Wochenspiegel Dossiers
Magazin Wirtschaft
Adresse Veranstaltungen
Kleinanzeigen Istanbul Post
Suchen Archiv
Kommunikation Aktuelles
Titel 

Istanbul    Post
Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 4 Nr. 25 vom 19.06.2008
 

Jetzt kostenlos!



 

Irrlichternder „Leuchturm“?

Claus Stille

Die Deutschen sind zwar nicht Spendenweltmeister - wie vielfach behauptet wird - spenden aber dennoch durchaus viel für humanitäre Zwecke. Als seriöser Adressat für Spenden galt von jeher UNICEF Deutschland. Bis dort überhöhte Ausgaben für Vereinszwecke aus dem Spendenaufkommen öffentlich wurden und zum Skandal gerieten. Die Folge: der Vorstand wurde abgelöst und durch einen neuen ersetzt. Mit der Aberkennung des Spendensiegels bis 2010 muss der Verein vorerst leben.

Ähnlich bekannt wie UNICEF bzw. die Deutsche Welthungerhilfe ist in der türkischen Community der Spendenverein „Deniz Feneri“ (deutsch: Leuchtturm).

Viele Muslime sahen ihre Geldspenden denn bei „Deniz Feneri e.V.“ auch dementsprechend gut aufgehoben. Spenden, welche gemäß ihrer Religion Regel und Pflicht für jeden Muslim sind, der es sich leisten kann. Über „Deniz Feneri“ wollten sie armen Muslimen in der Türkei oder anderen islamischen Ländern konkret helfen.

Das gute Gefühl jedoch, welches sich anfangs bei den Spendern einstellte, ist längst längst Wut und Enttäuschung gewichen. Denn wie es aussieht, ist ein nicht unbeträchtlicher Euro-Betrag der Geld-Spenden („Deniz Feneri“ sammelte in nur fünf Jahren 41 Mio Euro) veruntreut worden. Verantwortlich dafür sollen drei leitende Vereinsmitglieder sein.

Im April des Jahres 2007 führte die Polizei in der Zentrale des Vereins in Frankfurt a.M. und anderen Räumlichkeiten von „Deniz Feneri e.V.“ in Deutschland Razzien durch. Zuvor war lange und akribisch ermittelt worden. Drei führende Vereinsmitglieder wurden verhaftet. Sie sind wegen gewerbsmäßigen Betrugs angeklagt. Der Prozess gegen sie steht bevor. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main wirft den drei Angeklagten vor 8,5 Millionen Euro veruntreut zu haben.

In der Türkei gehört der Verein „Deniz Feneri“ zu den bekanntesten humanitären Hilfsorganisationen. Einer Meldung der türkischen Zeitung „Radikal“ vom 26.04.2007 zufolge, erklärte der türkische Verein „Deniz Feneri“ nach dem Bekanntwerden des Skandals, dass „es keinen direkten Zusammenhang mit dem Verein gleichen Namens in Deutschland gäbe“.

Fakt ist jedenfalls, dass der „Deniz Feneri“-Spendenskandal in Deutschland gewaltige ist. Vielleicht ist es sogar der größten Spendenskandal, den die BRD in ihrer Geschichte sah. Eigentlich müssten die deutschen Medien also voll davon sein. Doch nichts dergleichen. Man hält sich außergewöhnlich stark zurück. Die WDR-Autorin Cornelia Uebel erklärte Funkhaus Europa gegenüber warum:

Die deutschen Medien, so Uebel, ordneten den Skandal ganz offenbar nicht als deutschen, sondern vielmehr als türkischen Fall ein. Dabei sind viele der Geschädigten deutsche Staatsbürger oder leben zumindest bereits seit Jahrzehnten als Steuer zahlende Bürgerinnen und Bürger in deutschen Städten und Gemeinden.

So viel zum Thema Integration...

Cornelia Uebels Recherchen ergaben zum anderen allerdings ebenfalls, dass Betroffene aus der türkischen Community Deutschlands Fragen nach dem Spendenskandal am liebsten aus dem Weg gehen. Es scheint, dass sie es vorziehen, den Fall lieber unter ihresgleichen zu regeln.

Cornelia Uebels TV-Beitrag „Wo sind die Spenden geblieben?“ ist am vergangenen Sonntag im Rahmen der Sendung Cosmo TV im WDR-Fernsehen gezeigt worden.

Nicht nur der Spendenverein „Deniz Feneri“ ist in die Kritik geraten, sondern auch der TV-Sender „Kanal 7 Int“. Fungierte der 1993 auf Initiative von Necmettin Erbakan mit einem Startkapital von

100 Mrd. Türkische Lira gegründete Fernsehsender vor allem als eine Art Lockvogel, um an Geld-Spenden der Zuschauer zu kommen?

Fest steht, dass Kanal 7 „Deniz Feneri“ jede Menge Werbesendezeit einräumte. Wieder und wieder spulte der Sender Werbeeinblendungen mit „herzerweichenden Szenen“ (Zitat: „Evrensel“) zum Thema „Deniz Feneri“ ab. Gutgläubige Zuschauer wurden auf diese Art und Weise Stück für Stück weichgekocht, bis sie endlich bereit waren Überweisungen an den Spenderverein auszustellen.

Haben wir es mit „Deniz Feneri“ also mit einem „Leuchturm“ zu tun, der im Namen einer an sich in gutem Lichte stehenden Sache gutgläubige Spender anlockte, sie aber in Wirklichkeit nur in die Irre führte, um deren Spenden-Geld zweckentfremdet einzusetzen?

Die Zeitung „Evrensel“ dazu: „Um den Geldstrom aufrecht zu halten, wurden exemplarisch die Bedürftigen in der Türkei und die Hilfsleistungen unter der gleichnamigen Sendung „Deniz Feneri“ in Szene gesetzt. Die Sendungen und Werbeeinblendungen wiederum wurden „Deniz Feneri e.V.“ in Rechnung gestellt.“

Zu dem konnte die Redaktion von „Evrensel“ bereits 2007 nachweisen, „dass der Geschäftsführer von Kanal 7 Int in Europa, Mehmet Gürhan, gleichzeitig der Vereinsvorsitzende von 'Deniz Feneri e.V.' war.“ Vermutungen, dass „Deniz Feneri“ Kanal 7 mitfinanzierte, erhielten schon im Dezember 2006 Nahrung. Zog man diese Finanzierungsvariante deshalb in Betracht, nachdem ein früherer Geldgeber des Senders, Yimpas, in Konkurs gegangen war und somit ausfiel? Die Verantwortlichen des Senders bestritten jedoch bisher stets, Geld vom Verein erhalten zu haben.

Die Geschädigten erwarten zu Recht eine vorbehaltlose juristische Aufklärung des bitteren Spendenskandals.

Zu ihnen gehört laut des WDR-TV-Beitrags auch die Klasse 9b des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums in Oberhausen.

Die Schülerinnen und Schüler sammelten 400 Euro, um armen Kindern in Pakistan zu helfen.

Auch ihre türkischstämmige Lehrerin sah das Geld bei „Deniz Feneri“ zunächst in guten Händen. Sie hatte aus dem türkischen Fernsehen von dem Spendenverein erfahren und hatte keinerlei Bedenken gegen die Spende der Klasse.

Man sieht sich nun in Nachhinein jedoch gemeinsam getäuscht und ist über das Gebahren des Verein über die Maßen enttäuscht.

Die Schülerinnen und Schüler aus Oberhausen fordern nun Gerechtigkeit. Sie wollen sich als Zeugen der Anklage zur Verfügung stellen.

Dem Vernehmen nach agiert der Verein „Deniz Feneri“ bis heute weiter in Deutschland...

 

Reklame

Seminare und Trainings zu interkultureller Kommunikation und Moderation


Wieviel ist Ihnen dieser Beitrag wert?

 

Archiv

Zurück

 

Impressum

Istanbul  Post

Dr. Stefan Hibbeler

Redaktion: redaktion@istanbulpost.net

Reklame
Hier könnte Ihre Reklame stehen.

 

 

Copyright © 2001 Istanbul Post

Last modified: 28.12.2003