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Das neue Gesicht des Islam IIvon Walter Reichel In der nichtmuslimischen Welt, aber auch bei vielen Muslimen ist die Meinung weit verbreitet, dass sich im Islam „alles nach dem Koran“ richten müsse, weil der Koran die „Antworten auf alle Fragen“ enthalte und dass man, um diese Antworten zu bekommen, einfach nur dem Text des Koran in seinem gegebenen Wortlaut folgen müsse. Dieses Vorurteil hat die Meinung begünstigt, dass es sich bei der islamischen Koranexegese um ein eher schlichtes Unternehmen handele. Dies ist aber ein falscher Eindruck. Zwar wird von allen Koraninterpreten daran festgehalten, dass der Koran im vorliegenden, durch Mohammed geoffenbarten Wortlaut das direkte Wort Gottes ist – hinter dieses islamische Grunddogma kann und will niemand zurück – was aber noch lange nicht heißt, dass sich Bedeutung und Sinn der geoffenbarten Worte ohne weiteres und ohne größere exegetische Bemühungen erschließen. Das bedeutet, dass die islamische Koranexegese von Anfang an mit ähnlichen Methoden gearbeitet hat, die z.B. auch von der christlichen Bibelexegese verwendet wurden und werden, also Grammatik, Rhetorik, Semantik usw. Ziel dieser Bemühungen war und ist es, den ursprünglichen Sinn des jeweiligen Textes möglichst genau herauszuarbeiten. Und auch die dafür gegebene Begründung ist in beiden Religionen gleich: Sowohl Bibel und Koran übermitteln dem Menschen den Willen Gottes, dessen genaue Kenntnis zur Erlangung des Heils (wie immer man das im Einzelnen auch verstehen will) nötig ist. Zwischen Bibel und Koran gibt es aber einen charakteristischen Unterschied, aus dem sich erhebliche Konsequenzen ergeben können. Zu Beginn des Lukasevangeliums heißt es z.B.: Beide Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen, zeigen, dass hinter den biblischen Texten konkrete (wenngleich nicht immer bekannte) Verfasser stehen, die ihre biographischen Aufzeichnungen bzw. Briefe in einer bestimmten historischen (wenngleich nicht immer sicher rekonstruierbaren) Situation mit einer ganz bestimmten Absicht an ganz bestimmte Adressaten richten. Einen ganz anderen Eindruck hinterlässt der Koran, so z.B. die Suren 2 und 3: 1. Alif Lam Mim. 2. Dies ist (ganz gewiss) das Buch (Allahs), das keinen Anlass zum Zweifel gibt, (es ist) eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen 3. die an das Verborgene glauben und das Gebet verrichten und von dem ausgeben, was Wir ihnen beschert haben 4. und die an das glauben, was auf dich und vor dir herabgesandt wurde, und die mit dem Jenseits fest rechnen. 5. Diese folgen der Leitung ihres Herrn und diese sind die Erfolgreichen. 1. Alif Lam Mim. 2. Allah kein Gott ist da außer Ihm, dem Lebendigen, dem Beständigen. 3. Er hat das Buch mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als Bestätigung dessen, was vor ihm war. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt 4. vordem als Rechtleitung für die Menschen, und Er hat (das Buch zur) Unterscheidung herabgesandt. Wahrlich, denjenigen, die die Zeichen Allahs verleugnen, wird eine strenge Strafe zuteil sein. Und Allah ist Allmächtig und Herr der Vergeltung. Dieser besondere literarischen Charakters des Koran, also sein Anspruch, selbst das authentische Wort Gottes zu sein, während die Bibel „nur“ beansprucht, das Wort Gottes zu bezeugen – dieser Anspruch des Koran ist einer Gründe, warum sich der Islam bis heute schwer tut, die Aussagen des Koran in nachvollziehbarer Weise auf die sich schnell wandelnden Verhältnisse moderner Gesellschaften zu beziehen, weil dies bedeuten könnte, über den gegebenen Wortlaut interpretatorisch hinauszugehen. Dadurch aber, dass die Koranexegese, wenn sie in dem hier beschriebenen Rahmen betrieben wird, sehr starre Vorgaben liefert, können systematische Theologie und vor allem das für das Alltagsleben relevante islamische Recht auch nur in vergleichsweise engen Grenzen operieren. Ein gutes Beispiel dafür sind die vor einiger Zeit von der obersten türkischen Religionsbehörde Diyanet veröffentlichten (gerade allerdings vom Direktor dieser Behörde relativierten) Verhaltensregeln für „gute Muslime“. Dadurch, dass diese Vorschläge die inhaltlichen Vorgaben der Tradition letztlich eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen versuchen, wird deutlich, wie schwer es der islamischen Theologie immer noch fällt, sich der eigentlichen hermeneutischen Herausforderung zu stellen, die sich aus dem schnellen gesellschaftlichen Wandel ergibt, und die letztlich auf die Frage hinausläuft, wie man islamische Identität in einer Gesellschaft definieren kann, die sich fortwährend weiter entwickelt und dabei zunehmend differenzierter und komplexer wird. Bedeutet islamische Identität, dass man sich dann nur noch in bestimmten Segmenten (um nicht zu sagen: Ghettos) dieser Gesellschaft aufhält, die zu den engen Vorgaben der Tradition passen oder passend gemacht werden, während die anderen Segmente mit ihren abweichenden Standards als unislamisch gelten? Oder wird es gelingen, diese Tradition so zu transformieren, dass islamische Identität nicht mehr primär als Ensemble einzelner Verhaltensweisen, sondern abstrakter als Ensemble bestimmter – eben islamischer – Prinzipien, Einstellungen und Grundhaltungen verstanden wird, auf deren Basis dann das islamische Recht, aber auch der Einzelne selbst konkrete Verhaltensnormen entwickeln können? Damit verbunden ist dann das weitere Problem, wie die Grundschriften des Islam, also vor allem Koran und Hadith, angemessen in diesen Transformationsprozess eingebracht werden. Oder anders gefragt: Welche Wege müssen beschritten werden, um den in dieser Tradition ruhenden Schatz freizulegen, ohne sich dabei in den Sackgassen der bisher betriebenen Exegese festzufahren. Über Versuche, neue Wege der Koranexegese zu beschreiten, berichtet die nächste Folge. |
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