Jahrgang 4 Nr. 27 vom 3.07.2008
 

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Professor Faruk Sen strauchelt. Stürzt er am Ende?

Der Direktor des Zentrums für Türkeistudien stolpert über Türken-Juden-Vergleich

Claus Stille

Der im Jahre 1948 in Ankara geborene Faruk Sen studierte ab 1971 Betriebswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sen promovierte und wurde 1981 Leiter der „Maßnahmen zur Berufsvorbereitung und sozialen Eingliederung junger Ausländer“ bei der Volkshochschule Duisburg. Später wurde Faruk Sen Direktor des 1985 gegründeten „Zentrum für Türkeistudien“ (ZfT). An der damaligen Universität-Gesamthochschule Essen (heute: Universität Duisburg-Essen) wurde Sen 1990 zum Professor ernannt.

Als Türkei-Forscher hat sich Professor Sen in den zurückliegenden Jahren fraglos große Verdienste erworben. Kaum ein Thema mit Türkei- bzw. Türken-Bezug zu welchem Faruk Sen seitens der deutschen oder türkischen Medien nicht befragt worden wäre. Sen war stets ein begehrter Interviewpartner. Er selbst veröffentlichte Literatur zu diesen Themen, schrieb Beiträge für Zeitschriften und Zeitungen und arbeitete an Studien.

Sen ist Träger des Deutsch-Türkischen Freundschaftspreises, des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundesverdienstkreuzes.

Doch nun verdunkelt sich der Himmel über den einst mit Ehren überhäuften Faruk Sen (SPD) mit beträchtlicher Geschwindigkeit. Eine Maßnahme jagt die andere. Zunächst wurde der ZfT-Direktor beurlaubt und der Geschäftsführer Andreas Goldberg vorläufig mit der Leitung der Einrichtung betraut. Nun hat der Vorstand des Essener Zentrums für Türkeistudien das Kuratorium auch noch aufgefordert, seinen Direktor abzuberufen.

Dazu Vorstandsmitglied Heinz-Jürgen Axt (Uni Duisburg-Essen) gegenüber der „Frankfurter Rundschau“: „Sen hat das Fass zum Überlaufen gebracht.“ Sen sei seinem Auftrag Integration „zuwidergelaufen“.

All das läuft auf die endgültige Demontage des bisherigen Direktors Faruk Sen hinaus, die wohl mit einem Rauswurf enden wird. Und man machte hinsichtlich dessen gleich noch weitere Nägel mit Köpfen: Unterdessen ist es Sen verboten worden die Zentrumszentrale in Essen überhaupt noch zu betreten. Schlösser wurden ausgewechselt, der E-Mail-Account von Sen gesperrt und ihm die Benutzung seines Dienstwagens untersagt. Offenbar ist die „Entpflichtung“ Sens nur noch eine Formalität. Sie ist Aufgabe des Kuratoriums der Stiftung, der NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) vorsitzt. Entschieden werden soll darüber am 18. Juli.

In diese verhängnisvolle Lage hinein katapultiert hat sich Faruk Sen tragischerweise selbst. Mit einer für einen politischen Kopf und erfahrenen Menschen wie ihn Unbedachtheit sondersgleichen manövrierte sich Prof. Sen selbst mit Volldampf ins Schlamassel.

Auslöser des Ganzen war ein Beitrag Sens für die türkische Wirtschaftszeitung „Referans“ (19.05.2008). Anlass für den Kommentar wiederum waren antisemitische Vorgänge in der Türkei. Sie richteten sich gegen den bekannten jüdischen Unternehmer Ishak Alaton, den Gründer der Alarco Holding. Sen hatte Alaton trösten wollen, nachdem dieser sich nach einem Fernsehgespräch mit der Moderatorin Nagehan Alci über Antisemitismus in der Türkei beklagt hatte. Im Anschluss an das TV-Gespräch war Alaton attackiert und beschimpft worden.

Sen schrieb an Alaton: „Als europäische Türken wissen wir ihre Bedeutung für die Türkei gut einzuschätzen. Wir, fünf Millionen, zweihunderttausend mit gleichem Schicksal (kaderdainiz) in Europa, die neuen Juden Europas, können Sie am besten verstehen. Seien Sie nicht traurig wegen der antisemitischen Tendenzen einiger Gruppen in der Türkei. Als türkisches Volk und als neue Juden Europas unterstützen wir Sie.“

In seinem Beitrag für „Referans“ „Die neuen Juden Europas“ (Wiedergabe des Textes via welt.de) beschrieb Faruk Sen den Kummer der in Europa lebenden Türken so: (...)„Obwohl sich unter diesen unseren Menschen, die sich seit 47 Jahren in der Mitte und im Westen des alternden Kontinents niederlassen, 125.000 Unternehmer befinden, die einen Umsatz von 45 Milliarden Euro machen, sehen sie sich einer Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt, der schon die Juden, wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung, ausgesetzt waren (...)

Weiß man einigermaßen um die Befindlichkeiten der in Europa lebenden Türken, erschließt sich einem Sens Text auf der Stelle. Oftmals fühlen sich nämlich diese Menschen in der Tat von der Mehrheitsgesellschaft nicht angenommen und begreifen sich deshalb als Ausgegrenzte, wenn nicht sogar als Nichtgewollte.

Die man liebsten wieder loswerden möchte. Wenn sich die von Sen konstatierte „Diskriminierung“ auch nicht auf alle und jeden türkischstämmigen Menschen in Europa beziehen lässt, existiert sie dennoch. Man sollte, ja muss, dies auch öffentlich benennen dürfen.

Nur: was in aller Welt ritt Faruk Sen just in dem entscheidenden Moment des Schreibens, dass er den umstrittenen Türken-Juden-Vergleich im Beitrag für die Zeitung „Referans“ in Anwendung brachte?

Das fürchterliche, schier unfassbare, an den Juden verübte Unrecht ruft auf immer und ewig unauslöschbar auch sofort den Holocaust, die geplante geradezu mit industriellen Mitteln betriebene Vernichtung des gequälten jüdischen Volkes durch das Nazi-Regime, ins Gedächtnis.

Woraufhin sich eigentlich von selbst verbietet, dieses erlittene Unrecht in Vergleich zu heutigen Geschehnissen zu setzen.

Natürlich ist Faruk Sen kein Antisemit. Der durch ihn gewählte Vergleich ist jedoch mehr als nur ein Fauxpas. Er kommt einer Entgleisung gleich. Inzwischen hat Sen, den „Funkhaus Europa“ gegen Ende vergangener Woche telefonisch in Istanbul erreichte, seine unglücklichen Äußerungen „ausdrücklich bedauert“.

Auch hat Sen mit führenden jüdischen Persönlichkeiten in Deutschland gesprochen und sich für den Vergleich entschuldigt.

Die Empörung reißt dennoch nicht ab.

Bereits früher hatte es Kritik an Sen gegeben. Der CDU-Politiker Willi Zylajew warf Sen vor, schon immer mehr gespalten als versöhnt zu haben.

Auch „Der Spiegel“ erwähnt, Prof. Sen habe schon von jeher mit gespaltener Zunge geredet. In der Türkei stets anders als in Deutschland. Dies sieht auch der NRW-DGB-Vorsitzende Guntram Schneider so: „Der Mann hat offensichtlich zwei Gesichter: eines für die deutsche und eines für türkische Öffentlichkeit.“ Es habe nur kaum jemand bemerkt, weil das Interesse an der Türkei und ihren Medien in Deutschland meist gering gewesen sei. Das habe sich aber nun geändert.

Es hat den Anschein, dass der Vorfall einigen Mitgliedern des ZfT-Vorstands ganz gelegen kam, um Faruk Sen – den man wohl schon länger auf dem „Kieker“ hatte – endlich loszuwerden. Immerhin wurde der „Referans“-Beitrag Sens ausgerechnet durch ein Vorstandsmitglied in die Frankfurter Allgemeine Zeitung und somit ins Gespräch gebracht.

In der Tat sehen wir hier eine „menschliche Tragödie“, vor uns, wie es Sens Interimsnachfolger Goldberg ausdrückte.

Faruk Sen scheint die Welt nicht mehr zu verstehen. Er müsse doch – um verstanden zu werden - für türkische Medien, anders schreiben als er das für die deutschen tue, beteuerte Sen im Radiointerview.

n Funkhaus Europa versicherte Sen von Istanbul aus weiter, sich juristisch gegen seine Ablösung wehren zu wollen. Professor Sen sprach von einer „Überreaktion“ seitens des ZfT-Vorstandes.

Um ehrlich zu sein: Die Chancen, dass Faruk Sen damit Erfolg hat, dürften äußerst gering sein. Zu weit ist Sens Demontage im Vorstand und der deutschen Öffentlichkeit bereits fortgeschritten.

Selbst Sen gegenüber sonst eher wohlwollend Gesinnte, so ist zu hören, seien unterdessen von ihm abgerückt.

Die düsteren, über den 60-jährigen Faruk Sen aufgezogenen Wolken, verdunkeln und vernebeln schon jetzt dessen unbestreitbar erworbene Verdienste als Direktor des Zentrums für Türkeistudien.

Es jammert einen, eine so herausragende und hoch angesehene Figur des Öffentlichen Lebens Deutschlands und der Türkei (auf die sich bisher alle Welt immer so gerne berief) nun plötzlich auf glattem Parkett beim selbst verursachtem Straucheln zusehen zu müssen. Schlimmer noch: diese, zu einer tragischen Figur geworden, womöglich letzten Endes umgestürzt auf besagtem Boden zerschlagen und der Ehre entkleidet vorzufinden.

Mancher wird nun sicher darob müde die Schultern heben und sagen: Selber Schuld, Herr Sen!

Darf man angesichts all dessen nun eigentlich noch fragen, ob auch für Professor Sen gilt, was allgemein die Regel unter Menschen ist; nämlich: dass ein jeder Mensch eine zweite Chance verdient?

 

 

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