorzuzaubern. Es ist darum keineswegs übertrieben, wenn man sagt, dass mit Hilfe insbesondere von Beziehungen und Privilegien immer wieder Wege und Mittel erkoren werden können, die offiziellen Regeln und Bestimmungen innerhalb der Gesellschaft so zu drehen bzw. auszulegen, dass sie stets für „Andere“ Gültigkeit besitzen. Dass manch ein Polizist etwa sogleich am ersten nationalen Rauchverbotstag in Gebäuden mit Rauchverbot wie gehabt weiter raucht, ist nur ein bescheidenes Beispiel dazu. Diese „kreative“ Eigenschaft der Türken hat sich sogar Zugang in die interkulturelle Literatur verschafft. So stellt zum Beispiel John Mole sehr treffend fest, dass die Türken besonders geschickt sind, wenn es darum geht, umfassende Systeme und Maßnahmen zu entwickeln, dass sie jedoch ebenso geschickt sind, Wege und Verfahren zu finden, diese zu umgehen, sobald sie einmal etabliert worden sind.

Nun muss aber als ein interessantes Phänomen hervorgehoben werden, dass viele türkische Bürger, obzwar sie unter dieser „Kreativität“, die sie zum Beispiel in Kaffeegesprächen gerne als Ausdruck von Korruption bezeichnen, durchaus leiden, gleichzeitig jedoch erwarten, dass mit Hilfe ihrer eigenen Beziehungen die eine oder andere Tür sich für sie selber leichter öffnen lässt als für andere. So ist es denn kein Zufall, wenn selbst junge Menschen, die beispielsweise noch keinen Fuß in die Berufswelt gesetzt haben, überwiegend die Auffassung teilen, dass in der Türkei die Kraft und Wirksamkeit von Beziehungen weitaus stärker ist als die Macht von Gesetzen und sonstigen offiziellen Bestimmungen. Das hat eine jüngste Untersuchung unter Jugendlichen erneut zutage gefördert.

Die Art und Weise, wie zum Beispiel mit dem Rauchverbot sowohl auf der Seite der Gesetzgeber als auch in den Reihen der Bürger demnächst umgegangen wird, könnte etwas Aufschluss darüber liefern, ob und wie viel Potential es innerhalb der Gesellschaft gibt, andere Formen von „Kreativität“ zuzulassen, als die bislang bewährten. Die Suppe, um es etwas salopp auszudrücken, wird natürlich nirgends so heiß gegessen wie gekocht. Ansonsten hätte beispielsweise die sogenannte „Vitamin-B(eziehung)“-Parole kaum eine Chance gehabt, sich in deutschen Gefilden auszubreiten. Und dennoch. Die Frage, welchen Stellenwert offizielle Gesetze und Verordnungen insbesondere in der geistigen Vorstellung der Bürger besitzen und ob man trotz des Wissens um der Ausnahmefälle dennoch im Großen und Ganzen bereit ist, diese unabhängig vom sozialen Rang und Status als quasi für jeden gleichermaßen verbindliche Orientierungen aufzufassen, hängt eng damit zusammen, über wie viel Bereitschaft eine Gesellschaft verfügt, sowohl etwas mehr Individualisierung als auch Gleichheit zuzulassen.

 

 

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Last modified: 28.12.2003