Jahrgang 4 Nr. 37 vom 9.10.2008
 

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Türkei auch Gastland der Musikmesse Popkomm 2008

Claus Stille


Photo/Quelle: Popkomm 2008

Die Türkei hat in diesem Jahr gleich zwei Mal die Gelegenheit bekommen, sich der deutschen Öffentlichkeit zu präsentieren. Denn das Land ist heuer nicht nur Gastland der Frankfurter Buchmesse, sondern auch der Popkomm. Die gigantische Musikmesse findet vom 8. bis 10. Oktober in der deutschen Hauptstadt Berlin statt.

Die türkische Musik ist so facettenreich wie das Land und seine Menschen selbst. Weltweit bekannt ist das jedoch allerdings so gut wie gar nicht. Auf internationalem Parkett spielt türkische Musik im Grunde keine Rolle. Das trifft auch auf die Rezeption türkischer Musikproduktionen in Deutschland selbst zu. Sieht man einmal von einigen Titeln (etwa „Simarik“) des auch international bekannt gewordenen türkischen Popstars Tarkan ab.

Ob sich das in Bälde ändern wird, ist schwer vorauszusehen. Zwar düsen die Deutschen alljährlich millionenfach in die von Atatürk gegründete Republik, um ihren Urlaub an sonnigen Stränden zu verbringen, oder durchaus auch, um die umfangreichen Kulturdenkmäler des Landes in Augenschein zu nehmen; allein über die Türkei im Allgmeinen wissen die meisten von ihnenwohl dennoch herzlich wenig. Ganz zu schweigen über die türkische Musikszene.

Obgleich der deutsch-türkische Filmemacher und Produzent Fatih Akin aus Hamburg ausgesprochen viel dafür getan hat, um die türkische Musik in all ihrer Bandbreite einem größeren Publikum zu Gehör zu bringen. In „Crossing The Bridge“ (oder zuvor ein wenig in „Gegen die Wand“) wurde deutlich, aus welch atemberaubend umfangreichen Fundus die türkische Musikszene schöpfen kann. Ihre Wurzeln hat sie sowohl im Orient wie im Okzident. Traditionelles und Modernes harmonieren hier oft staunenswert auf perfekte Art und Weise miteinander. Vor allem in der Megastadt Istanbul, wo die unterschiedlichen Musikstile aufeinander treffen, woraus auf unterschiedliche Art und Weise wiederum Neues entsteht.

Nicht nur die Stadt selbst übernimmt hier eine Brückenfunktion zwischen Europa und Asien, sondern auch die Musiker – oft selber zwischen den Kulturen hin- und her gerissen – und die von ihnen gespielte Musik erfüllen diese Funktion.

Die heutige Musikszene Istanbuls kann auf eine reiche, sozusagen ererbte, Tradition zurückgreifen. Die unterschiedlichen Musikstile haben ihre Wurzeln in verschiedenen Jahrhunderten. Sie sind beeinflusst von den Griechen, den Römern, den Osmanen, den Roma und den Arabern. In den letzten vier Jahrzehnten haben vor allem die Binnenmigranten, die - auf dem Land hoffnungslos geworden - nach Istanbul flüchteten, um ihr Glück dort zu suchen (und meistenteils tragischerweise auch dort nicht fanden), die Musikszene mit geprägt. Auf diese Weise ist auch die kurdische Musik verstärkt in die Musikszenerie des permanent und quasi rund um die Uhr wild blubbernden Schmelztiegels Istanbul eingeflossen, um sich da und dort mit anderem zu neuen Formen und Stilen der Musik zu verbinden.

Kenner wissen längst, dass die Istanbuler Musikszene der New Yorker oder der von London in keiner Weise nachsteht, sondern sich ganz im Gegenteil inzwischen wesentlich aufregender und innovativer präsentiert. Das hängt vielleicht u.a. auch damit zusammen, dass die Türkei verstärkt auf der Suche nach sich selbst ist und sich deshalb sozusagen permanent im Aufbruch befindet. Was nicht zuletzt auch in den unterschiedlichsten Musikproduktionen seinen Niederschlag findet.

Einige der türkischen Gäste auf der „Popkomm 2008“:

Anlässlich der Popkomm 2008 waren insgesamt 13 Bands, Künstler und DJs seitens der Türkei avisiert.

Dazu gehörten die Gründerväter der türkischen Rockmusik Mogollar (gegründet 1967). Die für den Anadolu Pop bekannten Künstler gelten als Vorbilder für mehrere Musikergenerationen. Credo von Mogollar ist es, ihre Identität aus der reichen türkischen Folklore zu schöpfen.

Die Band Taksim pflegt die traditionelle Musik. Die drei Musiker sind der türkischen Sanatmüzik verbunden. Davon ausgehend bewegt sich ihre Musik zwischen Tradition und Avantgarde, bedient sich des Arabesk-Stils, unternimmt aber auch Ausflüge in den Jazz.

Das Trio über sich: „Unsere Stücke entstehen, wenn wir zusammenspielen. Wir haben sie nie aufgeschrieben.“

Ebenfalls nach Berlin kam Athena, die aus den Zwillingsbrüdern Gökhan und Hakan Özaguz bestehende Ska-Punk-Band. Im Jahre 1993 kam ihr erstes Album auf den Markt. Damals hatten sich die Brüder noch dem Trash-Metal-Stil verschrieben. Die Band vertrat die Türkei 2004 beim Eurovision Song Contest in Istanbul.

Athena tritt dafür ein, dass sich die Menschen „mit Respekt behandeln“. Um das in ihren Titeln heraus zu streichen, setzen sie immer wieder auch auf „klassische Harmonien aus der türkischen Volksmusik.“

Ebenfalls auftreten sollten Gevende & Klein & Cluzel. Das relativ neue multikulturelle Projekt spielt Psychedelic Folk. Dessen Stärken liegen darin, dass dabei ähnlich improvisiert wird, wie etwa bei einer Jam-Session im Jazz.

So manch Fan mag auf der diesjährigen „Popkomm“ ausgewiesene Stars wie die einzigartige Sezen Aksu, Tarkan (beide hatten offenbar Terminprobleme) oder auch Sertap Erener vermisst haben. Gelohnt dürfte sich ein Besuch der Konzerte für das Publikum jedoch allemal haben. Vielleicht konnte man so die eine oder andere positive Überraschung erleben? Ohnehin, so gab die Messeleitung zu verstehen, sei es von jeher nicht oberstes Anliegen der „Popkomm“ Stars in der Vordergrund zu rücken.

Was das diesjährige Partnerland Türkei angehe, so verdeutliche deren Wahl den „aktuellen Standpunkt“ des Landes „in der weltweiten Musikindustrie“.

Sorgt türkische Musik für ein Aufhorchen deutscher Ohren?

Nun muss abgewartet werden, ob nach der Popkomm 2008 türkische Klänge vermehrt auch den Weg in deutsche Ohren finden werden; wie es vor kurzem noch in puncto Balkan-Musik der Fall gewesen war. Anzunehmen ist indes, dass die stets gut besuchte Musikmesse hier und da zumindest für ein Aufhorchen bei den Musikfreunden im wahrsten Sinne des Wortes gesorgt hat. Schließlich kommt die Palette türkischer Musikproduktionen äußerst vielfarbig daher und ist so immer wieder für außergewöhnliche Entdeckungen und Überraschungen gut. Die Metropole Istanbul spielt in dieser Hinsicht eine gewaltige Rolle.

Wie die Stadt, zwischen Orient und Okzident gelegen, selbst, übernimmt auch die dort entstehende Musik - ob den Musikern nun bewusst oder unbewusst – schon, weil sie Anleihen aus unterschiedlichen Kulturen und Stilen aus der reichen Geschichte der Metropole am Bosporus nimmt – eine Art Brückenfunktion. Vielleicht haben die auf der „Popkomm“ vertretenen türkischen Künstler vermittels ihrer Auftritte hier und dort Lust auf mehr gemacht? Das wäre schon viel.

Botschafter Kultur

Jedenfalls kommt die Türkei immer wieder ins Gespräch im Deutschland des Jahres 2008. Als nächstes Podium betritt die Türkei, ein weiteres Mal als Gastland, die Frankfurter Buchmesse. Im Vorfeld waren zwar leider einige höchst überflüssige Misstönen zu hören: Angeblich will eine Reihe von türkischen Schriftstellern die Messe boykottieren, weil die AKP-Regierung bezüglich der türkischen Teilnehmer politischen Einfluss genommen haben. Nicht nur Kulturminister Günay wies das glaubwürdig zurück, sondern auch einige türkische Schriftsteller bestritten dies vehement. Offenbar will hier die oppositionelle CHP Deniz Baykals Stimmung gegen die AKP-Regierung machen. Wollen wir hoffen, dass der innertürkische Machtkampf nicht auf den Rücken der Kultur ausgetragen wird.

Dadurch würde nicht nur das Image der Türkei insgesamt leiden, sondern auch eine glänzende Gelegenheit vertan, das Land und seine Kultur in seinem Facettenreichtum verstärkt in Europa und Deutschland zu präsentieren. Darüber hinaus erhielten in Westeuropa ohnehin gegen das Land bestehende Vorurteile womöglich neue Nahrung und verfälschten das Bild.

Gerade Musikkultur und Literatur eines Landes sind bestens dazu geeignet, die Seele eines Landes zu offenbaren.

Kann es einen besseren Botschafter geben, als die Kultur?

Die Popkomm sehen können Sie hier: popkommtv.

 

 

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