Jahrgang 4 Nr. 29 vom 17.07.2008
 

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Versucht die PKK junge Kurden in Deutschland zu instrumentalisieren?

Menschenrechtler Saydam: Friedlicher Dialog nur ohne Gewalt möglich

Claus Stille

Die Hoffnung, die von PKK-Terroristen auf dem Berg Ararat entführten drei deutschen Touristen, könnten – ähnlich wie bei früheren Entführungen - bald wieder frei kommen, erfüllte sich bislang leider nicht.

Offenbar möchte die sich die in Kongra-Gel umbenannte PKK die auf Grund der Entführung entstandene Medienaufmerksamkeit möglichst lange für ihre Zwecke nutzen.

Für die gekidnappten deutschen Bergsteiger wäre das keine gute Nachricht. Ungeachtet der von einer PKK-Funktionärin per Fernsehen verlautbarten Erklärung, den Geiseln gehe es gut. Unerheblich für die deutschen Bergsteiger ist ebenfalls, ob ihre Entführung nun „nur“ von einem regionalen Arm der PKK ins Werk gesetzt wurde, oder ob es sich dabei doch um eine vom Hauptquartier der Organisation im Nordirak aus geplante und gesteuerte Sache handelt.

Fakt ist: Die PKK hat in den letzten Jahren empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen. Hinzu kommt, dass die Organisation bei den in der Türkei lebenden Kurden vermutlich zunehmend weniger an Sympathie genießt. Die Mehrheit der ca. 20 Millionen in der Türkei lebenden kurdischstämmigen Menschen vermag die PKK offenbar ohnehin nicht für sich und ihren Kampf reklamieren zu können. Zu viele Tote und Verletzte haben die zurückliegenden Kämpfe gefordert. Infolgedessen kurdische Dörfer zerstört und Tausende Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Die Kurden sind eingedenk dessen auch müde geworden, sinnlose Terror-Aktionen gut zu heißen. Schließlich haben die keinen Fortschritt für sie gebracht. Sie wollen einfach Frieden.

Dennoch: das „kurdische Problem“ in der Türkei ist existent und harrt weiter einer annehmbaren Lösung. Deshalb schmerzt heute um so mehr, dass die vollmundigen (im einzelnen durchaus in die richtige Richtung weisenden) Pläne und Ankündigungen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, wie das Leben in den Kurdengebieten mit Hilfe einer staatlich angekurbelten Wirtschaft und mehr Bildungsmöglichkeiten zu verbessern sei, meistenteils in kläglichen Ansetzen stecken geblieben sind oder gar nicht erst in Angriff genommen wurden.

Unter allen denk- und machbaren Lösungen hätte eine Vorrang haben müssen: Den

20 Millionen in der Türkei lebenden Kurden seitens des türkischen Staates alle Möglichkeiten zu eröffnen, die nötig sind, damit diese Mitbürger samt einer allseits anerkannten Identität in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben der Türkei partizipieren können.

Auch führt nach Meinung des in Elazig geborenen und in Deutschland lebenden kurdischen Menschenrechtlers Abubekir Saydam nichts daran vorbei, dass sich die PKK von jeglicher Gewalt verabschieden müsse. Nur so könne ein friedlicher Dialog in Gang kommen (A. Saydam im Interview mit Ernst Grandits, 3sat-Kulturzeit)

Solange dieser Zustand nicht erreicht ist, wird die PKK versuchen, vor allem unzufriedene Kurden für ihre Zwecke zu gewinnen.

Augenscheinlich dienen auch Veranstaltungen wie etwa das „Kurdische Jugendtreffen“, kürzlich im Kölner Südstadion veranstaltet, dazu.

Das von etwa 5000 zumeist jugendlichen Kurden besuchte Fest wurde vom ausrichtenden Verein „KOMALEN CIWAN“ bei den deutschen Behörden ordentlich angemeldet.

Das Mazlum-Dogan-Sportfestival der PKK-Jugend verlief Polizeiangaben zufolge friedlich und geordnet.

Mazlum Dogan war Mitglied des Zentralkomitees der PKK. Er wurde im Jahre 1979 inhaftiert und nahm sich 1982 im Gefängnis von Diyarbakir das Leben.

Inzwischen ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft. In erster Linie wegen des Zeigens verbotener politischer Symbole auf Fahnen und T-Shirts während des Festes. Wer die Fernsehbilder sah, dem war klar, wem die Sympathie der Festteilnehmer gehörte: Abdullah Öcalan und der PKK. Nicht wenige junge Leute hatten sich die drei Buchstaben der als Arbeiterpartei Kurdistans ins Leben gerufenen späteren Terrororganisation mit schwarzem Stift direkt auf die Haut ihrer Hälse geschrieben. Auch ließen es Sprechchöre an Deutlichkeit - was die Verbundenheit derer, die sie skandierten, mit der PKK anbelangt – nicht fehlen.

Laut „Spiegel Online“ hätten Jugendliche am Rande des Festes die Entführung der drei deutschen Bergsteiger gerechtfertigt. „Denen wird sicher nichts getan“, sagten sie auch gegenüber Fernsehreportern und werteten die Aktion als politisches Zeichen, dass zeigen solle, „dass es uns gibt“.

Die ungestüme Wut die so manch kurdischer Jugendlicher (die man vielleicht auch vor dem Hintergrund der eignen Perspektivlosigkeit in der deutschen Gesellschaft zu sehen ist) entwickelt, mag angesichts der bitteren Erfahrungen der Kurden durch die Geschichte hinweg verständlich erscheinen. Gefährlich ist nur, wenn genau diese Wut sie in die Arme einer Terrororganisation wie der PKK treibt. Es ist bekannt, dass zahlreiche PKK-Kämpfer in Europa rekrutiert werden. Genau diesen Zweck erfüllen letztlich solche Feste wie das in Köln. Die Jugendliche gewinnen dort den Glauben, das Richtige für die „kurdische Sache“ zu tun, indem sie sich der PKK anschließen. Im Kampfgebiet erkennt dagegen so mancher, der auf die Parolen herein fiel, dass dieser vermeintlich gerechte Kampf ein Irrweg ist.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün kritisierte die starke Einmischung kurdischer Organisationen in Deutschland gegenüber dem „Kölner Stadtanzeiger“ hart.

So könne Integration eben gerade nicht gelingen, denn es würden „vor allem Jugendliche instrumentalisiert“.

Akgün zeigte sich erschreckt darüber, dass die Loyalität solcher Jugendlichen, die in Deutschland groß geworden seien, scheinbar der PKK gehöre.

Beobachter des Mazlum-Dogan-Sportfestes stellten gegenüber dem Vorjahr eine Verringerung der Teilnehmerschar fest.

Was darauf vermuten lässt, dass die PKK-Sympathie auch in Deutschland abnimmt.

Allerdings hat die Kurden in Deutschland das Verbot (wegen PKK-Propaganda) des kurdischen Satellitenkanals Roj-TV aufgebracht.

Ebenfalls verärgert sie die Tatsache, dass die deutschen Behörden inzwischen wieder Kurden in die Türkei abschieben bzw. auf Wunsch deren Sicherheitsorgane auch dorthin ausliefern. Dies war früher wegen drohender Folter (die Gefahr sehen die deutschen Behörden offenbar nicht mehr) stets unterblieben.

In Deutschland leben zirka 500.000 Kurden. Als der PKK nahe stehend werden laut Verfassungsschutzbericht etwa 11.500 von ihnen angesehen.

Experten sehen derzeit keine Anzeichen dafür, dass in Deutschland vermehrt mit kurdischer Gewalt zu rechnen ist. Befürchtungen, innertürkische Konflikte könnten auf deutschem Boden ausgetragen werden, seien ebenfalls unbegründet.

Das sieht auch Abubekir Saydam so. Die Kurden liebten die Deutschen und schätzten Deutschland sehr.

Und der überaus größte Teil von ihnen dürfte – wie die Deutschen auch – hoffen, dass die entführten deutschen Bergsteiger bald wieder frei kommen. Deren Entführung – Saydam ist davon überzeugt, dass sie seitens der PKK „von ganz Oben“ befohlen worden ist - mag der PKK Medienaufmerksamkeit beschert haben. Die dürfte sich aber kaum in Popularität und schon gar nicht in Sympathie ummünzen lassen. Lange Jahre konnte zwar auch die PKK in Deutschland mit einem gewissen Verständnis für ihren Kampf rechnen.

Doch nach nahezu sinnlosen 40.000 Opfern, die der Terror forderte, dürfte dieser Zustand bei vielen Deutschen auch längst der Vergangenheit angehören.

 

 

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