|
|
| |||||||||||||||
|
Istanbul Post |
||||||||||||||||
| ||||||||||||||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||||||||||||||
Bremst türkische Kartoffel deutsche Fleischeslust?Claus Stille Vielen Türken mag der Deutsche an sich als der Viel-Kartoffel-Esser schlechthin gelten. In dem Kontext kann dann Bewohnern des via Bosporus an Europa stoßenden Landes im Spaß schon mal flapsig das Wort „Kartoffelkopf“ herausrutschen, wenn vom Deutschen die Rede ist. Doch Vorsicht! Wir wissen schon von den Italienern (Stichwort: „Spaghetti“) und den Deutschen (Stichwort: „Sauerkraut“), dass solche pauschale Wertungen den Nagel selten auf den Kopf treffen. Es mögen zwar an deutschen Tischen nach wie vor auch reichlich Kartoffeln verputzt werden; allein die „Fleischeslust“ (zählt man das Verspeisen von Wurstprodukten hinzu) der Alemannen ist nach wie vor ungebrochen. Und was wiederum viele Deutsche nicht ahnen dürften: es gibt Regionen in der Türkei, das stehen Erdäpfel bei den Leuten hoch im Kurs. Die Kartoffel lässt man dort sogar bis auf ein wahres XXL-Format heranwachsen. Was darauf deuten lässt, dass der etwas abgedroschene Spruch von den dümmsten Bauern, die die größten Kartoffeln hätten, doch nicht stimmen kann. Die geernteten „Kavenzmänner“ werden im Ofen gebacken, später der Länge nach aufgeschnitten und in der Regel mit Butter, Salz und Kräutern gefüllt und auf diese Weise lecker verfeinert aufgetischt. Wie hoch des Deutschen Lust am Fleische speziell und am fetten, ungesundem Fastfood im Besonderen ist, bleibt dem Betrachter nicht verborgen. Man braucht nur einmal ein Blick in die Einkaufsmeilen Deutschlands werfen. Da walzen einen wabbelnde Massen nur so entgegen. Schon das Gewicht der Jüngsten lässt die Zeiger der Waagen erschreckend in Richtung Anschlag zucken. Sooft auch übergewichtige Menschenkinder guten Glaubens und voller Hoffnung Diäten in Angriff nehmen, genau sooft scheitern sie meistens damit. Zu wirklich derben Einschnitten beim Fleischverbrauch führen heute nur noch plötzlich bekannt werdende BSE-Fälle und so genannte „Gammel- oder Ekelfleischskandale“. Letztere „Auffälligkeiten“ ließ auch die bereits von der im Endeffekt ungesunden Kost US-amerikanischer Schnellrestaurants abgesprungenen und auf das von der Sache her gesündere Kebap-Fleisch vom Drehspieß umgestiegenen Konsumenten temporär Deutschlands Döner-Buden meiden. Die, es muss zu ihrer Ehrenrettung erwähnt werden, in der Regel einwandfreie Produkte verkauften. Wie andere gastronomische Betriebe eben auch. Dass bei der TV-Berichterstattung über „Gammelfleisch“ meist Döner-Buden ins Bild gerückt wurden, war ärgerlich. Schwarze Schafe gibt es schließlich überall... Mancher Döner-Imbiss erlitt zu dieser Zeit empfindliche Einnahmeverluste. Pfiffige Inhaber sannen bald nach, wie sie diese am Besten kompensieren konnten. Und kamen dabei – Not macht halt nach wie vor erfinderisch - auf die im Ofen gebackene und später aufgeschlitzte und mit allerlei Zutaten aufgefüllte Kartoffel. Gefüllte Kartoffeln standen freilich auch vorher schon auf diesen oder jenem Speisezettel von Restaurants rein deutscher Küche. Inzwischen ergänzen sie auch das Speiseangebot so mancher Döner-Bude. Die türkischen XXL- Kartoffeln erobern nun seit einiger Zeit auch den deutschen Markt. Ob sie á la longue das Zeug zu einer Alternative zu den bislang geläufigen Fastfood-Speisen haben, bleibt indes abzuwarten. Eine Bereicherung der deutschen Küche sind sie allemal. Die Riesenkartoffeln heißen Kumpir. Ein österreichisches Internetportal erklärt den Begriff so: Die Sepharden, Nachfahren der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden, die die Kartoffel in ihrer neuen Heimat auf dem Balkan Kumpir nannten. Das Wort soll sich demnach vom bosnischen Krumpir ableiten, welches wiederum von der alten deutschen Bezeichnung für Kartoffel, Grundbirne stammt. Kumpir hat eine lange Geschichte in der Türkei und wurde beispielsweise in Anatolien im 19. Jahrhundert eingeführt. Laut B. Yildirim, der u.a. in der Wiener Augasse, in unmittelbarer Nähe zur Wiener Universität KUMPIR bäckt und erfolgreich unters meist Volk bringt, ist die Türkei heute bei weitem der größte Produzent von Kartoffeln. In Deutschland etabliert sich die KUMPIR-Systemgastronomie allmählich in Form des Franchising-Modells seit 2006. Die Kartoffelsnackbar „Mr. Kumpir“ geht in Deutschland engagiert voran. Um Kumpir backen zu können, braucht man zunächst einmal ein Eigenkapital von 30 – 50.000 Euro. Eine Investitionsumme zwischen 15 und 50.000 Euro und diverse andere Kosten kommen hinzu. Benötigt wird überdies ein spezieller KUMPIR-Ofen aus der Türkei, der den dicken Kartoffeln bei ca. 300 Grad Celsius ordentlich einheizt. Hernach wird der Inhalt der aufgeschnittenen Ofen-Kartoffel bis zu äußeren Schale zu Püree gestampft, welches mit Butter, Käse und Salz (Grundvariante „KUMPIR Original“) vermischt wird.
Kumpir-Variation lecker gefüllt – Photo/Quelle: via Wikipedia Kumpir gelangt mit so unterschiedlichen Belag, wie Hühnerfleisch, Rinderhack, Thunfisch oder Gemüse auf den Tisch. Weitere KUMPIR-Variationen gefüllt mit verschiedenen Saucen, Erbsen, roten Bohnen, Krautsalat, Oliven, Mais, Gewürzgurken, eingelegte Paprika, Schafkäse, Ketschup und Mayonnaise werden angeboten. Die KUMPIR-Original ist schon für 2,50 Euro zu haben. Für umfangreichere Kartoffelkreationen muss der Gast bis zu 6,50 Euro berappen. Von den einzelnen Sorten ist freilich der rein vegetarische Kumpir der zweifellos Gesündeste. Diese Variante soll, glaubt man einer deutschen Imbiss-Betreiberin, einer vormals arbeitslosen Akademikerin, die es ja wissen muss und in Funkhaus Europa kundtat, weggehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Zu verdanken ist das offenbar hauptsächlich einer ständig steigenden Anzahl von gesundheitsbewusst lebenden Nahrungsmittelverbrauchern, sowie der ebenfalls zunehmenden Schar von Menschen, welchen auf Grund der alljährlich vorkommenden „Ekelfleischfälle“ der Appetit auf Tierisches ganz einfach vergangen ist. Doch auch hier, so der Ehemann der Imbissbetreiberin im Radiobeitrag - wie sooft im Leben - haben wiedermal die Frauen die Nase, resp. den Mund, vorn: sie schwören auf Vegetarisches und essen auch in puncto KUMPIR gesünder. Die Männer (von löblichen Ausnahmen einmal abgesehen), die Praxis zeige das – und dies wird nun wenigen (vor allem den Frauen unter uns Menschen) wirklich eine Überraschung sein: frönen auch hier einmal mehr, selbst was den Verzehr eines Kumpirs angeht, überwiegend der Fleischeslust... |
Reklame
Wieviel ist Ihnen dieser Beitrag wert?
|
|||||||||||||||
|
Impressum Istanbul Post Dr.
Stefan Hibbeler Redaktion: redaktion@istanbulpost.net |
Reklame |
|||||||||||||||
|
Copyright © 2001 Istanbul Post Last modified: 28.12.2003 |
||||||||||||||||