Jahrgang 4 Nr. 10 vom 6.03.2009
 

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Modell Türkei (?)

von Perihan Ügeöz

Wohin steuert die Türkei? Das ist der Titel einer mehrteiligen Diskussionsreihe, die die Tageszeitung „Vatan“ seit einigen Tagen durchführt. Wo wird die Türkei in 10 Jahren sein? Wird sie sich in einen Religionsstaat verwandeln oder wird sie es schaffen, ein EU-Mitglied zu werden? Mit diesen Fragen ist auch an Erdogan, den Ministerpräsidenten, eine Einladung ergangen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung hat sich Erdogan aus Isparta dazu gemeldet und seine Stellungnahme abgegeben: „Sie sagten, es gäbe Nachbarschaftdruck, sie sagten, das Regime sei gefährdet, sie sagten die Türkei würde sich in einen Iran verwandeln. Keine dieser Befürchtungen hat sich bewahrheitet. Die Türkei ist weder ein Iran noch Algerien geworden. Es gibt kein Land, das uns als Modell dienen kann. Wenn überhaupt, dann ist es die Türkei, die anderen ein Modell abliefert…“ Nur nebenbei bemerkt: Einen Tag vor dieser Ansprache ist es einem pensionierten Polizisten gelungen, die Schranken vor dem Präsidium des Ministerpräsidenten zu überwinden. Der Mann hat eine Pistole in der rechten und eine zweite in der linken Hand. Die eine Pistole presst er gegen seine Schläfe, die andere gegen seine Brust. Verzweifelt ruft er aus, dass er nach vierzig Jahren Dienst für den Staat nicht imstande ist, seine Schulden zu bezahlen, sein Rentnergeld nicht ausreicht, um davon zu leben.

Seit seinem spektakulären Auftritt in Davos wird Erdogan von Freunden und Anhängern seiner Partei als Held gefeiert. Wollte man für den gegenwärtig auf Hochtouren laufenden Wahlkampf der AKP für die am 29. März anstehenden Kommunalwahlen ein geeignetes Motto finden, wäre wahrscheinlich kein Slogan geeigneter als „Großspurigkeit“. Tatsächlich lautet die landesweite Wahlkampfparole der AKP: „Du bist Türkei. Denk im Großen.“ Wäre man boshaft, könnte man denken, dass die AKP mit dieser Parole im Kern auch den Aufruf an die Bevölkerung verbindet, sich mit den „kleinen“ Korruptionsvorwürfen nicht zu befassen, die gegen AKP-Kreise vermehrt gerichtet werden. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage zeigte es sich denn auch, dass mehr als 60% der Befragten kaum Einwände gegen Korruption haben, solange die Gewählten ihre Dienstpflichten gegenüber den Bürgern nicht arg vernachlässigen. Verschiedene Sozialwissenschaftler haben dieses Ergebnis als Hinweis auf den Grad eines moralischen Verfalls innerhalb der Gesellschaft gedeutet, in der gleichzeitig die Lebensorientierung nach religiösen Geboten rasant zunimmt.

In Wirklichkeit zeugen jedoch weder der Jargon noch die Inhalte der Wahlkampfauftritte von Größe und Niveau. Das gilt übrigens nicht nur für die AKP-Spitze, sondern auch für die Opposition. Während aber auf Wahlkampfschauplätzen der Zornesausbruch der Opposition sich hauptsächlich gegen die AKP-Führungsspitze richtet, erfassen die Angriffe der AKP und insbesondere von Erdogan im Unterschied dazu weit über die politische Opposition hinaus ein weites Spektrum an gezielt auserkorenen Sündenböcken, die als Zielscheibe für die hoch geputschte Volksverachtung herhalten müssen. Mal sind es Medienvertreter und Journalisten, denen auf Wahlkampfplätzen grölend vorgeworfen wird, sie würden Unwahrheiten verbreiten. Mal sind es die Diplomaten des Landes, die abfällig als „mon cher“ (Menschen, denen man „feine“ Manieren vorwirft) abgestempelt werden oder es sind die Bevölkerungskreise, die man gerne als sogenannte „Weiß-Türken“ diffamiert. An ausgesuchten Feindbildern, womit verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander polarisiert werden, mangelt es nicht. Die befolgte Formel ist schlicht: „Entweder wir“ oder „Die Anderen“. Die versammelten Massen werden zum Hass angeheizt und angespornt, diesen Hass laut auszugrölen. Damit ihnen aber ihr Hass erhalten bleibt, müssen diese, deren Dasein so dazu verurteilt wird, sich einzig durch den Hass zu erheben, freilich gefälligst da bleiben, wo sie jetzt stehen.

Während auf der einen Seite niedere Gefühle aufgewühlt werden, wird auf der anderen intellektuelles Gedankengut immer mehr wirksam marginalisiert mit der Folge, dass auch die Schamschranken eine nach der anderen niederfallen. Der Wunsch, gerne eine Revision des Osmanen-Modells mit einem allmächtigen Erdogan an der Spitze vorzunehmen, tritt immer ungenierter zutage. „Der letzte Osmanische Sultan: Recep Tayyip Erdogan der Erste“ lautet die Beschriftung eines riesigen Transparents, womit Anhänger der AKP ihren Oberhaupt Erdogan mit ehrerbietigem Applaus huldigen, als er anlässlich der Eröffnung einer neuen Metrobuslinie in Istanbul einen Auftritt feiert. Dass dieses Plakat just am historischen Jahrestag der Abschaffung des Kalifats (3. März) aufgespannt wird, mag vielleicht eher ein Zufall gewesen sein. Zwar wurde das Plakat schnell wieder abgenommen, die Kürze der Zeit reicht jedoch trotzdem vollends aus, um sich einen eigenen schauderhaften Reim darüber zu machen, in welchem Verhältnis die Gesinnung, die einen solchen Wunsch hervorbringt, zum Thema Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung steht.

 

Modelle“ sind nachahmenswert

Modelle haben eine positive Konnotation, sie regen zur Nachahmung an. Wo das Land in zehn Jahren tatsächlich sein wird und wie viel man davon wem auch immer als nachahmenswert preisen kann, wird man in turbulenten Zeiten kaum mit Bestimmtheit vorhersagen können. Eine neuerliche Studie liefert jedoch ein detailliertes und umfassendes Bild darüber, wo es sich jetzt befindet und lässt darüber hinaus einige Ahnungen mobilisieren, wohin es wandern kann, wenn der Zug auf demselben Gleis weiterrollt. Es handelt sich hierbei um eine vom angesehenen Meinungsforschungsinstitut KONDA durchgeführte Repräsentativstudie. Zum Sinn und Zweck der Untersuchung bemerkt Tarhan Erdem, der Leiter des Instituts, dass man damit den sozialen Wandelprozess erfassen wollte, der gegenwärtig im Land vonstatten geht. Man wollte, so der Leiter weiter, dabei herausfinden, ob die Türkei noch dasjenige Land ist, von dem viele Bürger glaubten, das es ist.

Die KONDA-Studie repräsentiert 51 Millionen erwachsene Menschen, die über dem 15 Lebensalter sind. Nach den Ergebnissen dieser Studie liegt die Quote der Analphabeten bei 6,1%; der Anteil von Schulgängern ohne einen Abschluss erreicht 3,6%; Grundschulabsolventen kommen auf 41%; nur 8,5% besitzen einen Universitätsabschluss. Demnach verfügt 50,3% der Bevölkerung über einen Bildungsstand, der sich gerademal auf dem Niveau der Grundschule und sogar darunter befindet.

Der Anteil von Erwachsenen mit einem Monatseinkommen über 3.000,-TL und darüber liegt bei nur 3,5%. 68,4% verfügen über ein monatliches Einkommen, das bei 1000,-TL und darunter liegt. Hingegen liegt der Anteil derer, die im Monat 500,-TL und weniger verdienen bei 27,4% (zum aktuellen Wechselkurs: 1,- Euro liegt bei ungefähr 2,15 TL).

Die Befunde der Studie gehen noch weiter: Fast 70 % der befragten Bürger lesen niemals ein Buch; 72% sind nie oder nur selten in den Genuss gekommen, ein technologisches Neuprodukt zu erwerben.

Aber auch damit nicht genug: Der Anteil von Frauen, die sich mit Kopftuch, Turban oder Schleier bedecken, ist inzwischen auf 71,2% gestiegen. Im Jahre 2003 lag dieser Anteil bei 64,2% und 2007 bei 69,4%. Demnach tragen heute nur noch 28,8% der Frauen kein Kopftuch. Ebenso wenig aufbauend sind auch die Ansichten, die unter die Rubrik Gleichberechtigung von Mann und Frau fallen: Fast 70% der befragten Männer sind der Auffassung, dass verheiratete Frauen ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollen. Im Einklang mit dieser Einstellung steht auch die männliche Meinung hinsichtlich der Art und Weise, wie sich eine Frau zu bekleiden hat, wenn sie das Haus verlässt: 57 % teilen die Ansicht, dass Frauen mit ärmelloser Bekleidung nicht aus dem Haus gehen sollten. Zugleich befürworten 53% der Befragten, dass Frauen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, erlaubt sein müssten, ein Kopftuch nach islamischem Gebot zu tragen.

Die Studie liefert auch Material über Auffassungen zum Demokratie und Laizismusverständnis innerhalb der Bevölkerung: Der Anteil derer, die der Meinung sind, das Rechtssystem müsse nach religiösen Geboten bestimmt werden, liegt bei 22,3%. Hingegen teilen fast 88% die Auffassung, das Land müsse nach den Prinzipien eines demokratischen Systems geführt werden. Ein nicht unbedeutender Anteil von 48% vertritt demgegenüber die Meinung, dass die Armee intervenieren muss, wenn es notwendig ist.

Zu den Befunden der Studie seines Instituts bemerkt der Leiter Erdem, dass der hohe Anteil der Befürwortung einer Intervention seitens der Armee Aufschluss über die Ambivalenz der Türken hinsichtlich Demokratie liefert und die Einstellungen gegenüber Frauen den Mangel an Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern offenlegen, wobei die Ergebnisse zeigen würden, dass die Frauen in ihrem Privatleben nicht frei sind.

Zurzeit herrscht landesweit Wahlkampfstimmung. Selbst wenn es nicht möglich ist, mit Bestimmtheit vorherzusagen, „wohin die Türkei steuert“, mit Rückgriff auf die Ergebnisse dieser Studie kann man jedoch mit Bestimmtheit sagen, auf welcher allgemeinen Grundlage diese Wahlen stattfinden: Armut, niedriges bis gar fehlendes Bildungsniveau, Ambivalenz in Sachen Demokratie und Laizismus und nicht zu vergessen die Frauen, die zum Urteil der Männer verurteilt bleiben, deren Mütter sie größtenteils selber sind. Es wird behauptet, die AKP würde deswegen hohen Stimmanteil erzielen, weil es dem Land an glaubwürdiger Opposition und Alternative fehle. Vielleicht beinhaltet aber gerade diese Grundlage die Formel, die Erdogan mitsamt seinem Jargon innerhalb breiter Massen die gewaltige Popularität verleiht: „Du bist klein, wirst auf lange Sicht klein bleiben, aber du kannst hassen und verachten, darum bist du groß.“

 

 

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