|
|
| |||||||||||||||
|
Istanbul Post |
||||||||||||||||
| ||||||||||||||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||||||||||||||
|
Das neue Gesicht des Islam VI. Interreligiöser Dialog und Hermeneutikvon Walter Reichel Das Verhältnis zwischen Menschen verschiedenen Glaubens ist nie ohne Spannungen und Konflikte gewesen, aber es wäre eine Verzeichnung der Realität, wenn man sagte, es sei immer nur durch Spannungen und Konflikte bestimmt worden. Diese gleichsam von außen auf das Zusammenleben der Menschen einwirkenden politischen, ökonomischen oder religionspolitischen Ursachen, von denen ja auch aktuell wieder sehr viel die Rede ist, sind sicher mit dafür verantwortlich, dass wir immer wieder das Verhältnis zwischen den Religionen als vorwiegend durch Konflikte bestimmt wahrnehmen. Flankiert wird dieser Eindruck durch offizielle Äußerungen der großen Religionen, da diese bis heute und aus verschiedenen Gründen gerade jetzt wieder verstärkt eher zur Abgrenzung und eigenen Konsolidierung tendieren. Einer der Gründe liegt – neben dem Einfluss aktueller (religions-)politischer Ereignisse – vermutlich in der Unklarheit über die Ziele und Ergebnisse eines interreligiösen Dialoges. Oft wird die Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten (neuerdings auch wieder vermehrt von Unterschieden) als Ziel definiert. Aber das kann höchstens ein vorläufiges Ziel sein, denn wie soll es dann weitergehen? Und ist die indirekte Voraussetzung eines solchen Verfahrens, nämlich dass man sich auf der religiösen Ebene erst bei einem genügend großen Vorrat an Gemeinsamkeiten verständigen kann, überhaupt sinnvoll? Natürlich erleichtern Gemeinsamkeiten die Verständigung und das Zusammenleben und ein bestimmtes Maß davon ist wohl unabdingbar. Aber ist es nicht viel wichtiger Wege zu finden, sich auch bei fundamentalen, nicht aufhebbaren Unterschieden irgendwie zu arrangieren? Denn allein die Tatsache, dass sich im Laufe der Geschichte Judentum, Christentum und Islam als verschiedene Religionen ausdifferenziert haben, ist schon ein hinreichender Grund für die Annahme, dass die Unterschiede zwischen diesen Religionen deutlich überwiegen, und zwar so deutlich, dass auch die gelegentlich vorgetragene Vision einer künftigen Vereinigung dieser drei „abrahamitischen“ Religionen das bleiben wird, was sie ist, nämlich Utopie. Ebenso unrealistisch ist die in diesem Zusammenhang auch gerne verwendete Idee „desselben Gottes“, zu dem Juden, Christen und Muslime beten. Theologisch mag es gute Gründe für die Annahme geben, dass hinter den jüdischen, christlichen und islamischen Gottesvorstellungen derselbe Gott steht, doch einstweilen unterscheiden sich die über Jahrhunderte bzw. Jahrtausende geformten Gottesbilder dieser drei Religionen so sehr, dass es verschiedene Götter zu sein scheinen. Eine Nivellierung der Unterschiede oder gar eine Vereinigung von Religionen ist aber auch gar nicht nötig, um die Konfliktursachen aus der Welt zu schaffen. Denn diese Konfliktursachen liegen primär nicht in den Unterschieden, sondern im falschen Umgang damit. Um zu erkennen, worum es heute beim interreligiösen Dialog (hier: zwischen Christentum und Islam) im Kern gehen müsste, und um herauszufinden, wo die besonderen Schwierigkeiten liegen, ist es vielleicht hilfreich, auf diesen Dialog zwischen den Religionen (genauer: zwischen Menschen verschiedener Religionen) gewissermaßen probeweise jene bereits erwähnten hermeneutischen Prinzipien Gadamers und anderer anzuwenden, die sich im intrareligiösen Dialog zwischen Text und Leser vielfach bewährt haben, also auch den interreligiösen Dialog als einen Prozess gegenseitigen Verstehens zu begreifen, und zwar nicht auf der „Funktionärsebene“, sondern auf der Ebene des unmittelbaren Zusammenlebens. Das ist deswegen wichtig zu betonen, weil bislang der interreligiöse Dialog von den abstrakten Konzepten dieser Funktionärsebene dominiert wird, die in einer bestimmten Perspektive vielleicht ihren begrenzten Nutzen haben mögen, das gegenseitige Verstehen von Menschen verschiedenen Glaubens aber eher erschweren (mehr dazu in einer der nächsten Folgen). Hinter diesem hermeneutischen Konzept steht allerdings ein relativ anspruchsvoller Begriff von Toleranz, besser: interreligiöser Kommunikation, so dass eine kurze Begründung dafür nötig ist, zumal der Begriff Toleranz – auch in seiner wörtlichen Bedeutung – ursprünglich nichts anderes bedeutete als den anderen, die andere Religion einfach nur zu ertragen, es auszuhalten, dass es „andere“ mit einem anderen Glauben gibt, ohne dass gefordert wurde, diesen anderen Glauben in seiner Andersheit zu akzeptieren, geschweige denn zu verstehen. Wegen der zahlreichen Konflikte, denen Religion irgendwie „beigemischt“ ist und nicht selten als eine Art Brandbeschleuniger fungiert, wäre es in der Tat schon nicht wenig, wenn sich die Beteiligten darauf verständigen könnten, sich gegenseitig einfach nur zu ertragen. Angesichts der durch die Globalisierung und der damit verbundenen weltweiten Mobilität und Migration, die dazu geführt haben, dass wir heute einerseits in fernen Weltgegenden Menschen völlig fremder Religion persönlich begegnen können, andererseits oft Menschen anderen Glaubens aus eben jenen fernen Gegenden als Nachbarn Wand an Wand mit uns wohnen – angesichts dieser neuen Entwicklungen reicht diese Art von Toleranz jetzt aber nicht mehr aus. Dass aus bloßem Ertragen ein Verstehen des anderen werden muss, ist aber noch aus einem anderen Grunde dringend nötig. Denn gerade weil die Religion sich offensichtlich hervorragend als Brandbeschleuniger eignet, wird sie in zahlreichen Konflikten zur Durchsetzung politischer und ökonomischer Ziele instrumentalisiert. Diese missbräuchliche Instrumentalisierung von Religion kann aber nur dadurch – wahrscheinlich nicht völlig verhindert, aber doch – erschwert werden, wenn die Beteiligten bzw. Verführten sowohl sich selbst, als auch die jeweils andere Religion bzw. den jeweils Andersgläubigen besser verstanden haben. Aber auch das reicht noch nicht aus. Es muss vielmehr dazu kommen, auch der anderen Religion, dem anderen Glauben Wahrheit zuzugestehen, so wie ich sie für meinen Glauben auch beanspruche. Das ist das Konzept, das hier vertreten und begründet werden soll. „Es gehört zur elementaren Erfahrung des Philosophierens, dass die Klassiker des philosophischen Gedankens, wenn wir sie zu verstehen suchen, von sich aus einen Wahrheitsanspruch geltend machen, den das zeitgenössische Bewusstsein weder abweisen noch überbieten kann.“ (Gadamer) Wenn wir diese aus der Philosophie bezogene Einsicht für den christlich-islamischen Dialog übernehmen, dann müssten Muslime und Christen, wenn sie sich wirklich aufeinander einließen, jeweils erkennen, dass auch die Religion des anderen (und zwar im Zusammenhang ihrer konkreten Lebenswelt, nicht nur reduziert auf ihre jeweiligen Textgrundlagen) tatsächlich eine unabweisbare und auch nicht widerlegbare Wahrheit geltend macht, die zwar nicht die eigene ist, mir aber in meinem Gesprächspartner als authentische entgegen tritt. Und dann könnte sich das religiöse Gespräch zwischen Christen und Muslimen eigentlich nur so abspielen, wie es sich Gadamer für das philosophische Gespräch vorstellt: „Ein Gespräch führen heißt, sich unter die Führung der Sache stellen, auf die die Gesprächspartner gerichtet sind. Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht nieder zu argumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen. […] Wer die ‚Kunst’ des Fragens besitzt, ist einer, der sich gegen das Niedergehaltenwerden des Fragens durch die herrschende Meinung zu erwehren weiß. Wer diese Kunst besitzt, wird selber nach allem suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es erst selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“ Und in einem solchen Gespräch stellt sich dann nicht selten die Gewissheit ein: Ja, so kann man es auch sehen. Genauer: So muss man es im Rahmen des Horizontes, in dem sich mein Gesprächspartner bewegt, sehen. Und das gilt umso mehr, wenn dahinter eine überzeugende Person steht. Natürlich ist dann immer etwas, was einen am Ende doch trennt. Aber dennoch gibt es die Erfahrung: Unter anderen Umständen, in anderen biographischen Konstellationen hätte dies auch die eigene Position sein können, zumindest aber verstehe ich sie jetzt. Nur um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen: Verstehen ist nicht gleichbedeutend mit akzeptieren oder gar für sich übernehmen. Aber solange wir es nicht mit offenkundig pathologischen oder kriminellen Erscheinungen zu tun haben, sollten wir unserem Dialogpartner zugestehen, dass auch seine Überzeugungen in einem sinnhaften Zusammenhang stehen und Wahrheit beanspruchen können. Nahe liegende Frage: Gilt dies auch z.B. für die islamischen Regelungen des Geschlechterverhältnisses? Ja – aber in gleicher Weise, wie es für die entsprechenden christlichen Vorstellungen gilt: Dass nämlich aufgrund besserer Einsicht bisherige Regelungen in Frage gestellt und weiter entwickelt werden müssen. Bevor z.B. in der BRD vor jetzt genau 50 Jahren die Gleichberechtigung von Mann und Frau gesetzlich festgeschrieben wurde (übrigens gegen den Widerstand kirchlich-konservativer Kreise!), wies das deutsche Eherecht vor allem in der dem Manne zugestandenen Dominanz bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu islamischen Vorstellungen auf. Dies wird heute – eben aufgrund besserer Einsicht – in den christlichen Kirchen zum Teil nicht mehr so gesehen. Und zu den Resultaten solcher besseren Einsicht gehören auch Religionsfreiheit und die Unverhandelbarkeit der Menschenrechte, die heute von den meisten christlichen Kirchen mit Nachdruck und zu Recht eingefordert werden, die aber – entgegen gelegentlich geäußerter Legenden – erst gegen sowohl katholische als auch protestantische kirchlich-konservative Widerstände durchgesetzt werden mussten. Das gleiche geschieht gegenwärtig im Islam. Und jedem steht es frei, sich an dieser Diskussion zu beteiligen und an die „bessere Einsicht“ zu appellieren, zu der Muslime ebenso in der Lage sind wie Christen. Warum funktioniert der interreligiöse Dialog in der Regel nicht so, wie man es sich in hermeneutischer Perspektive vorstellen könnte? Warum ist es so schwer, den Wahrheitsanspruch auch der anderen Religion wahrzunehmen, ihn zu akzeptieren und „zu seiner wahren Stärke“ zu bringen – auch wenn es nicht meine Wahrheit ist. Warum kommt es statt dessen immer wieder zu Missverständnissen, Unterstellungen, Verdächtigungen, Anfeindungen, Schikanen, Provokationen, versteckten oder offen ausgesprochenen Absolutheitsansprüchen usw.? Und was hindert uns so oft daran, hinter (besser müsste man eigentlich sagen: vor) den Vorstellungen, die wir uns über die andere Religion gemacht haben, den Menschen wahrzunehmen, in dem sich diese Religion in ganz individueller Weise als persönliche und täglich gelebte Überzeugung verkörpert. Oder mit den Worten von Sari Nusseibeh, Präsident der arabischen Universität in Jerusalem, die sich zwar auf den israelisch-palästinensischen Konflikt beziehen, aber letztlich für alle ethnischen oder religiösen Konflikte gelten: Woher kommt „diese Unfähigkeit, sich das Leben der ‚anderen’ vorzustellen“? |
Reklame
Wieviel ist Ihnen dieser Beitrag wert?
|
|||||||||||||||
|
Impressum Istanbul Post Dr.
Stefan Hibbeler Redaktion: redaktion@istanbulpost.net |
Reklame |
|||||||||||||||
|
Copyright © 2001 Istanbul Post Last modified: 28.12.2003 |
||||||||||||||||