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Preis „Für Toleranz und Zivilcourage“ ging an Hatice Akyün
von Claus Stille
Wieder einmal heißt es, die Türken seien die am schlechtesten integrierte Gruppe von Migranten in Deutschland (Lesen Sie dazu auch „Chancengleichheit statt 'Ungenutzte Potentiale'“; letzte Ausgabe der Istanbul Post). Eine Studie, welche dies indiziert, erregte vergangene Woche die deutschen Medien. Dabei lässt sich weder pauschal von Den Türken, noch von Den Deutschen sprechen. Aber das geht unter bzw. wird nur verschwommen wahrgenommen. Dabei wird niemand ernsthaft ableugnen wollen, dass vor allem gerade junge türkischstämmige Menschen mit offen zutage tretenden Defiziten leben müssen, welche ihnen die Zukunft verbauen . Beispielsweise, weil viele von ihnen die Schule ohne Abschluss verlassen. Aber ähnliche bzw. genau die gleichen Probleme betreffen ebenso andere Gruppen dieses Alters. Ja: sogar Schulabgänger mit deutschen Wurzeln. Diese Tatsache lässt zwar die Problem-Jugendlichen mit türkischen Familienhintergrund auch nicht unbedingt in besserem Lichte erscheinen; rückt jedoch die Welt ein wenig gerader. Denn, so meint nicht nur Hatice Akyün, die sich über einseitige Betrachtungsweisen ziemlich ärgert, gehen die meisten dieser Probleme, hauptsächlich schulischer Natur, aber auch eine ganze Menge anderer Defizite, vorwiegend auf soziale Probleme zurück. Und damit haben viele – in erster Linie diejenigen aus bildungsfernen sozial schwachen Familien - stammenden Menschen in Deutschland zu kämpfen. Nicht nur Türkinnen und Türken. Da muss Politik ansetzen. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Eine dieser Ausnahmen ist Hatice Akyün. Als Dreijährige kommt sie im Jahre 1972 mit ihrer Familie aus dem zentralanatolischen Akpinar Köyü nach Duisburg-Marxloh. Dort findet der Vater eine Tätigkeit im Bergbau als sogenannter „Gastarbeiter“. Der Begriff gefällt Hatice Akyün nicht. In einer Talkshow sagte sie neulich warum: „In der Türkei lässt man seine Gäste nicht arbeiten.“ Akyüns Eltern sind Analphabeten. Hatice helfen u.a. Grimms Märchen und die Bücher von Hanni und Nanni beim Deutsch lernen. Nach einer Lehre zur Justizangestellten beim Amtsgericht zieht es sie als Au-pair-Mädchen nach New York. Dass sie viel und gerne liest befördert ihren Weg zum Journalismus erheblich. Aber auch Zufälle waren – wie immer im Leben eines Menschen – gewiss im Spiel. „Journalistin wird sie, weil in der Lokalredaktion Duisburg der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) jemand gebraucht wird, der für Gerichtsreportagen türkische Kriminelle interviewt“ (Homepage Hatice Akyün). Schließlich macht Akyün das Abitur nach und studiert. Über den Umweg „Society-Reporterin“ wird sie freie Journalistin. Sie schreibt für den SPIEGEL, die Frauenzeitschrift EMMA und den Berliner Tagesspiegel. Erhebliche Beachtung findet ihre Titelgeschichte (für den SPIEGEL) „Allahs rechtlose Töchter“. Ein hohes Interesse rief Akyüns Reportage („Eine Stadt wie ein Versprechen“) über junge, türkische Akademikerinnen in Istanbul, sowie ihr Beitrag („Der Denkzettel“) zum Brandanschlag von Solingen zehn Jahre danach hervor. Ihr erstes Buch legt Hatice Akyün 2005 vor. „Einmal Hans mit scharfer Soße“ (Verlag Goldmann) ist eine äußerst humorvolle Abhandlung ihr Leben zwischen Bosporus und Berlin. Witzig werden in dem Buch die Unterschiede zwischen türkischer und deutscher Kultur herausgearbeitet, aber gleichzeitig auch die Erkenntnis, dass daraus – gesetzt den Fall, man versteht es, sich die jeweils positiven Seiten aus beiden heraus zu picken – durchaus auch Gewinn gezogen werden kann. Letztes Jahr erschien das zweite Buch: „Ali zum Dessert – leben in einer neuen Welt“. Hierin beschreibt Hatice Akyün ihr Leben als Mutter und die dazu konträr verlaufende Welt ihrer „gebährmuffeligen“ deutschen Freundinnen. Hatice Akyün, die eigentlich nie einen Türken hatte heiraten wollen, ist nun mit einem verheiratet. Und aus der Beziehung zu ihm, bezog die moderne selbstbewußte Autorin sogar noch Impulse, die sie im Grunde von einem türkischen Mann, so zu erhalten eigentlich nie erwartet hatte. Auf diese Weise wurde Hatice Akyün klar, dass auch sie – trotz einer so offenen, modernen Lebensauffassung – nicht frei von Vorurteilen ist. Wie übrigens jeder andere Mensch auch. Das Entscheidende ist aber, die eignen Vorurteile nicht nur versuchen zu erkennen, sondern in dem Falle auch die Kraft aufzubringen, sich ihrer möglichst schnell zu entledigen. Türken, darin ist sich Hatice Akyün ziemlich sicher, hatten (und haben) in Deutschland immer mit Vorbehalten zu kämpfen. Das Kopftuch mancher türkischer Frauen, das andere Aussehen, der vielen Deutschen so fremde (und seit 9/11 auch scheinbar in Gänze gefährliche) Islam , nennt Akyün als Hauptgründe, die diese allgemeine Skepsis nähren. Spanier oder Italiener etwa, würden wohl eher dschon eshalb von den Deutschen nicht gleichermaßen kritisch beäugt und beurteilt wie die Türken, weil sie halt zu der gleichen westlichen Kultur wie sie selbst angehörten bzw. auch der gleichen Religion verbunden seien. Die Italiener, strich die Schriftstellerin gegenüber FR-online heraus, hätten es beispielsweise in Deutschland deshalb ungleich einfacher wie ihre türkischen Landsleute. Vielleicht auch, weil eben Italien auf der Stelle „...gleich mit Dolce Vita verbunden“ werde. Spräche der italienische Kellner in Deutschland nur Italienisch, fänden das die Leute sogar toll. Im umgekehrten Fall aber - bei einem türkischen Kellner, der nur Türkisch spricht - frage man aber sogleich verärgert: „Warum spricht der kein Deutsch? Der integriert sich nicht!“ Hatice Akyün erkennt darin eine harte Realität: „Es ist nicht schick, Türke zu sein“. Auf ihren Lesereisen, sagte Akyün der FR-online, werde sie nicht nur immer wieder auf die Themen „Zwangsheirat“ und „Ehrenmord“ angesprochen, sondern immer öfters ebenfalls befragt, was man tun könne, um die türkischen Mitmenschen besser verstehen zu können. Darauf gibt sie folgende Antwort. „Sprechen Sie doch mal ihren Nachbarn an. Klingeln sie mal bei denen und sagen Sie folgenden türkischen Satz: 'Tanri misafiri kabul ediyormusunuz – habt ihr für Allahs Gast einen Platz an eurem Tisch?'“ Verwende man dieses türkische Sprichwort, so gibt sich Hatice Akyün sicher: werde einem kein Türke die Tür vor der Nase zu machen. Und, meint sie, Migration, Dialog – um das ganze Staatstragende – gehe es doch gar nicht. Man müsse einfach miteinander zusammentreffen und kommunizieren. Dann lerne man sich automatisch besser kennen und verstehen. Hatice Akyün begeistert es nicht, dass ihre Eltern nur noch türkisches Fernsehen schauen. Genau wie viele andere Türkischstämmige auch. Als sie heranwuchs gab es diese TV-Angebote noch nicht. So schaute man halt ARD, ZDF und das Dritte Programm des regionalen Anbieters WDR. Früher hätten deshalb manche ihrer Landsleute doch gezwungenermaßen etwas Deutsch gelernt. Andere wiederum – weil sie immer dachten, sie kehrten in die Heimat zurück - nicht. Dennoch haben sich nicht wenige von ihnen in ihrer deutschen Heimat integriert. Sogar Firmen gegründet. Auch ohne die deutsche Sprache zu erlernen. Dennoch steht für Hatice Akyün fest: das Erlernen und Anwenden der deutschen Sprache ist der Schlüssel, um es in Deutschland zu etwas zu bringen. Sie selbst stünde nicht da, wo sie heute als anerkannte Autorin steht, hätte sie nicht Deutsch gelernt. Akyün tritt jedoch stets dafür ein, sich den Problemen in der Gesellschaft generell realistisch und mit einer differenzierten Betrachtungsweise zu ernähren. Deutsche Zeitungsüberschriften anlässlich der eingangs erwähnten Studie des Berlin-Institutes wie „Warum Türken bei der Integration nicht mitspielen“ oder „Die Türken verweigern sich eisern der Integration“, bzw. „Türken bleiben die Verlierer“ - davon ist Hatice Akyün felsenfest überzeugt – tragen dazu nichts bei. Im Gegenteil: sie verschärfen die Situation eher noch. Am 27. Januar 2009 ist die 39-Jährige Journalistin mit dem Duisburger Preis für Toleranz und Zivilcourage ausgezeichnet worden. Das den Preis - eine silberne Hand als Zeichen gegen Rassismus- verleihende „Duisburger Bündnis für Toleranz und Zivilcourage“ - ein lokaler Zusammenschluss aus Politik, Wirtschaft und Kirchen, der nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge entstanden war - begründete die Ehrung mit den in den Büchern Akyüns aufgegriffenen Themen. Sie schreibe über ihr Leben in zwei Kulturen und benenne dabei stets Toleranz und gegenseitiges Verständnis als Grundlage des Zusammenlebens. Istanbul Post gratuliert herzlich! |
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