Jahrgang 4 Nr. 7 vom 13.02.2009
 

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Dortmund blickt nach Istanbul

Claus Stille

 

Istanbul

Istanbul-Ansicht mit Galata-Turm (Photo/Quelle: Götz Braun via Pixelo.de)

Die rund um die Uhr heftig pulsierende Megametropole Istanbul hat zwei unverzichtbare Standbeine. Eines auf dem asiatischen, das andere auf dem europäischen Kontinent. Nicht nur aus diesem durch die geografischen Gegebenheiten bestimmtem Grund heraus kommt der faszinierenden Stadt eine nicht unerhebliche Brückenfunktion zu. Diese darüber hinaus auch vonseiten der türkischen Politik und der Wirtschaft nicht so gut als möglich zu nutzen – und zwar gleich in vielerlei Hinsicht – hieße, ohne Not auf ein Pfund zu verzichten, mit dem sich weidlich wuchern lässt.

Hier lässt sich hoher Nutzen generieren: für Istanbul, die Türkei und selbstredend für deren Partner in aller Welt.

Das hat man auch im Ausland erkannt. Beispielsweise in Deutschland. So muss es nicht wunder nehmen, dass der gute Ruf Istanbuls selbst in den deutschen Regionen einen guten Klang hat. So auch im Ruhrgebiet, respektive Dortmund.

Das Verhältnis Deutschland-Türkei und umgekehrt ist wahrlich nicht das Schlechteste. Keiner jedoch würde ernsthaft bestreiten wollen, dass es dennoch weiter nach Ausbau ruft.

Als kürzlich die „WIN“, die führende Industriemesse der Türkei, ihre Pforten weit und einladend geöffnet hatte, waren auch hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Kultur der Stadt Dortmund erwartungsvoll an den Bosporus gereist.

Wie das Internetportal „derwesten.de“ am 9. Februar vermeldete, erklärte der deutsche Generalkonsul in Istanbul, Matthias von Kummer, die Chancen der jeweiligen Partner auf beiden Seiten der Brücke Deutschland-Türkei so: „Die Türkei bietet hervorragende Marktchancen für deutsche Unternehmen. Umgekehrt schätzen türkische Unternehmen die technologische Leistungsfähigkeit und Innovationskraft deutscher Unternehmen.“

Dies scheint auch und gerade in Zeiten einer der größten Finanzkrisen – ein Ereignis, das sich tagtäglich mehr und mehr zu einer folgenschweren Weltwirtschaftskrise zuspitzt – der letzten siebzig Jahre, in welcher wir uns derzeit befinden, zu gelten.

Zwar ist auch die Türkei von den Auswirkungen dieser kapitalistischen Systemkrise betroffen, jedoch kann das Land - im Gegensatz zu Deutschland - noch immer mit einem relativ soliden Wirtschaftswachstum aufwarten.

Es geschieht nun schon das dritte Jahr in Folge, dass die Wirtschaftsförderung 13 Dortmunder Unternehmen und Verbände zur WIN World of Industry auf das Messegelände von Beylikdüzü nach Istanbul einlädt.

Man hofft am Bosporus gute Geschäfte zu machen.

Wie das WDR-Regionalfernsehen berichtete, haben bereits zwei Dortmunder Firmen den Beweis dafür angetreten, dass das nicht nur möglich ist, sondern auch beide Seiten von solchen Abschlüssen profitieren.

Seit Jahren schon sind die Wilo AG und die KHS AG (vormals Holstein & Kappert) in der Türkei tätig.

Darüber hinaus haben 60 Dortmunder Firmen Niederlassungen dort.

Darunter auch viele der zirka 2100 von türkischstämmigen Inhabern geführten Dortmunder Betrieben.

Die Wilo AG, in Istanbul von Verkaufsdirektor Cem Demiriz vertreten, hat u.a. mit der auf perfektes Knowhow gestützten Installation von international bewährter Technik dafür gesorgt, dass die etwa 200 großen, einige Stockwerke tief unter dem 26-etagigen Einkaufszentrum „Astoria“ laufenden Pumpen einwandfrei ihren Dienst tun und so für eine moderne und intelligente Wärmeversorgung bzw. Klimaregelung des Gebäuderiesen sorgen.

Für Wilo arbeiten in Istanbul 60 Mitarbeiter. Überdies sorgen in der Türkei 30 Verkaufsagenten und 75 Händler dafür, dass Wilo-Erzeugnisse auch in anderen Landesteilen Käufer finden.

Schwierigkeiten hat Wilo derzeit bei einem anderem Projekt in Istanbul: es ist als höchstes Bürogebäude der Stadt geplant. Momentan noch im Bau. Der Büroturm soll 261 Meter hoch werden. Wilo-Pumpen waren dafür vorgesehen, dass Warmwasser bis hinauf unter das Dach des Hausgiganten zu pumpen. Die Finanzkrise zwang jedoch zu einer schweren Entscheidung: Der eigentlich als wasserdicht geltende Auftrag an Wilo wurde vorerst ausgesetzt. Der Wilo-Chef Demiriz zeigt sich trotzdem optimistisch. Er setzt darauf, dass der gute Ruf der international betrachtet weit gehend alternativlosen Pumpentechnik aus Dortmund, letztlich – auch in Zeiten der Krise – siegen wird, und der Auftrag zu Ende geführt werden kann.

Wie der WDR weiter informierte, ist die Firma KHS der Lieferant für moderne Getränkeabfüll-Straßen in der Türkei. Die KHS-Vertretung in Istanbul steht unter Leitung von Vedat Güler. Einem Mann, der einst in Deutschland aufwuchs. Maschinen der Firma arbeiten z.B. in der größten türkischen Produktionsanlage von Coca Cola. Auch die Brauerei Efes meldet vermehrt Interesse an Getränkeabfülllinien dieser Firma an.

Auch die Wirtschaftsförderer setzen auf die hohe Wertschätzung von Produkten „Made in Germany“. Sich an das Gängige anlehnend, werben sie mit dem Slogan „Hightech Made in Dortmund“. Zirka 30 Dortmunder Unternehmen nutzen verstärkt das moderne Medium Internet, um auf ihre Leistungen aufmerksam zu machen.

Das gute Klima auf der WIN-Messe in Istanbul wirkt ganz offenbar auch hier inspirierend: Für den 20. Mai 2009 ist in der Dortmunder Westfalenhalle der 2. NRW-Tag der deutsch-türkischen Gesellschaft in Kooperation mit dem Land Nordrhein-Westfalen und der Türkisch-Deutschen IHK avisiert.

Und im Herbst diesen Jahres will die TU Dortmund für 30 Studierende einen Elitestudiengang „Maschinenbau“ einrichten.

Darunter sollen zehn Studierende aus der Türkei sein. Prof. Dr. Erman Tekkaya ist für die Leitung des Studienganges vorgesehen.

Dortmund hat also Istanbul entdeckt und Istanbul in der Stadt Dortmund abermals einen interessanten Partner gefunden.

Das ist gelebte deutsch-türkische Partnerschaft u.a. inspiriert von und durch die Brückenstadt Istanbul. Das Treffen zeigte: Diese Brücke selbst verbindet nicht nur Asien und Europa, sondern ist auch von beiden Seiten her von den Menschen in der Türkei und Deutschland und für deren Ideen gleichermaßen gut passierbar. Deshalb ist diese Verbindung – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht nur jetzt schon, trag- sondern auch nach wie vor immer noch weiter ausbaufähig.

 

Auch die Dortmunder Kulturszene entdeckt Istanbul

Und wenn schon die Dortmunder Wirtschaft ihren Blick verstärkt und offen für Neues auf den Bosporus und Istanbul richtet, da möchte offensichtlich auch die Kulturszene der Ruhrgebietsstadt nicht zurückstehen.

Dies dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, warum die Wirtschaftsleute auf ihrem Trip nach Istanbul von einer Kulturdelegation unter Leitung von Bürgermeisterin Birgit Jörder begleitet wurden.

Unter anderem hat diese nämlich eine Kooperationsvereinbarung mit dem Stadtteil Beyoglu getroffen, bei dem es auch um einen Jugendaustausch an der türkischen Schwarzmeerküste geht.

Ein weiteres Stichwort lautete „Kulturhauptstadtjahr 2010“. Istanbul ist korrespondierend zum Ruhrgebiet („Ruhr.2010“) für das Jahr 2010 zur europäischen Kulturhauptstadt auserkoren worden.

Die Organisatoren von „Ruhr.2010“ hatten auf Grund von Finanzierungslücken erst jüngst eine juristische Änderung an der Rechtsform der Veranstaltung vorgenommen, um angesichts der Krise mehr private Sponsoren über steuerliche Vorteile zu Spenden zu ermuntern.

Diese finanziellen Sorgen dürften die Großstadtverwaltung Istanbul nicht plagen. Sie verfügt jedenfalls über ein wesentlich größeres Budget als „Ruhr.2010“.

Ein wenig neidisch bis staunend hat vielleicht der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann (SPD) das kreative Kultur- Medien- und Wissenschaftszentrum „Santral Istanbul“ beäugt, das aus allein mit ungefähr 130 Millionen Dollar aus privaten Mittel aus dem ehemaligen zentralen Istanbuler Elektrizitätswerk erstanden ist.

Dort werden etwa an einer privaten Universität Studierende in den Fächern Mediendesign, Photographie und Architektur ausgebildet.

Noch kann Dortmund von einer solchen Einrichtung – wie übrigens von einem ansehnlichen Bahnhof ebenfalls – bisher zunächst einmal mehr oder weniger nur träumen.

Will man doch im Dortmunder „U“ - einem einstigen Brauereigebäude – etwas ähnliches ins Werk setzen, wie „Santral“.

Zu einem Traum verführt sah sich wohl auch der Generalmusikdirektor Jac von Steen beim Besuch in Istanbul. Und dieser Traum soll sogar wahr werden! Im Jahre 2010 möchte Jac von Steen mit seinen Dortmunder Philharmonikern ans Goldne Horn reisen. Am liebsten fünf Tage will der Niederländer mit dem Orchester in Istanbul bleiben.

Dem Intendanten der Kulturhauptstadt Istanbul, Nuri Colakoglu, wiederum wäre sehr an Konzerten mit klassischer deutscher Musik gelegen. Womöglich sogar eines gemeinsam mit der hervorragenden türkischen Pianistin Gülsin Önay.

Van Steen erwärmt sich, dem Vernehmen nach, für ein Projekt mit dem Nationalen Jugendorchester der Türkei unter Leitung von Cem Mansur. Es soll gemeinsam mit den Dortmunder Instrumentalisten auftreten.

Dortmunds Kulturdezernent Stüdemann schwärmte seinerseits von der „Turka“-Party mit über

10 000 Leuten in der Westfalenhalle. Sie soll 2010 die Club-Szene Istanbuls vorstellen und das Dortmunder Party-Konzept in die Türkei tragen.

Und „klangvokal“2010-Direktor Torsten Mosgraber möchte unbedingt Türkische Musik und Bachkompositionen zusammenbringen. Sein Ziel ist ein gigantisches Abschlusskonzert mit deutsch-türkischen Chören auf dem Dortmunder Friedensplatz.

Abermals GMD Jac von Steen, der Christian Jost als „composer in residence“ für ein Jahr gewinnen konnte, wäre überglücklich, wenn ein von diesem Tonsetzer komponiertes Werk zunächst im Kulturzentrum der ehemaligen Zeche Zollern in Dortmund und danach im „Santral“ ist Istanbul zur Aufführung käme...

Also neben dem wirtschaftlichem: auch ein kultureller Aufbruch. Beeinflusst von der Stadt Istanbul am Bosporus!

 

 

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