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Über den aktuellen Diskurs zum Konservatismus einerseits und Modernität fernerseitsvon Perihan Ügeöz Am vergangenen Dienstag fand eine Meldung ihren Weg in die Schlagzeilen der Medien. Das höchste staatliche Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet Isleri) hat auf ihrer Webseite eine Fetwa erlassen. Es gelte als ein religiöses Verbot, wenn ein Mann und eine Frau, die nicht durch den Bund der Ehe vereinigt sind, sich allein in einem Raum befinden. Sodann wird auch das Flirten als ein nach dem Koran unter großen Sünden aufgeführter Ehebruch (Zina) ausgewiesen. Wiederum mit Verweis auf Ferse des Propheten werden Frauen ferner daran erinnert, dass das Parfümieren außerhalb der häuslichen Wände ebenfalls als unsittlich verstanden werden muss. Wenn auch nicht für alle, so doch immerhin für eine Vielzahl von Menschen haben die religiösen Erlasse desselben Amtes einen verbindlichen Charakter und stecken zugleich den Bezugsrahmen ab für moralische Urteile sowie die Unterscheidung zwischen gut und böse. Nicht weniger interessant als die Fetwa selbst lesen sich manche der Leserreaktionen auf die Meldung davon. Einige verleihen ihrer Empörung darüber Ausdruck, dass die Last von Ehre und Sittlichkeit wie gehabt einzig auf dem Rücken der Frau ausgetragen wird. Andere wiederum sind aufrichtig von der Sorge geplagt, dass man die Türkei mittels religiöser Erlasse dieses Formats in mittelalterliche Zeiten zurückversetzten wolle. Manche hingegen sind der Auffassung, dass das Amt für religiöse Angelegenheiten mit dieser Fetwa eigentlich jeder Form von zeitgenössischer Lebensweise eine eindeutige Absage erteilt, und man ist mindestens genauso empört darüber, dass von Seiten der Regierung eines laizistischen Staates keinerlei Stellung dazu bezogen wird, und dieser Erlass einfach so stehen gelassen wird. Fast genauso spannend wie die Reaktionen der Bürger lesen sich manche der Kommentare von Journalisten. In seinem Beitrag in der Turkish Daily News kritisiert beispielsweise Yusuf Kanli den Erlass ausführlich und vergleicht schließlich die Geisteshaltung dahinter mit der Mentalität des Taliban in Afghanistan. Es ist für diesen Autor zuguterletzt doch ein Trost, dass in der Türkei die Islamisten noch nicht mit voller Kraft und Stärke am Werk sind. In Erwiderung auf denselben Beitrag weist sich der Journalist Mustafa Akyol sogleich als ein Muslim aus und vermerkt, dass einige Muslime eben sehr konservativ seien und fragt aber, was uns das anginge. Welche Position man auf Anhieb auch ergreifen mag, auf jeden Fall bieten diese Fetwa und die Reaktionen darauf Anregung genug, um an die aktuell anhaltende Diskussion über Konservatismus und Modernität in der Türkei anzuknüpfen. Seit den Parlamentswahlen im vergangen Jahr und insbesondere seit dem Ausbruch der Kopftuchdebatte wird in der Öffentlichkeit viel über Konservatismus in der Türkei diskutiert. Wird die türkische Gesellschaft zunehmend konservativ? ist eine der zentralen Fragestellungen der Diskussion. Ein jüngstes Ereignis in der zentralanatolischen Stadt Konya sorgte für einen erneuten Aktualitätsschub. Keine Nachfrage, also kein Alkohol Im Anschluss an eine Konferenz in Konya gingen Professor Eser Karakas und seine ausländischen Kollegen in ein teueres Restaurant im Stadtkern. Als die Gäste Alkohol zum Essen bestellten, mussten sie qualvoll erfahren, dass weder in diesem noch in anderen Restaurants im Stadtkern Alkohol ausgeschenkt wurde. Schließlich wurden die Gäste in einen Nebenraum des Restaurants versetzt, wo man ihnen in getarnten Tüten und fern von Blicken anderer Gäste zuletzt doch Alkohol servierte. Dieses Erlebnis muss den Herrn Professor Karakas solchermaßen irritiert und befremdet haben, dass er es in einen Artikel verwandelte und in seiner Kolumne in der ansonsten sehr regierungstreuen Tageszeitung „Star“ der Öffentlichkeit verkündete. Als ob man vorher überhaupt nicht gewusst hätte, dass es weder im Stadtkern von Konya noch anderer zentralanatolischer Städte Restaurants mit Alkoholausschank mehr gibt, sorgte der Artikel des Professors für jede Menge Aufsehen. Sodann ereiferten sich die Einen, Konya und andere zentralanatolische Städte nunmehr als Referenz für den Anstieg des Konservatismus anzuzeigen. Schließlich gebe es in diesen Städten kaum noch ein soziales Vergnügungsleben mehr. Auch sei das Stadtbild zunehmend von Menschen mit religiöser Bekleidung geprägt. Andere wiederum waren mindestens genauso eifrig, die atemberaubenden wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten derselben Städte entgegen zu halten. Wohlstand und Prosperität seien in diese Städte eingekehrt wie nie zuvor. Wenn Menschen keinen Alkohol in der Öffentlichkeit konsumierten, so ein Regierender aus der Region, läge dies einzig an den Traditionen der Bevölkerung. Die Leute seiner Stadt würden es nun mal vorziehen, Alkohol innerhalb der häuslichen Sphäre zu verzehren. Alkoholkonsum in öffentlichen Restaurants sei ja schließlich in erster Linie eine Frage von Nachfrage und Angebot. Konservatismus und Modernität: Zweiten Seiten einer Medaille Am Verlauf dieses öffentlichen Diskurses ist als erstes das Bemühen auffällig, Konservatismus und Modernität als zwei Seiten einer Medaille aufzufassen. Dass innerhalb der Gesellschaft Konservatismus zunimmt, stößt dabei wohl auf breite Zustimmung. Jedoch ist man besonders bestrebt, den Anstieg des Konservatismus gleichzeitig als eine unmittelbare Reaktion auf einen Anstieg an Modernität zu begreifen. Wenn also innerhalb der türkischen Gesellschaft konservative Trends einen deutlichen Aufwind erfahren, sei dies mit anderen Worten zugleich ein Indiz dafür, dass in der Gesellschaft parallel dazu auch die Modernität rasant wächst. Als Beispiel dafür werden dieselben zentralanatolischen Städte, wie eben Konya und Kayseri vergegenwärtigt, wo man in öffentlichen Lokalitäten zwar keinen Alkohol mehr findet, aber dafür jede Menge Wohlstand und Prosperität im Straßenbild. Natürlich ist weder der Mangel an Alkoholausschank noch die Art, wie Menschen sich zu kleiden belieben ausreichend, um über den Grad an Modernität in einer Gesellschaft ein überzeugendes Urteil abzugeben. Wenn aber umgekehrt das Ausmaß der Modernität lediglich auf die technologischen und kapitalwirksamen Errungenschaften des modernen Zeitalters reduziert wird, ist jedoch die Frage ebenso berechtigt, ob der Begriff der Modernität hier nicht um einige seiner sonstigen Bestandteile beraubt und daher erheblich verschlackt worden ist. Ein kleiner Ausschnitt aus einem Leserbrief an einen Kolumnisten könnte dazu beitragen, das Anliegen etwas zu präzisieren: „Wenn ich in einer Stadt kein einziges Glas Raki mehr trinken kann, was nützt mir dann der Wohlstand und die Modernität. Ich lerne, mit dem Kopftuch zu leben. Umgekehrt erwarte ich aber, dass sie uns die Freiheit gönnen, ab und an ein Gläschen Raki trinken zu dürfen. Ich sehe, dass man uns diese Freiheit wegzunehmen beginnt und das beunruhigt mich.“ Der Begriff der Modernität beinhaltet neben dem großzügigen Gebrauch von technischen Errungenschaften sowie der leidenschaftlichen Hingabe zu kapitalwirksamen Gesetzmäßigkeiten des Zeitalters zum Beispiel auch die Dimension der kulturellen Vielfalt. Gemeint ist damit das Vorhandensein unterschiedlicher Werte, Glaubensvorstellungen und Verhaltensmuster, die in einer Gesellschaft verschiedenen Kulturen bzw. Gruppen zuzuordnen sind. In diesem Zusammenhang setzt kulturelle Vielfalt ebenso voraus, dass Menschen, die ihren Alltag nach unterschiedlichen kulturellen Mustern orientieren, wenn auch nicht einander sogleich inständig lieben, aber zumindest doch die Existenz des Anderen wahrnehmen und akzeptieren. Wohl sollte nicht unterschlagen werden, dass auch im türkischen Diskurskontext der Begriff der Modernität ebenfalls mit Vielfalt assoziiert wird. Dabei wird die Gesellschaft mit einem großen Boulevard verglichen, wo Menschen einander sehen können. Im Unterschied zur Vergangenheit würde man jetzt eben all jene Menschen sehen, die vorher in der Öffentlichkeit so nicht sichtbar gewesen waren. Auf den ersten wirkt die Darstellung anschaulich und obendrein plausibel. Aber auch hier liegen die Tücken im Detail. Wenn das tatsächlich stimmt, dass jetzt sichtbarer wird, was zuvor so nicht sichtbar gewesen war, warum können dann Tausende von Menschen sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Vielfalt sich zunehmend in Einfalt verwandelt? Das ist ein ernstzunehmender Eindruck, der nicht mit Einbildung verwechselt werden sollte, wobei man die soeben gestellte Frage ohne weiteres variieren kann. Um z.B. an das oben zitierte Argument mit Nachfrage und Angebot im Zusammenhang mit Alkoholausschank anzuknüpfen, warum sind es ausgerechnet und überwiegend die von der islamisch konservativen AKP regierte Städte und Bezirke, in denen die Nachfrage für Alkoholkonsum in öffentlichen Lokalitäten sukzessive einer Mangelerscheinung anheim fällt. Um solcher Erlebnisse willen muss man noch nicht einmal die anatolischen Städte bewandern. Selbst eine Weltmetropole wie Istanbul hat dazu ebenfalls eine Menge anzubieten. Mehr zum Thema in der Fortsetzung |
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