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Jahrgang 4 Nr. 23 vom 5.06.2008
 

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Über den aktuellen Diskurs zum Konservatismus einerseits und Modernität fernerseits
(2. Teil)

von Perihan Ügeöz

Dieser Beitrag hatte letzte Woche mit einer neuerlichen Fetwa des Amtes für religiöse Angelegenheiten angesetzt. Das Ansinnen, ein spezifisches Ereignis aufgreifen und in Muße aus vielfältiger Perspektive reflektieren zu wollen, erweist sich im türkischen Gesellschaftskontext zunehmend als ein ersehnter Luxus. Denn insbesondere in letzter Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem eine Nachricht nicht eine andere überschlägt und die alle von ihrem Bedeutungsgehalt her hohe soziale Brisanz besitzen. Da wurde zum Beispiel noch in dieser Woche berichtet, dass das Team einer Rudermannschaft von einer Gruppe von jungen Ortsansässigen in Sapanca in der Provinz Sakarya angegriffen wurde, weil die Männer des Teams in Shorts an Land gegangen waren. In Sincan, einem anderen Ort des Landes, wurde ein junges Liebespaar von einer Gruppe von Einheimischen mit Schlagstöcken in Händen überfallen, weil das Paar sich erlaubt hatte, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. In einem Hotel im Herzen von Istanbul weigerte man sich, Türken Alkohol zu servieren. Einem Arzt in Izmir wurde in einem Restaurant aus Gründen der Sittlichkeit untersagt, am Tisch gleich neben seiner Ehefrau zu sitzen. In Malatya erhielt ein Ladenbesitzer Furcht erregende Drohungen, weil er in seiner Ladenvitrine Frauenunterwäsche ausgestellt hatte. Mit dem Argument des Verstoßes gegen die herrschende Moral wurde die Vereinigung von Homosexuellen und Transvestiten LAMBDA auf Antragsinitiative des Gouverneurs von Istanbul per Gerichtsbeschluss geschlossen…Soweit eine kleine Zusammenschau von Ereignissen der vergangenen Tage.

Renommierte Soziologen des Landes sind der Auffassung, dass zwar sowohl die Vielfalt der Kommunikationsmedien als auch die Art der Berichterstattung durchaus zum öffentlichen Aufsehen und damit zur Sensation beitragen. Gleichwohl ist man sich jedoch in der Feststellung ziemlich einig, dass in letzter Zeit die Häufigkeit von solchen Ereignissen eindeutig zugenommen hat. Deutungsunterschiede machen sich bemerkbar, wenn es um die Frage nach den Gründen der Zunahme geht. Für die Soziologin Nilüfer Narli beispielsweise sind Ereignisse dieser Art in erster Linie Ausdruck eines eskalierenden Konfliktes zwischen konservativen und modernen Lebensstilen. Der Soziologe Mustafa Sen hingegen sieht in der Summe der Ereignisse allein der vergangenen Wochen weniger eine unmittelbare Folgeerscheinung der Konfrontation von Modernität und Konservatismus. Für ihn handelt es sich bei diesen Vorfällen vielmehr um die Bestandteile eines systematischen und organisierten politischen Projektes mit dem Ziel, die Gesellschaft neu zu gestalten.

 

Konservatismus ist in der Türkei nicht neu

Konservatismus ist für die türkische Gesellschaft bestimmt kein neuzeitliches Phänomen. Das gilt für die Religiosität ebenso. Ob es die internationale Wertestudie ist oder Untersuchungen von einheimischen Wissenschaftlern, die Befunde wissenschaftlicher Forschung und Analyse bündeln sich in der Erkenntnis, dass innerhalb der Bevölkerung eine stark ausgeprägte Tendenz besteht, das Leben nach konservativen wie auch religiösen Leitmustern zu orientieren und das gewiss nicht erst seit gestern. Diese Feststellung wirft zunächst die Frage auf, ob es einen gravierenden Unterschied zwischen dem gegenwärtigen und vergangenen Konservatismus gibt und wodurch der gegenwärtige Konservatismus sich von der Art und Weise unterscheiden mag, wie er beispielsweise noch vor 20 Jahren innerhalb der Gesellschaft gegenwärtig war.

Anlässlich der Vergewaltigung und Ermordung von Pippa Bacca, die als „die Friedensbraut“ bekannt war, hatte zum Beispiel die Soziologien Nur Vergin mit Erleichterung festgestellt, dass sie einen Grossteil ihrer Feldforschungen in verschiedenen Landesteilen zu früheren Zeiten abgeschlossen hatte und sogleich hinzugefügt, dass sie sich heute als Frau nicht einmal mehr trauen würde, allein in einige der Vororte von Istanbul zu gehen, geschweige denn durch entlegene östliche Dörfer des Landes zu reisen. Auch hatte sie sich daran erinnert, dass sie als junge Frau allein monatelang durch die Regionen des mittleren und östlichen Anatoliens unterwegs war und dabei kein einziges Mal einem Ereignis begegnete, das bei ihr Angst und Furcht ausgelöst hätte. Entsprechend den kulturellen Sitten und Traditionen in den ländlichen Dörfern wurde ihr jene Gastfreundschaft gezeigt, die jedem anderen fremden Menschen ebenfalls zuteil wurde. Dieses Beispiel der Soziologin Nur Vergin eignet sich gut, um über die soeben gestellte Frage zu reflektieren.

Wohl war die Bevölkerung früher zu einem überwiegenden Teil durchaus konservativ, insofern als kulturelle Traditionen, Sitten und Bräuche für die Orientierungen im alltäglichen Leben von großer Wichtigkeit waren. Auch wenn dabei die Tendenz ausgeprägt war, etwa die eigene Familie und deren Mitglieder gegenüber ungewohnter bzw. unbekannter Lebensweise abzugrenzen und vor den Gefahren und Versuchungen des Fremdartigen zu schützen, war dennoch größtenteils die Neigung verbreitetet, den Umgang mit dem Anderen überwiegend an den Regeln von kultureller Sitte und Tradition des Kollektivs zu orientieren. Man hat sich mit anderen Worten vor der als anders wahrgenommenen Lebensweise durchaus abgegrenzt, aber für die Begegnung mit der Andersartigkeit blieben die durch kulturelle Sitte und Tradition vorgegebenen Regeln insbesondere des Anstands für das Handeln und den Umgang miteinander dennoch maßgeblich. Dazu ein kleines Beispiel: Schon seit mehreren Generationen lernen türkische Kinder in der Schule den Spruch, dass sie ältere Menschen respektieren und jüngere lieben sollen. Zum Respekt vor älteren Menschen wird den Kindern auch die Lehre mit auf den Weg gegeben, dass sie zum Beispiel in einem Bus ihren Platz einem älteren Menschen frei machen und zwar vollkommen unabhängig davon, ob der ältere Mensch gläubig aussieht oder nicht. Nun mehren sich aber in letzter Zeit Meldungen, dass in bestimmten Buslinien das Kopftuch einer Frau darüber entscheidet, ob man ihr den eigenen Platz gewährt oder nicht. Stünden überwiegend kulturelle Sitten und Bräuche im Vordergrund wäre das Kopftuch kein Entscheidungskriterium, und es ist bestimmt keine verklärte Romantik, wenn man gleich hinzufügt, dass das Kopftuch einst wirklich kein Entscheidungskriterium darüber war, ob man einer älteren Frau den Platz gibt oder nicht.

 

Dem Konservatismus hat sich die Religion gesellt

Kulturelle Traditionen, Sitten und Bräuche spielen im Alltagsleben der Bevölkerung selbstverständlich nach wie vor eine wichtige Rolle. Während aber zu früheren Zeiten die Demarkationslinie zwischen dem Wir und dem Anderen vor allem mit Hilfe eines Rückgriffs auf kulturelle Sitten und Bräuche gezogen wurde, fällt an der heutigen Praxis zuerst auf, dass die Konturen zwischen dem, was man als normal auf der einen und anormal auf der anderen Seite auslegt doch ungleich stärker gekennzeichnet werden als in der Vergangenheit. Dieser Unterschied mag ihre Ursache darin haben, dass der heutige Konservatismus, sofern der klassische Begriff hier noch seine Gültigkeit hat, zwar nach wie vor die Tendenz hat, sich auf kulturelle Werte und Traditionen zu besinnen, aber die Grenzlinie zwischen dem, was als normal akzeptiert und als anormal abgewiesen wird nicht mehr überwiegend mittels einer Rückbesinnung auf kulturelle Werte, Sitten und Bräuche des Kollektivs gezogen wird, sondern stärker noch mit Hilfe von reinen religiösen Geboten und Verboten. Da die religiösen Gebote in der Alltagspraxis der einfachen Leute vor allem über vereinfachte Schablonen von Tabus und Sünden wirksam werden, werden dadurch die Konturen zwischen Normal und Anormal bzw. Gut und Schlecht nicht nur stärker hervorgehoben, sondern verwandeln sich gleichsam in einen unüberwindlichen Zaun. Es liegt wahrscheinlich in der Verantwortung gerade dieses Zauns, dass der Vorgang der Abgrenzung gegenüber dem Anderen und seinen sündhaften Versuchungen sich sogleich in eine abgrundtiefe Abspaltung in unversöhnliche Lager von Guten nicht zuletzt auch im Sinne von Gläubigen auf der einen und den Schlechten im Sinne von Ungläubigen auf der anderen Seite verwandelt. Dieses Unversöhnlichkeitsempfinden von Lagern könnte auch eine der möglichen Erklärungen dafür sein, warum in letzter Zeit, wie auch von vielen Soziologen übereinstimmend beobachtet, die Intoleranz oder richtiger noch die Aggressivität gegenüber den als ungewohnt bzw. anormal empfundenen Erscheinungen in einer Besorgnis erregenden Häufigkeit und Intensität zunimmt.

Über die Gründe, warum der Konservatismus in der Türkei sich zunehmend in einen religiösen Konservatismus gewandelt hat, der gleichsam mit wachsender Intoleranz bzw. Aggressivität einhergeht, gibt es verschiedene soziologische wie auch politische Deutungen. Eine der Thesen bringt diesen Transformationsprozess mit der allgemeinen Politisierung sowie Radikalisierung des Islam in Verbindung. Eine andere These indes erklärt hierfür das Zusammentreffen sowie die Koppelung einer ultranationalistischen Bewegungswelle mit dem generellen Anstieg der Religiosität für verantwortlich. Für einen weiteren Standpunkt handelt es sich hierbei vielmehr um eine unmittelbare Folgeerscheinung einer wachsenden Enttäuschung sowie Abneigung gegenüber dem Westen und seinen Werten. Soziale Phänomene haben nun einmal das Problem, dass sie sich mit absoluten Wahrheiten nicht erfassen lassen. Darum sei es einstweilen dahingestellt, welche der soeben aufgegriffenen Standpunkte mehr Gültigkeit besitzen mag. Eines steht jedenfalls fest: Der gegenwärtig herrschende Politikstil im Land mag diese Wandlung vielleicht nicht direkt ansteuern, aber er trägt eine entscheidende Mitverantwortung für eine fast flächendeckende Ausbreitung eines Klimas, in dem sich diese Transformation doch recht gedeihlich fühlt.

Mehr zum Thema in der Fortsetzung

 

Über den aktuellen Diskurs zum Konservatismus einerseits und Modernität fernerseits (Teil 1)

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Last modified: 28.12.2003