| ||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||
DITIB: Eine Organisation - zwei Gesichter?Claus Stille Um die 2,5 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln – türkische und eingebürgerte Türken, inzwischen deutsche Staatsbürger – leben in der BRD. Das sind zirka 3 Prozent von deren Bevölkerung. Die ersten Türken waren bereits in den 1960er Jahren gekommen. Als sogenannte Gastarbeiter. Die Deutschen selbst nahmen wenig Notiz von ihnen. Hauptsache sie malochten. Man hielt sie wohl für eine Art von vorübergehender Erscheinung. Auch die Türken dachten zunächst eher ans Geldverdienen, um die in der Heimat zurückgebliebene Familie zu ernähren, denn an ein Bleiben in Deutschland. Das änderte sich erst später. Frauen und Kinder zogen den Männern nach. Über den Islam, welcher die in die nach Deutschland gekommenen türkischen Arbeitskräfte angehörten, dürften sich die Deutschen selbst kaum Gedanken gemacht haben. Die Religion trat ja auch kaum sichtbar in Erscheinung. Was den Deutschen ganz sicher auffiel, waren allenfalls Kopftuch tragende türkische Frauen auf den Straßen. Wobei das Kopftuch, wie wir wissen, nicht zwingend mit dem Islam in Verbindung steht. Und wenn die Türken in Deutschland beteten, dann taten sie das abseits der Öffentlichkeit. Mehr oder weniger verborgen in Heizungskellern, im Hinterhof, oder in sonstigen nicht anderweitig genutzten Nebenräumen, oder gar in Treppenhäusern. So waren sie mit sich und ihrer Religion meistens allein im fremden Land. Später nahm sich der türkische Staat (auf Wunsch Bonns) der in der deutschen Diaspora lebenden gläubigen Landsleute an. Und zwar über die DITIB, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. Der Dachverband der türkischen Moschee-Vereine in Deutschland wurde am 5. Juli 1984 in Köln nach deutschem Vereinsrecht gegründet. Die Gründung geht auf einen Staatsvertrag zurück, welcher im selben Jahr zwischen den Regierungen der BRD und der Türkei geschlossen wurde. Heute hat die DITIB in Deutschland um die 100 000 Mitglieder. Es unterstehen ihr 180 Gotteshäuser im Land. In Köln befindet sich sowohl die Deutschland- als auch die Europazentrale von DITIB. Der DITIB-Dachverband ist der größte Moschee-Verband in der BRD. Er umfasst über 880 Ortsvereine. Fast die Hälfte die Hälfte der repräsentativen Moscheen in der BRD gehören der DITIB. Am 18. Februar diesen Jahres strahlte das Erste Deutsche Fernsehen einen Filmbeitrag von Ahmed Senyurt und Alesandro Nasini (dieser kann nach wie vor über die ARD-Mediathek im Internet abgerufen werden) über die DITIB aus. In „Für Allah und Vaterland“, so der Titel Sendung (Untertitel: „Neue Moscheen in Deutschland“), setzten sich die Autoren kritisch mit der Arbeit von DITIB auseinander. Darin machte Lale Akgün (MdB), die Islambeauftragte der SPD, darauf aufmerksam, dass frühere türkische Regierungen im Grunde genommen wenig politischen Einfluss über DITIB auf ihre in der BRD lebenden Landsleute ausübte. Dabei unterstand DITIB schon immer dem obersten Religionsamt (DIYANET ISLERI BASKANLAGI) in Ankara und somit der türkischen Regierung. Unter der Regierung des derzeitigen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, so Akgün im Filmbeitrag, habe sich das massiv geändert. Dass nimmt sicherlich auch niemanden sonderlich wunder: schließlich begreift sich Erdogans AKP als islamisch-moderate (auch konservative) Partei. Demzufolge nutzt die AKP auch den (Regierungs-) Einfluss auf die DITIB. Lale Akgün: Deshalb braucht die AKP auch keine andere Vertretung in der BRD. Die Installation des Amtes für Religion der Türkei geht auf den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zurück. Es war quasi dafür gedacht, stets sozusagen ein Auge auf die Ausübung der Religion in der modernen türkischen Republik zu haben. Wie dieses Regierungsamt in Ankara, so stellt auch die, freilich nach deutschem Vereinsrecht, gegründete DITIB unstrittig eine Mischorganisation dar: denn in ihr vermengen sich geradezu unvermeidlich Religion und Politik. Einerseits wird dies – die DITIB betreffend – in Deutschland kritisiert, andererseits kommt – etwa der deutschen Bundesregierung - diese Tatsache ganz gut zu passe: hat man doch in DITIB einen mächtigen (auf die Türken im Lande einwirkenden) Ansprechpartner. Das gibt Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Film unumwunden zu, weißt aber gleichzeitig daraufhin, dass DITIB (was deren Verantwortliche auch wüssten) – wegen seiner religiös-politischen Verfaßtheit – nie wird den Status einer Religionsgemeinschaft beanspruchen können. Auch die DITIB profitiert im umgekehrtem Sinne, von dieser Konstellation Des-sich-gegenseitig-Brauchens und macht wiederum fleißig im eignen Sinne Lobbyarbeit (über Umwege freilich auch mit für die AKP-Regierung in Ankara). Gleichzeitig zieht die DITIB aufgrund ihres „Zwitterwesens“ immer wieder Kritik auf sich. Im Film wird aus einem von der deutschen DITIB herausgegebenem Buch zitiert. Es informiert über türkische Strukturen. Darin wird etwa gefragt: „Aus welchen Kommandanturen bestehen die türkischen Streitkräfte?“. Als Antwort ist in dem Buch zu lesen: „Die türkischen Streitkräfte bestehen aus vier Kommandanturen. Dieses sind die Landstreitkräfte, die Luftstreitkräfte, die Seestreitkräfte und die Gendarmerie.“ Was, fragen die Macher des Filmbeitrags, hat das Religion zu tun? Ayse Aydin, die DITIB-Pressesprecherin, erklärt: derartige Informationen hätten halt damals dem Wunsch der Eltern entsprochen. Diese hätten gewollt, dass ihren Kindern neben den Grundlagen der Religion auch gewisse Grundkenntnissse über die türkische Heimat vermittelt würden. Das leuchtet durchaus ein. Nur bietet eben DITIB auf Grund solcher Informationen auch immer wieder Angriffsflächen für seine Kritiker. Auch Ayse Aydin sieht das offenbar so und sagt, eigentlich hätte man damals zwei Bücher herausgeben müssen: eines für das Leben in Deutschland und eines für das in der Türkei. Damals sei dies aber offenbar aus „Kostengründen“ unterblieben. Höchstwahrscheinlich wäre DITIB heute gut beraten seinen Fokus mehr auf das Leben in Deutschland zu richten. Schließlich ist dieses Land den meisten Türken längst zur ersten Heimat geworden. Kannte die Mehrheit der Deutschen die DITIB früher kaum, rückt der Verein in den letzten Jahren mehr und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dafür sorgen die Medien. Aber auch Funktionäre der DITIB selbst, wie etwa Bekir Alboga. Der Islamwissenschaftler und Beauftragte für interreligiösen Dialog der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion ist des öfteren in TV-Talkshows zu Gast. Alboga ist ehrlich um eine Öffnung der DITIB und der von ihr vertretenen Moscheegemeinden hin in die deutschen Gesellschaft bemüht und hat sich in diesem Sinne auch Integrations- und Bildungsaufgaben verschrieben. Besondere Aufmerksamkeit wurden der DITIB hauptsächlich durch die Planungen – nunmehr auch betont repräsentativer – Moschee-Neubauten in Deutschland zuteil. Erhält auf diese Weise sozusagen das aktive Heraustreten türkischstämmiger Muslime aus der für zwie-undurchsichtig gehaltenen Welt der Hinterhofmoscheen einerseits hohes Lob in der deutschen Öffentlichkeit, machen auf der anderen Seite anderen Mitmenschen die Größe der Moscheebauten (und seien sie noch so transparent konzipiert) wiederum eher Angst. Während die letztes Jahr feierlich eröffnete Großmoschee in Duisburg (wohl auf Grund einer besseren Einbeziehung der im Viertel wohnenden Mitbürger, der katholischen wie der evangelischen Kirche und städtischer Stellen, bereits in der Planungs- und Bauphase) ohne großen Krach angenommen wurde, erregt die für Köln-Ehrenfeld am Sitz der DITIB-Zentrale geplante Prachtmoschee noch immer die Gemüter: Die stark rechtslastige Bürgerbewegung PRO Köln führt eine unerträgliche Hetzkampagne gegen den Bau der Moschee, die sich schlimmste populistische Stammtischparolen zunutze macht. In manchen Foren beklagen „besorgte Deutsche“ einen sogenannten „Geburtenschihad“ namentlich der türkischen Muslime, um so „Landnahme“ zu praktizieren. Im Film äußert ein frustrierter Kölner, die Muslime gebrauchten das Gebären von Kindern als Waffe (!!!). Ein anderer fordert, Deutschland müsse ein „christliches Abendland“ bleiben. Und selbst CDU-Mitglieder haben ihrer Partei die Mitgliedschaft gekündigt bzw. auf harten Gegenkurs zum Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) geschaltet, weil dieser (nach erreichten leichten Änderungen am Projekt) uneingeschränkt zum Bau der Kölner Prachtmoschee steht. Der OB dagegen ist mit sich im Reinen. Er, versteht sich als Oberbürgermeister aller Kölnerinnen und Kölner. Und Schramma sagt, wenn ich 120 000 Muslime in einer Stadt habe, muss ich auch für die eine Möglichkeit schaffen, ein repräsentatives Gotteshaus zu haben... Lale Akgün bleibt dennoch skeptisch. Sie meint, die DITIB habe die Lage in Deutschland deshalb falsch eingeschätzt, weil man nicht von der Basisdemokratie ausgegangen sei. Will sagen: DITIB verlässt sich lieber auf die ihr aus Integrationsbemühungen wohlgesonnenen hohen deutschen Funktionsträger in Kommunen, Bundesländern und in der Bundesregierung. Für Akgün steht fest, DITIB muss künftig mehr Demokratie wagen und noch mehr auf die Menschen zugehen und versuchen sich so in eine offene Gesellschaft zu integrieren. Aus den Gedanken Aküns ist zu auch zu folgern: die stete Politisierung der DITIB durch die türkische Regierung (so verständlich dieses Handeln aus Sicht Ankaras auch sein mag) muss in Deutschland auf Kritik und Ablehnung stoßen. Der hier besprochene TV-Bericht war bemüht Diskrepanzen zwischen der DITIB-Zentrale in Köln und den einzelnen zu ihr gehörenden Moscheevereinen im gesamten Land herauszuarbeiten. Die Pressesprecherin der DITIB dagegen stritt derartige Diskrepanzen ab. Wenn man jedoch das Wort „Diskrepanzen“ einmal mit „unterschiedlichen Interessen“ übersetzt, kann sich einem durchaus schon wieder ein ganz anderer Eindruck vermitteln. Und: kann man derartige Diskrepanzen nicht auch etwa innerhalb der katholischen oder evangelischen Kirche ausfindig machen? Man muss nur einmal daran denken, was erst kürzlich die Äußerungen des Holocaust-Leugners Williams von der katholischen Pius-Bruderschaft und die geplante Einsetzung eines (fragwürdigen) neuen Linzer Weihbischofs (der Berufene hat unterdessen verzichtet) für Verwerfungen unter den Katholiken ( es gab massenhafte Kirchenaustritte) ausgelöst haben. Und noch eines: Wer einer strikten (und auch richtigen) Trennung von Staat und Religion das Wort redet, darf auch nicht unter den Tisch kehren, dass das nicht einmal in Deutschland funktioniert. Schließlich existiert dort nach wie vor eine Art „Bündnis zwischen Thron und Altar“, dass wie der Journalist Ingolf Bossenz einmal schrieb „in Deutschland seine Kontinuität“ bewahrt habe. Bossenz: „Ergänzt und erweitert durch ein Netz von Kirchenverträgen (auch mit der evangelischen Kirche) garantiert das „Reichskonkordat“ massive Staatsleistungen, die – was die meisten Steuerzahler nicht wissen – sogar die Zahlung der Bischofsgehälter beinhalten.“ (Der Kirchenrechtler Horst Herrmann setzt eine Summe von jährlich 10 Milliarden Euro an für die „vielen meist versteckten und nur mit Mühe aufzufindenden Subventionen, Renten und Steuerbefreiungen, die Bund, Länder und Kommunen den Großkirchen aufgrund von teilweise ziemlich verdächtigen, ja hundert Jahre alten Gesetzen einräumen“) Der Filmbeitrag bemühte auch ein paar Mal den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan vor Tausenden von Landsleuten in der Köln-Arena. Wohl, um den Einfluss des türkischen Staates auf die DITIB in Deutschland zu verdeutlichen. Eine Feststellung, die sicherlich nicht weg zu wischen ist. Natürlich sind Tayyip Erdogans Auftritte vor Massen von Landsleuten in Deutschland alles andere als uneigennützig (besonders wenn Wahlen anstehen). Aber mussten diese Einstellungen auch noch von einer düster, gleichsam Angst einflößenden Musik unterlegt werden? Fakt ist: die DITIB kann - für die von ihr betreuten Gläubigen und die Gesellschaft insgesamt – sehr viel bewirken. Auch in puncto Integration. Ganz ohne Zweifel. Da kann die von DITIB selbst immer wieder angekündigte Transparenz, wenn sie tatsächlich überall in Deutschland zu einer Selbstverständlichkeit wird von großem Nutzen sein. Zu diesem Behufe wird sich die DITIB jedoch unter dieser „türkischen Luftblase“ - unter der ihr Kritiker vorwerfen zu agieren – weiter hervor begeben müssen. Vielleicht wird dieser Prozess durch einen Generationenwechsel angestoßen. Immerhin betrachten bereits jetzt schon viele Türkischstämmige Deutschland als ihre Heimat. Ihre Wurzeln mögen für sie dann auch weiterhin in der Türkei liegen. Doch ihr Leben dürfte doch wesentlich mehr von deutscher Politik bestimmt werden, denn von Ankara? Unter dieser „türkischen Luftblase“ hervor zu treten sollte aber für die DITIB auch heißen, in Zukunft mehr als bisher die Zusammenarbeit mit anderen Moschee-Vereinen in der BRD zu suchen. Mit Muslimen in Deutschland. Ein marokkanischstämmiger Muslim aus Wiesbaden bedauerte im Film, dass die türkischen Muslime in der Stadt eine eigene Linie verfolgten. Die DITIB steht in dieser Hinsicht in den nächsten Jahrzehnten vor keiner leichten Aufgabe. Löst sie sich zu stark vom türkischen Hintergrund, ist sie nicht mehr das, was sie war. Tut sie das nicht, kommt sie immer wieder in den Ruch, ein politischer – über die Religion agierender – Arm Ankaras zu sein. Es wird darauf ankommen, was die von DITIB vertretenen Menschen wollen. Hier noch ein Link zum Filmbeitrag: ARD-Mediathek |
|
|||