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Ausbrechender Konflikt in der türkischen Gesellschaftvon Orkan Özcelik Es ist zum einen erstaunlich und zum anderen erschreckend wie sich unterschiedliche politische Ansichten immer wieder bemerkbar machen. Es fängt im Kleinen an und zieht sich bis hin zu größeren Gesinnungsgruppen, welche ihren Standpunkt durchzusetzen versuchen. Die Rede ist vom so genannten laizistischen Lager auf der einen und dem so genannten islamisch-konservativen Lager auf der anderen Seite. Dabei gibt es derart viele facettenreiche und sich unterscheidende Ansichten innerhalb der jeweiligen Lager, dass selbst eine so einfache Zweiteilung eigentlich nicht ausreicht um die Gesamtsituation zutreffend beschreiben zu können. Doch gerade eben diese Vereinfachung ist zum einen der Grund dafür, dass sich ein immer wieder zu hörender Tenor in die Medienberichterstattung eingeschlichen hat: Der Kampf zwischen alter elitärer Machtelite namentlich vertreten durch die CHP und den neuen aufstrebenden Geringverdienern aus den armen Regionen Anatoliens deren Sprachrohr und politischer Repräsentant die AKP zu sein scheint. Schon hat der politisch interessierte Europäer den Stoff vorgesetzt bekommen, aus dem revolutionäre Geschichten geschrieben werden. Das zu dieser Skizzierung der türkischen Gesellschaft jedoch auch noch die Nationalisten der MHP und die Fraktion der kurdischen DTP hinzukommen wird jedoch eher selten, wenn überhaupt erwähnt. Zum anderen stellt sich die Frage, ob der Versuch eine vermeintliche revolutionäre künstliche Atmosphäre medial zu schaffen wirklich derart der Realität entspricht. Man müsste sich hierfür die Frage stellen, ob sich nun wirklich eine Mehrheit von religiös-konservativen Menschen erhebt, um sich gegen eine sie unterdrückende Minderheit zu wehren. Hierzu können zum einen die Wahlergebnisse als auch die Gründe des Wahlverhaltens Aufschluss geben. Des weiteren können zugleich Umfragen ein Messinstrument sein, um Licht in die politisch-gesellschaftliche Stimmung zu bringen. Kein Kampf zwischen laizistischer Minderheit und religiös-konservativer Mehrheit Die AKP hat mit 47% der Wählerstimmen einen beeindruckenden Wahlsieg gegenüber den oppositionellen Parteien der CHP mit 21% und der MHP mit 14% errungen. Doch wie auch erkennbar ist, ist die AKP weit davon entfernt die Mehrheit der Gesamtbevölkerung zu repräsentieren. Demnach sollte auch dem Bild einer sich aus den Fängen einer militärischen alten Minderheitenelite, befreienden religiös-konservativen Mehrheit eine Absage erteilt werden! Falsches Bild der Türkei in deutschen Medien Doch wie sieht es denn nun wirklich in der Türkei aus? Verschiedene Maßstäbe von Freiheit Desweiteren zeigen sich Fragezeichen dahingehend, ob es den in der Kopftuchfrage sich so für die Freiheit Einsetzenden wirklich generell um Freiheit geht, oder ob dies sich nicht doch viel eher auf die religiöse Freiheit beschränkt, die wiederum einen gewissen Grad an Unfreiheit mit sich bringen kann. Als Beispiel kann hier die Einstellung von manchen rigoros und engagiert auftretenden Kopftuchbefürwortern bezüglich der religiösen Stellung der Aleviten dienen. Wird auf der einen Seite die Freiheit groß geschrieben wenn es um das Kopftuch geht, wird den Aleviten argumentativ verweigert die Freiheit besitzen zu können die islamische Religion so zu interpretieren, wie sie es für richtig halten. Dem einher geht, das gleichzeitig den Aleviten es nicht zusteht, die gleiche Unterstützung durch die türkische Religionsbehörde zu erhalten wie sie die sunnitische Mehrheit genießt. Es ist auffällig, dass hier zwei verschiedene Maßstäbe von Freiheit angewendet werden. Dieses einprägsame Beispiel zeigt stellvertretend das Dilemma und die Schwierigkeit in der sich die türkische Gesellschaft befindet. Auf der einen Seite wird berechtigterweise Freiheit gefordert aber gleichzeitig von selber Stelle ausgehend der Unwille gezeigt, Freiheit nicht jedem zu gewähren. Daraus resultierend ist auch die Angst nachvollziehbar die einen Teil der türkischen Bevölkerung erfasst hat. Doch gerade diese Situation wird leider von europäischer Seite aus, komplett ignoriert. Es zählen nackte Wirtschaftsdaten und die Umsetzung verschiedener politischer Forderungen der EU. Das Erdogan diese mehr als andere, Regierungen umzusetzen vermochte führt gleichzeitig jedoch auch zur europäischen Blindheit wenn es um Feinheiten in der türkischen Gesellschaft geht. Es bleibt zu hoffen, dass es einer politischen und gesellschaftlichen Kraft in der Türkei gelingt, die akuten Probleme zu lösen. Dabei sind alle Seiten gefragt... |
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