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Sensibles Thema: VerwandtenehenClaus Stille Tabu-Themen sind rar geworden. Dennoch gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, an die sich so gut wie niemand heran wagt. Stichwort: Verwandtenehe. Eheschließungen unter Familienmitgliedern waren etwa früher in Königshäusern durchaus üblich. Inzwischen gehört diese Praxis der Vergangenheit an. In Deutschland gilt diese Form der Ehe als verpönt. Verboten ist die Heirat zwischen Cousin und Cousine vom deutschen Gesetz jedoch keineswegs. Das ARD-Politikmagazin KONTRASTE (rbb) beleuchtete kürzlich das Thema Verwandtenehe. Die Autoren des Beitrags, Chris Humbs und Anne Brandt, fanden unter anderem heraus, dass in manch deutschen Stadtteil vorwiegend aus Gründen der Tradition ca. jede fünfte Ehe zwischen Cousin und Cousine geschlossen wird. Die Verwandtenehe unter Migranten, namentlich aus der arabischen Welt und der Türkei, ist keine Seltenheit. Unzweifelhaft fehlt es innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe an Aufklärung. Jedenfalls was die genetischen Zusammenhänge (und Folgen) einer solchen Geschlechtspartnerschaft unter Verwandten anbelangt: Wird nämlich von Cousin und Cousine ersten Grades ein Kind gezeugt, ist das Risiko, dass es mit schwersten Anomalien oder Krankheiten zur Welt kommt, doppelt so hoch wie bei einer Zeugung unter Geschlechtspartnern einer gewöhnlichen Ehe bzw. Partnerschaft. Dr. Ömer Kilavuz, der in Berlin-Kreuzberg – einem Viertel in dem bekanntlich viele Araber und Türken heimisch geworden sind - arbeitet, weiß: bei aus Verwandtenehen dieses Personenkreises entsprungenen Kindern kommt es nicht selten zu Komplikationen. Der Pränataldiagnostiker gegenüber KONTRASTE: „Normalerweise in der Bevölkerung sehen wir fötale Fehlbildungen ca. zwei bis vier Prozent. Bei den Familien, die Verwandtenehen haben, diese Zahl verdoppelt sich. Das heißt, bei diesen Familien haben wir ein Risiko von sechs bis acht Prozent. Das ist enorm hoch..“ Die Sozialwissenschaftlerin Yasemin Yadigaroglu, die in einem Kindergarten arbeitete, hatte die Erfahrung gemacht, dass dort sehr viele Migrantenkinder von bestimmten Krankheiten betroffen waren. Es waren dies Mukoviszidose und Bronchitis. Krankheiten, die deutsche Kinder nicht hatten. Sie erstellte Fragebögen, verteilte diese in Duisburger Stadtteilen und recherchierte. Es stellte sich heraus, dass die Eltern der von Krankheiten betroffenen Kinder Cousin oder Cousine geheiratet hatten. Erschreckende 20 bis 30 Prozent (!) – so die Erkenntnis aus den Fragebögen – der in Duisburg lebenden Migranten heiraten, selbst in dritter und vierter Generation, noch immer untereinander. Von KONTRASTE befragte junge Leute aus der türkischen Community favorisierten diese Form der Ehe. Offenbar ist ihre Meinung vor allem von den Eltern beeinflusst. Ein solches Denken dürfte sich nicht nur allein aus Naivität und Nichtwissen speisen. Manchem mögen die Risiken durchaus schon zu Ohren gekommen sein. Meist aber werden diese – einer fatalistischen Mentalität geschuldet - leichtfertig ignoriert, um einer vermeintlich guten Tradition gerecht zu werden. Man sagt sich: es ist ohnehin in den Händen von Allah... Auch sollen Verwandtenheiraten eine Garantie für eine gute Ehe bieten: man kennt sich ja lange untereinander. Deshalb kommt es in vielen Familien gar nicht infrage, dass der Sohn oder die Tochter eine(n) Fremde(n) ehelicht. Die Praxis derartiger Ehen hingegen widerlegt solcherlei Denken öfters auf das Bitterste. So, dass nicht nur die Ehe desaströs endet, sondern auch die Verwandtschaft an unlösbaren Konflikten zerbricht. Für Yasemin Yadigaroglu, selbst bekennende Muslima, erklärt sich die Praxis von Verwandtenehen keineswegs aus dem Islam. Es ist wohl vielmehr wie bei den Zwangsehen auch: solche Denkmuster gründen in aller erster Linie in fragwürdigen archaischen Traditionen. Oft fehlt es den Menschen aber einfach auch nur an Einsicht. Sie sagen sich: Ich bin nicht krank, da wird mein Kind auch nicht krank werden. Ein verhängnisvoller Irrtum! Beide Eltern aus einer Familie können zwar über eine gesunde Erbanlage verfügen, aber eine kranke Anlage für eine bestimmte Krankheit (z.B. Kleinwüchsigkeit) in sich tragen, welche sie an das Kind weitergeben. Das Kind trägt dann zwei kranke Anlagen und ist damit von der Erkrankung betroffen. Yasemin Yadigaroglu setzt zusammen mit ihren Mitstreitern auf Aufklärung. Die Kampagne „Unsere Kinder heiraten keine Verwandten!“ wird über eine Internetseite publiziert. Man will die Menschen aufrütteln. Die engagierte Sozialwissenschaftlerin ging deshalb auch in Vereine, um die Menschen unmittelbar über die Gefahr von Verwandtenehen zu informieren. Manchmal warf man sie einfach aus Sitzungen hinaus. Oder die Aufklärungsarbeit trug ihr böse E-Mails und Anrufe ein. Yasemin Yadigaroglu mag sich nicht stoppen lassen. Sie sagt sich: auch wenn sie nur einen einzigen Menschen erreicht, und der kapiert etwas, dann ist das schon viel. Deutschen Standesämtern, die einzig solche Heiraten verhindern könnten, sind auf Grund eines fehlenden Verbots die Hände gebunden. Die Sozialwissenschaftlerin Yadirgaroglu erhält staatlicherseits keinerlei Unterstützung für ihre so wichtige Informationsarbeit. Die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Dr. Maria Böhmer (CDU), stand für ein KONTRASTE-Interview in dieser Sache nicht zur Verfügung. Jugend- und Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ebenfalls nicht. Ein Sprecher begründet dies so: über das Ausmaß von Verwandtenehen gäbe es in Deutschland „keine belastbaren Daten“. Die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte offenbar keine Meinung zu dem Thema und verwies zurück an die Integrationsministerin. Von der AOK-Bundeszentrale erfuhren die Fernsehleute schließlich den Grund für das große Schweigen, wenn es um das Thema Verwandtenehen geht: Die Berichterstattung von „Kontraste“ erwecke den Eindruck „...einer von interessierter Seite angezettelten ausländerfeindlichen Kampagne zu dienen.“ Es soll also ausländerfeindlich sein, über nicht von der Hand zu weisende mögliche, gesundheitliche Risiken für aus Verwandtenehen hervorgehende Kinder zu informieren? Das wäre eigentlich nur der Fall, wollte man eine bestimmte Migrantengruppe auf diese Weise vorsätzlich stigmatisieren. Das dürfte jedoch hier keineswegs der Fall sein. Schließlich gilt Verwandtenheirat selbst in der Türkei als nicht normal. Laut „Kinderaerzte-Lippe.de“ sind 21 bis 25 % (in einigen Regionen etwas mehr) der türkischer Ehen Verwandtenehen. Die Tendenz ist rückläufig. Übrigens eine Entwicklung, die parallel zum Rückgang der Großfamilien verläuft. Ein Trend hin zur Kleinfamilie (hauptsächlich in Städten) wird registriert. Längst finden in der Türkei Präventiv-Kampagnen statt, welche über die Risiken von Verwandtenehen aufklären (Lehrer-info-net; Prof. Dr. Ali Ucar). Die Europaabgeordnete Hiltrud Breyer (Bündnis 90/Grüne) mag sich mit dem Tabu in Sachen Verwandtenehe nicht abfinden. Sie will über eine Anfrage erreichen, dass die EU finanzielle Mittel für entsprechende Information-Kampagnen bereitstellt. Schließlich weiß sie, dass das Problem auch in anderen Ländern der EU besteht. Es stimmt: Tabu-Themen sind rar geworden heutzutage... Wenn das TV-Magazin „Kontraste“ mit dem Thema „Verwandtenehe“ nun „wagte“ ein real existierendes Thema aufzugreifen, dessen Existenz man selbst in Regierungskreisen am liebsten totschweigen möchte, dann geschah dies bestimmt nicht, weil man gezielt nach einem Tabu-Thema suchte, um Stimmung gegen Migranten zu machen.. Warum sollte man dieses Thema nicht zur Diskussion stellen? Selbst auf die Gefahr hin, dass es Wasser auf die Mühlen von Fremdenfeinden ist, muss man es tun. Denn an gesunden Kindern sind doch letztlich alle Eltern interessiert. Wenn es durch Aufklärung gelingt, künftigen Kindern vermeidbare Krankheiten zu ersparen, dann sollte man das Aufgreifen dieses Themas als diesbezügliche Chance und nicht als Ausländerfeindlichkeit begreifen. Und bei all dem darf man nicht vergessen, dass es auch Verwandtenehen unter Deutschen gibt. Deren Zahl wird sicherlich äußerst gering sein – Prof. Dr. Ucar schreibt, es gäbe sie „kaum“ -, aber daraus folgt immerhin: es gibt welche... |
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