Jahrgang 4 Nr. 23 vom 5.06.2008
 

Jetzt kostenlos!



 

Das neue Gesicht des Islam

von Walter Reichel

Unter dieser Überschrift berichtete „Newsweek“ kürzlich über Bestrebungen islamischer Theologen, „all das zu überprüfen und in Frage zu stellen, was lange als unverrückbare und im Wortlaut feststehende Grundlage des Glaubens gegolten zu haben schien, um“ – so heißt es weiter – „die Pforten der Interpretation wieder weit zu öffnen.“

Als ein Beispiel dafür wird auf das „Hadith-Projekt“ der Universität Ankara hingewiesen, das sich mit der Sammlung und kritischen Sichtung der etwa 170.000, meist kurzen Erzählungen (sog. Hadithe) beschäftigt, in denen Anweisungen, Verbote und auch als vorbildlich und nachahmenswert angesehene Verhaltensweisen Mohammeds zu allen möglichen Fragen vor allem des alltäglichen Lebens überliefert worden sind. Wegen ihrer Alltagsbezogenheit sind die Hadithe de facto die wichtigste Quelle islamischer Ethik und weil sie das sind, bestand immer die Neigung, in ihnen und in den aus ihnen abgeleiteten ethischen Grundsätzen ewige Wahrheiten zu sehen. Dagegen stellen die Ankaraner Theologen fest: „Viele dieser Anekdoten verdanken sich einem spezifischen Kontext, und diejenigen, die sie überliefert und – viel später - aufgezeichnet haben, waren nicht immer verlässlich. Mitunter haben sie universelle Werte des Islam mit regionalen, kulturellen oder religiösen Besonderheiten ihrer Zeit oder ihres Ortes vermischt. Jede Erzählung hat ihren Kontext. Und wir wollen jeder Erzählung ihre ‚Heimat’ zurückgeben.“

Dies klingt vergleichsweise harmlos, k önnte aber weitreichende Konsequenzen haben. Denn wenn erst einmal die grundsätzliche Situationsbedingtheit der Hadithe anerkannt ist, muss in jedem Einzelfall nicht nur ihre Echtheit (das hat die islamische Theologie schon immer getan), sondern auch ihre Geltung für die Gegenwart überprüft werden. Und damit werden dann tatsächlich die Pforten der Interpretation wieder weit geöffnet und ein komplizierter und im Prinzip ergebnisoffener und nie endender Prozess in Gang gesetzt, der denjenigen, die mit dem Geschäft der Textinterpretation vertraut sind, unter dem Namen Hermeneutik bekannt ist.

In der Rangfolge islamischer Basisdokumente stehen die Hadithe allerdings erst an zweiter Stelle, deutlich nachrangig gegenüber dem Koran, denn dieser gilt als die – durch Mohammed vermittelte – direkte und abschließende Offenbarung Gottes. Aus den hier vorausgesetzten Umständen der Entstehung des Koran und seiner sich daraus ergebenden Dignität haben die meisten islamischen Theologen den Schluss gezogen – und tun dies bis heute – dass der Koran nicht interpretiert werden kann und auch nicht interpretiert werden darf. Zwar wird zugestanden, dass der Sinn nicht weniger Wörter und Sätze im Koran unklar ist, aber dies wird als lexikalisches und semantisches Problem gesehen. Dass es darüber hinausgehend auch noch ein hermeneutisches Problem gibt, wird in der Regel nicht akzeptiert.
Indes: Auch hier kommt Bewegung in die Sache. Auf einer internationalen Tagung über „Progessive Thinking in Contemporary Islam“, die 2005 in Berlin stattfand, erklärte der ägyptische Literaturwissenschafter Nasr Abu Sayd (jetzt in Holland lebend und dort lehrend): „Der Koran enthält gegensätzliche Aussagen, aber nur solange wir ihn als reinen Text ohne Bezüge betrachten. Sobald wir den Koran als Diskurs sehen, der innerhalb einer Zeitspanne von 20 Jahren entstanden ist, verstehen wir den Kontext, in den jede Passage hineinspricht. Wir müssen uns fragen: Zu wem spricht der Text? Wer sind die Adressaten? Was ist der Gegenstand der einzelnen Textteile? Wenn wir dies tun, verschwinden auch die Gegensätze.“ Das ist der Ausgangspunkt für eine hermeneutische Herangehensweise auch an den Koran – mit eben den Konsequenzen, wie sie oben für die Hadith-Interpretation angedeutet wurden.

Ohne hier weiter auf Details einzugehen, dürfte deutlich sein, dass dieses hier erkennbare „neue Gesicht des Islam“ nach zwei Seiten hin geeignet ist, zementierte Sichtweisen in Frage zu stellen. Zum einen wird dem – um es einmal so zu sagen – islamistischen Paradigma der Boden entzogen. Denn dieses Paradigma beruht im Wesentlichen auf einer Vergewaltigung der Überlieferung zur Begründung und Rechtfertigung der eigenen (religions-)politischen Zwecke und Aktionen. Dort, wo erst durch Forschung und Diskurs Konsens hergestellt (oder aber Dissens festgestellt) werden muss, wird Eindeutigkeit vorgetäuscht und Widerspruch ausgeschlossen.

Zum anderen sind durch diese neuen Interpretationsansätze aber auch liebgewordene und für manche politischen Zwecke nützliche Vorurteile betroffen, die besonders nach 9/11 Konjunktur haben. Denn es zeigt sich, dass der Islam und hier speziell die türkische Variante  keineswegs der monolithische und durch und durch konservative und antiwestliche Block ist (und es auch nie war), als der er gerne gesehen wird. Das macht die Auseinandersetzung mit ihm einerseits schwerer, weil nun nicht mehr einfach mit Klischees gearbeitet werden kann, zugleich aber auch spannender und lohnender, weil die zu erhoffenden Ergebnisse vielleicht dazu beitragen könnten, den gesellschaftlichen Dialog, aber auch den Dialog zwischen den Religionen produktiver zu gestalten.
Nach diesem einleitenden Überblick werden sich weitere Folgen ausführlicher mit einzelnen Problemkomplexen beschäftigen. Als nächstes soll genauer auf die neue Koranhermeneutik eingegangen werden, dann auf neuere Forschungsansätze zur Entstehung des Koran und des frühen Islam. Danach folgt ein Überblick über den gegenwärtigen Stand des christlich-islamischen Dialogs und am Ende stehen einige grundsätzliche Überlegungen über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Islam und des Christentums, in der Moderne anzukommen.

 

 

 

Archiv

Zurück