Jahrgang 4 Nr. 47 vom 26.12.2008
 

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Bremer Theater mit Lutger Vollmers „Gegen die Wand“ erfolgreich

Claus Stille

Der Hamburger Deutsch-Türke Fatih Akin ist längst ein viel gefragter Mann im Filmgeschäft. Als Regisseur genauso wie als Filmproduzent mit der Firma corazón international.

Seinen internationalen Durchbruch als Filmregisseur hatte Akin mit dem spannenden Drama „Gegen die Wand“. Bis heute räumte der packende Streifen mit Sibel Kekilli und Birol Ünel in den Hauptrollen zahlreiche nationale und internationale Preise ab.

Vor drei Jahren sah der Komponist Lutger Vollmer Akins Drama und war „tief bewegt“. In seinem Kopf musste es genau da klick gemacht haben. Der Komponist machte sich unverzüglich an die Arbeit. Das scheinbar waghalsige Ziel: die musikalische Umsetzung des Films, die Vertonung von Fatih Akins so erfolgreichen Filmstoff.

Lutger Vollmer mag vielen (noch) kein Begriff sein; dabei nahm der Mittvierziger schon einmal ein ähnliches Projekt in Angriff: Er schuf eine Vertonung des DEFA-Kultfilms, „Die Legende von Paul und Paula“. Ein zu DDR-Zeiten äußerst erfolgreicher Film, der übrigens auch heute noch eine sogar nach wie vor nachwachsende Fan-Gemeinde hat.

Vollmers „Paul und Paula“-Vertonung brachte damals das Theater der Stadt Nordhausen heraus. Laut „taz.de“ wurde das Werk von Drehbuchautor „Ulrich Plenzdorf gelobt“ und „von der Lokalpresse durchaus. gefeiert“, sei „aber ansonsten - ungehört“ geblieben.

Bei Vollmers zweiter Oper „Gegen die Wand“ könnte es diesmal ganz anders laufen. Die Uraufführung seiner Oper nach der Vorlage von Fatih Akins gleichnamigen Film fand am Theater Bremen statt. Die Presse berichtet über eine „funktionierende“ immerhin gut dreistündige Oper und von „tosendem Applaus“. Der Bremer Musentempel sei „proppenvoll“ gewesen. Und erfreulicherweise habe das Publikum nicht nur aus den üblichen Premierenbesuchern bestanden.

Dass Vollmers Opern-Zweitling an der Bremer Bühne herauskam, war zum Teil Zufall. Das Theater war gewissermaßen förmlich auf der Suche nach so etwas. Die Bremer Theatermacher setzen nämlich in jeder Spielzeit Länderschwerpunkte. Diesmal ist die „Türkei“ an der Reihe. Da etwas Passendes zu finden, schien zunächst schwierig zu sein.

Das Theater war quasi schon auf der Spur Fatih Akins. Von einem Agenten des Filmregisseurs erfuhr man schließlich: ein „unbekannter Berliner“ (taz.de) versuche sich an einer Oper nach dem Film „Gegen die Wand“...

Der Film erzählt die Geschichte des Verlierers Cahit, der mit seinem Auto durchgeknallt gegen die Wand rast, jedoch überlebt und in der Psychiatrie landet. Dort trifft Cahit das Mädchen Sibel (in der Oper von Sängerdarstellerin Sirin Kilic gegeben), die sich - um archaischen Familientraditionen zu entkommen (sie soll verheiratet werden) - die Pulsadern aufgeschnitten hat. Sibel überredet in ihrer Not Cahit mit ihr eine Scheinehe einzugehen. So hofft sie dem familiären Zwang zu entgehen. Es geht in jeder Hinsicht turbulent zu zwischen den beiden Deutsch-Türken. Dann schlägt das Leben schlägt unvermittelt zu: Cahit bemerkt mit einem Male, dass er sich in seine Schein-Ehefrau verliebt hat. Im Affekt erschlägt er einen von Sibels Ex-Geliebten. Auch Sibel erkennt auf einmal, dass auch sie Cahit liebt. Sie verspricht solange auf ihn zu warten, bis er aus dem Gefängnis kommt.

Aber sie schafft das nicht, flieht nach Istanbul, um dort ein neues Leben anzufangen. Dort erwarten Sibel weitere dramatische Schicksalsschläge. Cahit kommt nach seiner Haftentlassung ebenfalls nach Istanbul...

Was für ein Stoff! Wer jedoch den Film sah, mag vielleicht jetzt denken: schön und gut, aber als Oper – wie soll das denn gehen?

Allen Unkenrufen zum Trotz: das scheinbar Unmögliche gilt als gelungen. Was die Premiere - die nahezu durch die Bank guten Kritiken bestätigen das – unter Beweis stellte. Dem Komponisten Lutger Vollmer ist es offenbar gelungen, eine „energiegeladene, emotionale Musik“ (Theater Bremen) zu schreiben. Offenkundig ist das der Tatsache geschuldet, dass Vollmer in seinem Werk neben klassischen auch türkische Instrumente (musikalische Leitung Tarmo Vassk) zum Einsatz kommen lässt. Was dem Stoff, der zu transportierenden Geschichte, offenbar zugute zu kommen scheint. Zur besseren Verdeutlichung der Handlung hat Komponist Lutger Vollmer einen Sänger, sozusagen als Erzähler, in sein Werk eingeführt. Die Oper ist in deutscher und türkischer Sprache. Der Rezensent der Taz zeigte sich über Vollmers Musik schier begeistert. Bernd Schirrmeister schreibt, „Jede Note, von den wie im Endorphinrausch aufspielenden Philharmonikern produziert, teilt mit: Diese Musik befreit. Zur Gemeinsamkeit. Multikulti geht nämlich doch.“

Die Uraufführung für das Theater Bremen besorgte Michael Sturm, ein Schüler Götz Friedrichs, der sowohl Ruth Berghaus als auch Harry Kupfer als Regieassistent diente.

Der Taz zufolge möchte Stuttgart die Oper „Gegen die Wand“ bald ebenfalls aufführen. Auch die Detmolder Bühne hat bereits Interesse an dem Stück angemeldet. Der Schott-Verlag, heißt es weiter, habe sich die Rechte gesichert.

Kein schlechter Start für Lutger Vollmers Oper Nr. 2. Also bitteschön, Theater: Zugreifen und Inszenieren! Und das möglichst an zahlreichen deutschen Bühnen.

Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ fand seinerzeit den Weg auch in türkische Lichtspielhäuser. Und stieß auf Interesse, fand Beachtung in den Medien. Was dem Film gelang, sollte eigentlich dem musikalischen Bühnenwerk nicht unmöglich sein, oder? Ein Gastspiel des Bremer Theaters mit Vollmers „Gegen die Wand“-Oper in Istanbul könnte die türkische Musiktheaterszene ganz sicherlich nachhaltig beleben. Gesetzt den Fall, die Bremer erhielten eine Einladung an den Bosporus...

 

 

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