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Jahrgang 4 Nr. 22 vom 29.05.2008
 

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Studie über türkische Migranten in Berlin:

Die Klischees stimmen so nicht mehr

Claus Stille

Eine genaue Zahl kann nicht genannt werden. Aber es wird angenommen, dass in der deutschen Hauptstadt Berlin zirka 200 000 türkische Einwanderer leben.

Viele Migranten aus der Türkei sind inzwischen eingebürgert. Auch hat die Praxis eines jahrzehntelangen Zusammenleben frühere Einschätzungen verändert und manche Definitionen sogar gänzlich abgelöst.

Menschen mit Migrationshintergrund haben sehr oft keinen leichten Stand in der deutschen Gesellschaft. So scheiden ungefähr 17 Prozent der Jugendlichen aus diesem Personenkreis ohne Abschluss aus der Schule aus. Nicht selten stammen diese jungen Leute aus bildungsfernen Haushalten.

Andere Altersgenossen, welche die Schule mit erfolgreichen Abschlüssen absolvieren, haben im Berufsleben dennoch sehr häufig unter Vorurteilen zu leiden.

Gleiche Fachleistungen eröffnen ihnen nicht jene Chancen auf einen Ausbildungsplatz, welche gleichaltrige Jugendliche ohne Migrationshintergrund haben.

Diese Schattenseiten dürfen trotz vermehrt auftretender positiver Aspekte nicht ausgeblendet werden. Dennoch muss unbedingt betont werden: Die landläufigen Klischees, Migranten betreffend, stimmten in vielerlei Hinsicht nicht mehr.

Sie sind von der Wirklichkeit überholt. Man muss das nur registrieren wollen. Türkischstämmige Menschen beiderlei Geschlechts sind in der deutschen Gesellschaft längst als Ärzte, Anwälte, Computerspezialisten, Lebensmittelhändler, Polizisten, Kfz-Meister, Schauspieler, Regisseure, Künstler oder auch als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst anzutreffen.

Ergo: in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft. Somit unterscheidet sich die türkische Community in ihrem Facettenreichtum im Grunde genommen kaum noch von der deutschen.

Die Ergebnisse einer Studie, welche kürzlich vom Integrationsbeauftragten des Berliner Senats vorgestellt wurde, belegt das auf insgesamt 94 Seiten.

Autor Martin Greve unternahm darin im Auftrag des Senats den Versuch einer umfassenden Bestandsaufnahme. Die deutsch-türkische Fotografin Kalbiye Nur Orhan steuerte zahlreiche Fotos und Porträts bei und illustriert die Studie auf diese Weise äußerst facettenreich, machte sie doch so die Lebenswirklichkeit vieler Menschen türkischer Herkunft einigermaßen anschaulich.

Einigermaßen deshalb, weil es gleichsam des Versuchs einer Quadratur des Kreises gleichkäme, auf diese Weise die Lebensverhältnisse von 200 000 Menschen treffend (was hieße pauschal) beschreiben zu wollen.

Immerhin kann nach ca. 50 Jahren türkischer Zuwanderung kaum jemand genau definieren, welche Migranten als Deutsch-Türken, welche als Deutsche zu bezeichnen wären.

Hinzu kommt: jede Menge türkischstämmiger junge Einwanderer verbrachten bereits ihr ganzes Leben in Deutschland. In der Türkei fahren sie höchstens zu Verwandtenbesuchen, wissen aber ansonsten herzlich wenig über das Land.

Viele von ihnen sind Sprösslinge binationaler Ehen. Andere haben seit Jahren einen deutschen Pass in der Tasche.

Wie Martin Greve der Presse gegenüber sagte, haben man zunächst nur „ein Update eines Berichts anfertigen (...)“ wollen, „der 1998 über das türkische Berlin erschienen war“. Weil sich aber die Veränderungen im Vergleich zu heute als gravierend erwiesen hätten, musste anders vorgegangen werden.

Ein Beispiel für einen Wandel: unterdessen gibt es vier Mal so viele türkische Senioren, wie 1998 registriert worden waren.

Zudem wird das Berliner Stadtbild unübersehbar von türkischen Unternehmen geprägt. Auch eine türkische Musik- und Alltagskultur hat sich in der Hauptstadt fest verankert.

Zu Besorgnis Anlass gebende Anzeichen einer Parallelgesellschaft wollen die Autoren der Studie bei ihren Untersuchung dagegen nicht entdeckt haben. Man weißt daraufhin, dass sich sogar Moscheen in ständigem Kontakt mit Berliner Behörden befänden.

Derartige und andere Erfolge in puncto Integration würden allerdings durch eine seit den Terror-Anschlägen von 9/11 oftmals einseitige Fixierung der Gesellschaft unter den Medien auf anti-islamische Ressentiments verdeckt.

Wenngleich – schränkt man ein – diese Probleme sehr wohl auch Teil der Realität seien.

Die Tageszeitung „Die Welt“ hat eine in diesem Zusammenhang vielleicht interessante These aufgestellt, wonach an einer „Islamisierung“ der in Europa lebenden Muslime der Westen selbst ein nicht geringen Teil der Schuld trägt.

Ich möchte dazu den Beitrag von Lukas Lehmann auf Readers Edition zur Lektüre empfehlen, der sich mit der „Welt“-These befasst.

 

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Last modified: 28.12.2003