Jahrgang 4 Nr. 11 vom 13.03.2009
 

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Zwangsehen sind viel zu kompliziert...

Mehmet Akyazi

Merhaba,

ich heiße Mehmet Akyazi und schreibe euch aus der wohl verkohltesten Stadt in ganz Deutschland, nämlich Duisburg. Wie man an meinem klischeehaften Vornamen schon merken kann, komme ich ursprünglich aus der Türkei. Deshalb dreht sich mein ganzes Leben nur um Vorurteile und schöne Mädchen. Mein Vater, ein überzeugter türkischer Nationalist und meine Mutter, eine noch überzeugtere türkische Islamistin, machen mir ständig das Leben schwer. Ich weiß, auf die Meinungen Älterer sollte man schon hören, aber manchmal bringen meine Eltern mich in echte Schwierigkeiten mit Sätzen wie: „Wenn du in Deutschland die Schule nicht schaffst, dann schicke ich dich wieder in die Türkei!“ und dann als Widerspruch: „Wenn dein Lehrer behauptet, wir haben die gleichen Vorfahren wie die Affen, dann halte dir einfach die Ohren zu!“

Außerdem hab ich noch eine kleine Schwester, die meine Eltern ausbeutet. Geld, Liebe und die freie Auswahl ihres zukünftigen Ehemannes, sie kriegt einfach alles, was ein liberales Türkenherz begehrt. Und das auch nur, weil sie gut in der Schule ist. Ich hingegen, darf mir als Junge mit mittelmäßigen Schulleistungen noch nicht einmal meine zukünftige Ehefrau selbst aussuchen, dies hat sowieso mein Vater schon für mich getan. Die Tochter seines Kollegen Ahmet in der Stahlfabrik, die hat er vor ungefähr 9 Jahren für mich reserviert.

 Ich find es gar nicht mal so schlimm, dass er sowas getan hat. Ich weiß, für so eine Großstadt wie Duisburg ist eine Zwangsheirat nicht gerade üblich, eher eine Zwangscheidung, aber stellt euch mal vor: Ich muss mir später keine Mühe bei der Suche nach einer Frau geben! Aber das aller Beste kommt jetzt noch: Das Mädchen ist zwei Jahre älter als ich!

Heute besucht uns Ahmet gemeinsam mit seiner Tochter, damit ich mal meine zukünftige Frau zu sehen bekomme. All meine deutschen Freunde beneideten mich deshalb, vor allem wegen des grandiosen Altersunterschieds. Meine deutschen Freunde kriegen nämlich nur 4 Jahre jüngere Mädchen ab.

Im Wohnzimmer dann, auf dem Sofa sitzend, warteten wir schon ganz gespannt mit der ganzen Familie auf unseren Besuch. Wir waren alle sehr schick angezogen, Tee war vorbereitet und im Fernsehen lief unser beliebtester türkischer Sender. Als es dann bei uns schellte, platzte fast mein Herz vor Aufregung. Meine zukünftige Frau steht nun vor der Tür und ich war mir sicher, dass alle Mädchen, egal welcher Nation mit 18 hübsch aussehen. Meine Mutter machte dir Tür auf und begrüßte die Gäste mit „Hosgeldin“, was wortwörtlich übersetzt „du bist hübsch gekommen“, heißt. Aber als ich zur Tür sah, waren die Personen alles andere als hübsch. Da waren zwei übergewichtige Kopftücher neben Ahmet und ich konnte einfach nicht entscheiden, welche meine zukünftige Frau sein sollte.

Da saßen wir nun gemeinsam mit den zwei Nilpferden und ich wusste immer noch nicht, welche ich später heiraten musste. Sie waren derart unansehnlich und dick geschminkt, dass man nicht einmal ihre Gesichter unter dem ganzen Kleister erkennen konnte. Vor allem passte das lila Makeup nicht zu einem grünen Kopftuch, dass erkannte ich sogar. Die ganze Zeit über redete mein Vater von der Hochzeit, der Zukunft und seinen Enkelkinder. Dabei will ich keine der zwei Frauen im Raum heiraten, die würde ich im Leben nicht aushalten. Die beiden sahen so unmodern, altmodisch und osmanisch rückständig aus, so, wie sie dort saßen, mit ihren Riesengewändern und den Dorfsandalen, dass mir die Lust zu heiraten gründlich verdorben wurde. So ein moderner Stadtjunge wie ich verdient etwas besseres, denn sowas ließe sich noch nicht mal in meinem Heimatdorf in Ordu blicken. Dort ist man auch schon viel moderner, wie fast überall in der Türkei. Ich musste irgendwie meinen Vater aufhalten.

Ich stand langsam auf und offenbarte dann mit gestreckter Brust: „Vater, ich will keine Zwangsheirat!“, womit ich alle Beteiligten in Erstaunen setzte.
„Was?“ Mein Vater fing an hastig mit den Händen rumzuwirbeln und wurde ganz rot. Er war außer sich.
„Du missratener Sohn! Das ist keine Zwangsheirat. Ich hab dich doch erst vor 9 Jahren gefragt, ob du auch drauf bestehst.“
 „Vater“, reagierte ich laut, „da war ich aber erst 7 Jahre alt! Früher war mir wahrscheinlich noch nicht mal bewusst, was du damit meintest. Ich lebe in einer zivilisierten Großstadt und so will ich auch behandelt werden!“
„Es tut mir leid, Ahmet. Mein Sohn ist wohl etwas verwirrt“, wendete sich nun mein Vater zu Ahmet. Ganz nervös wischte mein Vater sich dabei die Schweißtropfen von seiner Stirn und biss sich auf die eigene Lippe. Ahmet stand aber enttäuscht auf, zog sich seine Jacke an und rief jemanden mit seinem Handy an.
„Du kannst jetzt kommen, dich werde ich wohl nie los.“

Es schellte an der Tür und draußen stand das wohl hübscheste Mädchen weit und breit vor der Tür. Sie sah so modern aus, ein Traum jedes westlichen Jungen. Blond, bauchfrei, überall gepierct und mit einem Kaugummi im Mund, zeigte sie angewidert mit dem Finger auf mich.
„Igitt, den will ich nicht!“
„Und das ist meine missratene Tochter“, klärte uns Ahmet auf, „ich wollte sie erst zur Hochzeit zeigen, damit sie oder der Junge sich nicht doch anders entscheiden. Aber anscheinend wird aus euch nie was werden.“

Ich war sprachlos. Also musste ich gar kein Nilpferd heiraten, sondern das modernste türkische Mädchen in ganz Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit, dass man das letzte lebende Dodo ausgerechnet in Duisburg findet, ist dagegen schon viel höher. Aber dann stellte sich noch die Frage: „Und wer sind die zwei Frauen da auf unserem Sofa?“
„Was? Ne Junge, die kriegst du nicht. Die sind viel zu anständig für dich, außerdem hab ich die beiden schon jemand anderem versprochen“, beantwortete Ahmet meine letzte Frage.

Bedrückt ging also Ahmet mit seinen drei Töchtern aus unserem Haus, mein Vater war den ganzen Tag sauer und ich hab gerade indirekt abgelehnt, dass modernste türkische Mädchen in ganz Duisburg zu heiraten. Aber ich hab auch was aus dieser Sache gelernt: Türkische Zwangsehen sind viel zu kompliziert, ich heirate doch lieber eine Deutsche, oder ein echtes Nilpferd...

© Mehmet Akyazi

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