Jahrgang 4 Nr. 5 vom 30.01.2009
 

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Chancengleichheit statt „Ungenutzter Potentiale“

Neue Studie deckt Defizite bei Türken in Deutschland auf

Claus Stille

Wieder einmal ist in Deutschland eine Studie („Ungenutzte Potentiale“) ans Licht der Öffentlichkeit getreten. Schon kocht sie langsam hoch bzw. es wird von den Medien dafür gesorgt, dass sie hoch kocht. Und wie das so bei Studien ist: die einen werden über sie erfreut sein - die anderen jedoch dürften darüber weniger begeistert – vielleicht sogar empört – darüber sein. Schließlich interpretiert ein jeder eine ihm untergekommene bzw. übergeholfene Studie aus ganz persönlicher und somit subjektiver Sicht.

Die einen, das sind die nach Deutschland gekommenen bzw. dort geborenen deutschstämmigen Aussiedler. Bei den anderen handelt sich um Türken.

Die einen gelten als bestens in die deutsche Gesellschaft integriert. Von den anderen kann man das nicht sagen: allein 30 Prozent von ihnen verlassen die Schule nämlich ohne Abschluss. Heißt freilich auch: 70 Prozent aus dieser Gruppe schaffen ihn und mehr. Darüber hinaus, hat sich ergeben, sei auch der Bildungsstand der in Deutschland geborenen türkischstämmigen Kinder besser als der ihrer Eltern. Doch seien wir einmal ehrlich: das macht die Geschichte natürlich auch nicht besser. Das tut ebenfalls die Tatsache nicht, dass sich die Ergebnisse bei der Gruppe der Türkischstämmigen mit deutschem Pass als wesentlich positiver ausweisen. Bleibt doch der Rest, welcher eine geringe oder teils gar keine Ausbildung vorweisen kann.

Durchgeführt hat diese frisch in die Welt gekommene Studie das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden es bestimmt bereits ahnen. Ja, es wird nun wieder einmal von und über Integration gesprochen werden.

Die migrationspolitische Sprecherin der SPD Lale Akgün dagegen, bekannte daraufhin in einem Radiointerview am Dienstag, sie könne dieses Wort eigentlich längst nicht mehr hören. Sie persönlich würde da schon lieber eher von Chancengleichheit reden. Die müsse hergestellt werden. Und zwar für alle Menschen in Deutschland.

Da liegt Frau Akgün sicher nicht falsch, denn ebenso ließen sich über Studien sicherlich auch jede Menge weniger bis schlecht in die Gesellschaft integrierte Deutsche ermitteln.

Schaden tut dies – im einen, wie im anderen Fall – der deutschen Gesellschaft insgesamt sehr. Und zwar ließe sich dieser Schaden in mehrstelliger Euro-Millionenhöhe - jährlich - beziffern.

Der Schlüssel zur Verbesserung dieser zweifelsohne haltlosen Situation liegt in der Verbesserung von Bildungsangeboten. Gute Bildung und Ausbildung – niemand wird das bestreiten – führt hin zu mehr Chancengleichheit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte das erkannt haben. Sie sprach im verflossenem Jahr 2008 davon, dass Deutschland eine BILDUNGSREPUBLIK werden müsse. Erstklassige Erkenntnis! Wer wollte der Kanzlerin da widersprechen?

Denn, wie sagt auch Gregor Gysi von der LINKEN immer so gern: Deutschlands Ölreserven sind nun mal begrenzt. Unser Rohstoff sei nun einmal Bildung, Bildung und nochmals Bildung.

Doch wie es sooft bei Bundeskanzlerin Merkel und der Politik der Großen deutschen Regierungskoalition aus CDU und SPD ist: Hehren Worten folgen selten die rechten, respektive, notwendigen Taten. Und wertvolle Zeit verrinnt dabei ungenutzt...

Wollte die deutsche Politik – darüber sind sich viele Bildungsexperten bereits seit weit über 30 Jahren einig – also wirklich die Chancengleichheit aller Menschen (und damit auch die der Bürgerinnen und Bürger mit „Migrationshintergrund“ - verbessern, schüfe sie endlich das schlechte Modell eines dreigliederigen Schulsystems mit allzu früher Aussonderung der Kindern Hauptschule-Gymnasium ab.

Natürlich ist über dies hinaus noch viel mehr zu tun. Davon zeigte sich auch Kenan Kolat der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland überzeugt.

Seine Organisation wolle sich in Zukunft noch mehr als bisher bemühen, verbesserte Bildungsangebote für türkischstämmige Menschen anzubieten.

Eine riesige Aufgabe. In Deutschland leben ca. 2,8 Millionen davon. Freilich befinden sich darunter auch nicht wenige mit hervorragender Bildung und viele, welche teils hochrangige Berufe ausüben. Es sind dies Mitbürgerinnen und Mitbürger, welche Lehrer, Ärzte, Akademiker und Unternehmer und dergleichen mehr sind.

Ergänzend zu Kolats Ausführungen sollte noch daraufhin gewiesen werden, dass auch den Eltern schlecht gebildeter und somit auch schlecht integrierbarer Kinder eine hohe Verantwortung zu kommt. Müssen nicht Eltern auch das Beste für ihre Sprösslinge wollen? Können Sie wirklich ein Interesse haben, dass dies nicht so ist?

Lale Akgün argumentierte gegenüber denjenigen Kritikern, welche behauptet hatten, viele der Betroffenen wollten sich wohl auch gar nicht integrieren lassen, sie glaube nicht, dass es Menschen gäbe, welche es im Leben zu nichts bringen wollten.

Zusätzlich sollte ebenfalls nicht vergessen werden, dass auch den türkischen Medien, welche in Deutschland greif- bzw. nutzbar sind, die verantwortungsvolle Aufgabe zufällt, wirkungsvolle Beiträge zur Verbesserung der Integration ihrer in Deutschland lebenden Landsleute zu leisten!

Das alles ist auch wahr, doch die Studie sagt nichts davon. Dafür war sie nicht ausgelegt. So besteht die Gefahr, dass auch diese Untersuchung wieder einmal stark polarisiert. Auf der einen, wie auf der anderen Seite. Und wieder einmal wird auch diese Studie – ungeachtet dessen, ob das nun beabsichtigt war, oder nicht - dazu führen, in Deutschland gegenüber Türken bestehende Vorurteile anscheinend zu bestätigen. Abermals wird es in einigen Medien und am Stammtisch beim Bier heißen: Die Türken.

Doch die gibt es eben so nicht. Genauso wenig wie es die Deutschen gibt.

Es gibt in der deutschen Gesellschaft – dies steht völlig außer Frage - „Ungenutzte Potentiale“. Bei den einen, wie bei den anderen. Das sollte die Quintessenz aus dieser Studie des Berlin-Instituts sein.

Aus dieser Erkenntnis heraus könnte sich eine Frucht bringende Diskussion entwickeln.

Alle andere Sichtweisen münden nur wieder in gegenseitige Schuldzuweisungen. Das wäre kontraproduktiv. Eine vernünftige Diskussion sollte bald beginnen. Denn bald schon, wird auch diese Studie nur noch Schall und Rauch sein. Bis wieder eine Neue herauskommt und im übertragenen Sinne wie eine Sau durchs mediale Dorf getrieben wird...

 

 

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