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Jahrgang 4 Nr. 26 vom 26.06.2008
 

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Kenan Kolat wieder Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschlands

Deutschland soll zeigen, dass Einbürgerung erwünscht ist

Claus Stille

Am vergangenen Wochenende kam in Berlin die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) zu ihrem 7. Bundeskongress zusammen.

Der 48-jährige Ingenieur Kenan Kolat wurde von den Delegierten des Bundeskongresses mit 105 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung abermals zum Vorsitzenden der TGD gewählt.

Wichtige Themen des Kongresses waren Integration und Zuwanderung. TGD-Vorsitzender Kolat forderte leichtere Einbürgerungen von Zuwanderern. Viele dieser Menschen, so Kolat, hätten eine doppelte Identität. Dies müsse Deutschland anerkennen und deshalb auch die doppelte Staatsbürgerschaft zulassen.

Ausdrücklich sprach sich Kenan Kolat für einen Sprachtest vor der Einbürgerung aus, lehnte jedoch jegliche Gesinnungs- bzw. Wissenstests vehement ab.

Kolat: „Deutschland muss ein deutliches Signal an die Zuwanderer aussenden, dass die Einbürgerung erwünscht ist und unsinnige bürokratische und psychologische Hürden aus dem Weg räumen.“

Ansonsten befürchtet Kolat, dass die Zahl der Einbürgerungen weiterhin zurückgeht. Diese negative Entwicklung sei seit dem Jahr 2000 zu beobachten. Gleichzeitig steige die Zahl der Bewohner ohne deutschen Pass.

„Deutschland muss sich fragen, wie unter diesen Bedingungen die Partizipation funktionieren soll“, so der TGD-Vorsitzende auf dem Bundeskongress.

Zehn Prozent der deutschen Schüler gehen ohne Abschluss von der Schule. Unter den Türken sind es alarmierende 22 Prozent.

Der Bundestagsabgeordnete Hakki Keskin (LINKE), die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth und Vertreter der FDP, der Gewerkschaften und des Deutschen Roten Kreuzes stimmen mit den Ansichten des TGD in ihrer Forderung darin überein, dass sich die Schulen besser um Zuwanderer kümmern müssten.

Ganz in diesem Sinne sind jetzt schon etliche Vereine in Deutschland unter dem Dach der TGD in der Hausaufgabenhilfe und der Förderung von Schulabbrechern tätig.

Im Vorfeld des 7. Bundeskongresses der TGD war es zu einem Eklat mit der zu der Tagung eingeladenen Integrationsbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Prof. Maria Böhmer (CDU) gekommen.

Die Ministerin war zuvor von einer TGD-Mitgliedsorganisation wegen ihrer Position zum Zuwanderungsgesetz und ihrer Befürwortung von Einbürgerungstests scharf kritisiert worden. Ihr wurde vorgehalten, sie agiere wie eine Regierungssprecherin und nicht als Mittlerin zwischen Mehrheitsgesellschaft und Migranten.

Die Integrationsbeauftragte der Regierung, die übrigens nicht zum ersten Mal in die Kritik von Migrantenorganisationen geriet, reagierte auf die Vorwürfe verärgert: „Diese Polemik führt in der Sache nicht weiter. Auf diesem Niveau bin ich nicht bereit zu diskutieren.“

Maria Böhmer sagte ihre Teilnahme am Bundeskongress der TGD ab.

Der TGD wiederum reagierte auf die Absage der Integrationsbeauftagten seinerseits mit Unverständnis. Safter Cinar: „Wenn Frau Böhmer uns vorwirft, den demokratischen Diskurs verlassen zu haben, muss sie sich nach ihrem Demokratieverständnis fragen lassen.“ Cinar, der Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg ist, setzte noch selbstbewusst hinzu: „Für uns gehört zur Demokratie, dass die Regierung zensurfrei kritisiert werden kann und die Majestätsbeleidigung abgeschafft ist.“

In einer Presserklärung kritisierte der TGD darüber hinaus, „dass Frau Böhmer den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, dessen Rede in Köln Anfang dieses Jahres als der Integration nicht dienlich bezeichnet worden war, nunmehr in ihre Argumentation gegen die TGD einbindet.“

Und weiter: „Die TGD als eine deutsche Organisation ist sicherlich auch der alten Heimat verbunden, entscheidet und handelt aber eigenständig.“

Obwohl die Integrationsministerin auch via Presseerklärung noch einmal ausdrücklich auf dem Kongress willkommen geheißen worden war, blieb sie ihm fern.

Eine versöhnlich-optimistische Stimmung verbreitete dagegen der wiedergewählte TGD-Vorsitzende Kenan Kolat: „Wir sind im Finale“, freute sich der Ingenieur gegenüber der Presse. „Wir“, bedeute, „die Türkei oder Deutschland. Meine linke oder meine rechte Herzhälfte. Und wir wünschen uns mit ganzem Herzen, das Finale zu gewinnen. Das wollen wir friedlich miteinander feiern.“

Nebenbei bemerkt: während in Oberhausen ein geplantes PUBLIC VIEWING zum Halbfinal-EM-Fußballspiel Türkei gegen Deutschland am Mittwoch im Oberhausener Einkaufszentrum „CentrO“ auf Grund von Sicherheitsbedenken abgesagt wurde, setzte die Stadt Dortmund betont auf ein die Menschen beider Nationalitäten verbindendes PUBLIC VIEWING-Erlebnis auf dem Friedensplatz vorm Rathaus der Ruhrgebietsmetropole. Um dem Rechnung zu tragen, kündigte man an, Schals mit den türkischen auf der einen und den deutschen Nationalfarben auf der anderen Seite verteilen zu wollen...

Auch die äußerst selten differenziert, dafür aber zumeist schreiend-provozierend, daherkommenden Massenblätter „Bild“ und „Hürriyet“, meldete „heute in Europa“ (ZDF), verständigten sich vor dem Fußballspiel der Türken gegen die Deutschen untereinander . Sie gelobten eine faire, von Hetze freie, die Freundschaft unter den Völkern fördernde, Berichterstattung...

 

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Last modified: 28.12.2003