Jahrgang 4 Nr. 7 vom 13.02.2009
 

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Verwandeln sich die Türken zunehmend in ein Volk von Hassern?

von Perihan Ügeöz

Wen mögen die Türken? Eigentlich so gut wie niemanden. In einer von BBC jüngst durchgeführten Untersuchung zur Wahrnehmung von Ländern und Völkern haben die Türken erneut Spitzenleistungen hervorgebracht. In 21 Ländern wurden Menschen unter anderem die Frage gestellt, welches Land ihrer Meinung nach die Welt am negativsten beeinträchtigt. Wenn es nach der mehrheitlichen Meinung der türkischen Befragten geht, gibt es kaum ein Land auf Erden, auf das sich ein Türke verlassen kann. Hier nun einige Ergebnisse aus der Untersuchung: Von allen Befragten sind es die Türken, die am meisten Skepsis gegenüber der EU empfinden. Demnach liegt die negative Wahrnehmung der EU innerhalb der türkischen Bevölkerung bei weit über 50%. Lag umgekehrt der Anteil derer, die den Einfluss der EU positiv bewerteten noch vor einem Jahr bei 44%, ist dieser inzwischen auf 34% zurückgegangen. Gestiegen ist auch die Antipathie gegenüber den USA auf mehr als 60%. Und auf der Liste der strammsten Israel-Gegner kommen die Türken auf den dritten Platz.

Mit einer kleinen Ausnahme von Deutschland gibt es nach dieser Umfrage genaugenommen kein einziges Land und Volk, das aus türkischer Warte auf Wohlwollen trifft. Die Türken mögen Araber nicht, Iraner, Russen, Chinesen, Japaner sind ihnen genauso wenig wohlgesonnen. Was hingegen Deutschland und die Deutschen angeht, so haben immerhin 44% der befragten Türken eine positive Wahrnehmung von ihnen.

Verwandeln sich die Türken zunehmend in ein Volk von Hassern? Jedenfalls regen die Ergebnisse der BBC-Untersuchung zum Nachdenken an.

Mangelndes Selbstwertgefühl und Misstrauen

Sollte die Wiederbelebung der Paranoia, dass „alle unsere Feinde sind“, etwa die Folge einer durch den Mangel an Selbstwertgefühl hervorgebrachten Geistesverfinsterung sein? Das ist die Frage, die Can Dündar in seiner Kolumne in der Tageszeitung „Milliyet“ stellt. Vielleicht, fragt der Autor weiter, liegt die allgegenwärtige Angst, dass ein äußerer Feind auf der Lauer sitzt, um uns jeden Augenblick in Teile zu spalten, einfach daran, dass es im Kern an einem „Wir-Gefühl“ fehlt? In letzter Zeit sei auch die einheimische Version des „äußeren Feinds“ inflationär geworden. Jeder würde jeden mit einem Etikett abstempeln: Verräter, amerikanischer Agent, Speichellecker Europas, Zionist usw. Ist das nicht ein Zeichen dafür,  dass der Klebestoff für ein „Wir-Gefühl“ zusehends dahin schmilzt? Can Dündar kommt zu dem Schluss, dass die Ergebnisse der Umfrage tatsächlich ein innerhalb der Bevölkerung tiefsitzendes Misstrauen wiederspiegeln. Wenn es an einem Selbstwertgefühl nicht mangelte, so Dündar abschließend, würde man soviel Misstrauen auch nicht empfinden. Die Psychologie wird diese Feststellung voraussichtlich nicht verneinen.

Die Einsamkeit des Türken ist im Türkischen sogar sprichwörtlich „Der Türke hat außer dem Türken keinen Freund“. Dieses im alltäglichen Sprachgebrauch seit Jahrzehnten nach wie vor sehr geläufige Sprichwort ermahnt gleichzeitig zur beständigen Achtsamkeit vor dem immerwährenden Feind. Man sollte die Wirkung von Sprache und Sprichwörtern nicht unterschätzen. Sie formen das Bewusstsein und prägen Wahrnehmungen auf ihre spezifische Weise. Interessant ist hier allerdings noch nicht einmal, dass es im Türkischen ein solches Sprichwort gibt. Die Vorfahren werden vielleicht ihre Gründe für seine Schöpfung gehabt haben. Interessant erscheint vielmehr, dass quasi als Schutzschild gegenüber allen möglichen anderen Erfahrungen, die man sonst noch machen könnte, an der Aktualität eines solchen Sprichworts bis in die Gegenwart hinein ungebrochen festgehalten wird.

Mangel an Auslandserfahrungen

Eigentlich fehlt es der Mehrheit der türkischen Bevölkerung an leibhaftiger Erfahrung mit dem Ausland und fremden Völkern. Darum könnte man fast zynisch behaupten, dass sie sich genau genommen kein Urteil über Stärken und Schwächen anderer Völker anmaßen sollten. Dieses Problem wird in manch einem Leserkommentar fast makaber und gleichsam anschaulich aufgegriffen. Darin wird die Türkei mit einem alten Ehepaar verglichen, das kaum noch imstande ist, das Haus zu verlassen und vor dem Fernseher sitzend darüber sinniert, wie schlecht es um die Welt geworden ist.

In den vergangen Jahrzehnten ist wohl eine zunehmende Integration in den sogenannten Globalisierungsprozess erfolgt, ohne jedoch dem Gros das Glück zu bescheren, auf eine Entdeckungsreise gehen zu können. Teils aufgrund fehlender finanzieller Mittel und teils bedingt durch Visums-Beschränkungen sind die meisten Türken nach wie vor nicht imstande, den Fuß vor die eigene Landestür zu setzen. Eine Menge Türken haben gewiss Verwandte, die im Ausland arbeiten. Da jedoch die meisten dieser Angehörigen im Ausland nun nicht gerade zur Creme aufgestiegen sind, sondern nach wie vor die benachteiligten Gruppen dieser Länder stellen, bleiben die Erfahrungen sehr spezifisch und zudem überaus problembehaftet. Über im Ausland arbeitende Verwandte kommen darum die wenigsten Türken in den Genuss, die schönsten Seiten dieser Länder kennenzulernen.

Die Enttäuschung

Die türkische Republik ist einst mit dem Ideal aufgebrochen, sich in einen modernen Staat westlicher Prägung zu verwandeln. Seither diente der Westen immer wieder als das ersehnte Vorbild für die Entwicklung und Demokratisierung der Türkei. Allmählich ist es aber mit diesem Ideal recht brüchig geworden. Man stellt verbittert fest, dass dieser als Idol geltende Westen ja seine eigenen Spielregeln nicht einhält und ein zwielichtiges Doppelspiel betreibt. Die Enttäuschung schlägt sich in Ambivalenz um und setzt sich in verschiedenen Varianten der Ablehnung fort.

In jüngster Zeit kommt wahrscheinlich noch etwas hinzu. Die herrschenden Politiker des Landes haben vermutlich auch in Anbetracht der herannahenden Kommunalwahlen ihr großes Herz für die geknebelten Palästinenser und die Sache der Hamas entdeckt. Das Land taumelt von einem Gefühlsausbruch in den nächsten. Den Volksreaktionen ist zu entnehmen, dass man nicht so leicht bereit sein wird, dem Westen zu verzeihen, wie er sich in die Zuschauerpose verkrochen hat, während die palästinensischen Brüder und Schwestern vom Teufel Israel nieder gemacht wurden.

Der Vorschlag einer lebensfüllenden Aufgabe

Ein Leser bemerkt auf eine raffinierte Weise , dass die Untersuchungsergebnisse eigentlich nicht die Türken, sondern die Völker anderer Länder darüber ins Grübeln versetzen sollte, was sie denn falsch gemacht haben, dass die Türken sie nicht mögen und was sie anstellen könnten, um sich bei den Türken beliebt zu machen. Warum eigentlich nicht?

 

 

 

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