Jahrgang 4 Nr. 24 vom 12.06.2008
 

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Das neue Gesicht des Islam II

von Walter Reichel

In der nichtmuslimischen Welt, aber auch bei vielen Muslimen ist die Meinung weit verbreitet, dass sich im Islam „alles nach dem Koran“ richten müsse, weil der Koran die „Antworten auf alle Fragen“ enthalte und dass man, um diese Antworten zu bekommen, einfach nur dem Text des Koran in seinem gegebenen Wortlaut folgen müsse. Dieses Vorurteil hat die Meinung begünstigt, dass es sich bei der islamischen Koranexegese um ein eher schlichtes Unternehmen handele. Dies ist aber ein falscher Eindruck.

Zwar wird von allen Koraninterpreten daran festgehalten, dass der Koran im vorliegenden, durch Mohammed geoffenbarten Wortlaut das direkte Wort Gottes ist – hinter dieses islamische Grunddogma kann und will niemand zurück – was aber noch lange nicht heißt, dass sich Bedeutung und Sinn der geoffenbarten Worte ohne weiteres und ohne größere exegetische Bemühungen erschließen.

Das bedeutet, dass die islamische Koranexegese von Anfang an mit ähnlichen Methoden gearbeitet hat, die z.B. auch von der christlichen Bibelexegese verwendet wurden und werden, also Grammatik, Rhetorik, Semantik usw. Ziel dieser Bemühungen war und ist es, den ursprünglichen Sinn des jeweiligen Textes möglichst genau herauszuarbeiten. Und auch die dafür gegebene Begründung ist in beiden Religionen gleich: Sowohl Bibel und Koran übermitteln dem Menschen den Willen Gottes, dessen genaue Kenntnis zur Erlangung des Heils (wie immer man das im Einzelnen auch verstehen will) nötig ist.

Zwischen Bibel und Koran gibt es aber einen charakteristischen Unterschied, aus dem sich erhebliche Konsequenzen ergeben können. Zu Beginn des Lukasevangeliums heißt es z.B.:
1 Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. 2 Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. 3 Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. 4 So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.
Und in seinem Brief an die Römer schreibt Paulus zu Beginn:
8 Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, weil euer Glaube in der ganzen Welt verkündet wird. 9 Denn Gott, den ich im Dienst des Evangeliums von seinem Sohn mit ganzem Herzen ehre, ist mein Zeuge: Unablässig denke ich an euch 10 in allen meinen Gebeten und bitte darum, es möge mir durch Gottes Willen endlich gelingen, zu euch zu kommen. 11 Denn ich sehne mich danach, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, 12 oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben. 13 Ihr sollt wissen, Brüder, dass ich mir schon oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen, aber bis heute daran gehindert wurde; denn wie bei den anderen Heiden soll meine Arbeit auch bei euch Frucht bringen.

Beide Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen, zeigen, dass hinter den biblischen Texten konkrete (wenngleich nicht immer bekannte) Verfasser stehen, die ihre biographischen Aufzeichnungen bzw. Briefe in einer bestimmten historischen (wenngleich nicht immer sicher rekonstruierbaren) Situation mit einer ganz bestimmten Absicht an ganz bestimmte Adressaten richten.

Einen ganz anderen Eindruck hinterlässt der Koran, so z.B. die Suren 2 und 3:

1. Alif Lam Mim. 2. Dies ist (ganz gewiss) das Buch (Allahs), das keinen Anlass zum Zweifel gibt, (es ist) eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen 3. die an das Verborgene glauben und das Gebet verrichten und von dem ausgeben, was Wir ihnen beschert haben 4. und die an das glauben, was auf dich und vor dir herabgesandt wurde, und die mit dem Jenseits fest rechnen. 5. Diese folgen der Leitung ihres Herrn und diese sind die Erfolgreichen.

1. Alif Lam Mim. 2. Allah kein Gott ist da außer Ihm, dem Lebendigen, dem Beständigen. 3. Er hat das Buch mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als Bestätigung dessen, was vor ihm war. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt 4. vordem als Rechtleitung für die Menschen, und Er hat (das Buch zur) Unterscheidung herabgesandt. Wahrlich, denjenigen, die die Zeichen Allahs verleugnen, wird eine strenge Strafe zuteil sein. Und Allah ist Allmächtig und Herr der Vergeltung.
Hier tritt uns eine völlig andere literarische Gattung entgegen, die in sich bereits die Tendenz enthält, die Offenbarungen des Koran aus ihren konkreten Bezügen zu lösen und den Koran insgesamt als ein Werk jenseits von Raum und Zeit zu betrachten (ein Konzept, das dann zur Vorstellung vom seit Ewigkeit existierenden „ungeschaffenen Koran geführt hat), dessen Wortlaut eigentlich nicht interpretiert, sondern als direktes Wort Gottes immer nur hingenommen werden kann.
Zwar hat es auch bezüglich der Bibel ähnliche Tendenzen gegeben, z.B. die Lehre von der Verbalinspiration, wonach jedes Wort der Bibel dem jeweiligen Schreiber durch Gott selbst eingegeben worden sei. Gegen diese Lehre von der Verbalinspiration stand aber immer der offenkundig andere literarische Charakter der biblischen Schriften, so dass die im 18. Jahrhundert beginnende historisch-kritische Bibelinterpretation als Konsequenz einer in der Bibel selbst angelegten Tendenz verstanden werden konnte.

Dieser besondere literarischen Charakters des Koran, also sein Anspruch, selbst das authentische Wort Gottes zu sein, während die Bibel „nur“ beansprucht, das Wort Gottes zu bezeugen – dieser Anspruch des Koran ist einer Gründe, warum sich der Islam bis heute schwer tut, die Aussagen des Koran in nachvollziehbarer Weise auf die sich schnell wandelnden Verhältnisse moderner Gesellschaften zu beziehen, weil dies bedeuten könnte, über den gegebenen Wortlaut interpretatorisch hinauszugehen. Dadurch aber, dass die Koranexegese, wenn sie in dem hier beschriebenen Rahmen betrieben wird, sehr starre Vorgaben liefert, können systematische Theologie und vor allem das für das Alltagsleben relevante islamische Recht auch nur in vergleichsweise engen Grenzen operieren. Ein gutes Beispiel dafür sind die vor einiger Zeit von der obersten türkischen Religionsbehörde Diyanet veröffentlichten (gerade allerdings vom Direktor dieser Behörde relativierten) Verhaltensregeln für „gute Muslime“. Dadurch, dass diese Vorschläge die inhaltlichen Vorgaben der Tradition letztlich eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen versuchen, wird deutlich, wie schwer es der islamischen Theologie immer noch fällt, sich der eigentlichen hermeneutischen Herausforderung zu stellen, die sich aus dem schnellen gesellschaftlichen Wandel ergibt, und die letztlich auf die Frage hinausläuft, wie man islamische Identität in einer Gesellschaft definieren kann, die sich fortwährend weiter entwickelt und dabei zunehmend differenzierter und komplexer wird. Bedeutet islamische Identität, dass man sich dann nur noch in bestimmten Segmenten (um nicht zu sagen: Ghettos) dieser Gesellschaft aufhält, die zu den engen Vorgaben der Tradition passen oder passend gemacht werden, während die anderen Segmente mit ihren abweichenden Standards als unislamisch gelten? Oder wird es gelingen, diese Tradition so zu transformieren, dass islamische Identität nicht mehr primär als Ensemble einzelner Verhaltensweisen, sondern abstrakter als Ensemble bestimmter – eben islamischer – Prinzipien, Einstellungen und Grundhaltungen verstanden wird, auf deren Basis dann das islamische Recht, aber auch der Einzelne selbst konkrete Verhaltensnormen entwickeln können? Damit verbunden ist dann das weitere Problem, wie die Grundschriften des Islam, also vor allem Koran und Hadith, angemessen in diesen Transformationsprozess eingebracht werden. Oder anders gefragt: Welche Wege müssen beschritten werden, um den in dieser Tradition ruhenden Schatz freizulegen, ohne sich dabei in den Sackgassen der bisher betriebenen Exegese festzufahren. Über Versuche, neue Wege der Koranexegese zu beschreiten, berichtet die nächste Folge.

 

 

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