Jahrgang 4 Nr. 12 vom 20.03.2009
 

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Güz Sancisi – Erinnerung an vergangenes Unrecht

von Stefan Hibbeler

Am 23. Januar lief in den türkischen Kinos der Film „Güz Sancisi“ (Herbst-Schmerz, Link (türkisch/englisch)) an. Der Film des Regisseurs Tomris Giritlioglu nach einem Drehbuch von Etyen Mahcupyan und Nilgün Önes erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der die Ausschreitungen gegen Nichtmuslime am 6. und 7. September 1955 erlebt. Dem Film liegt ein Roman von Yilmaz Karakoyunlu zugrunde.

Behcet, Sohn eines reichen Grundbesitzers ist aktiver Nationalist. Sein politischer Mentor ist der Freund seines Vaters, Kenan Bey, der zugleich zu den Vertrauten des Ministerpräsidenten gehört. Kenan Bey initiiert Zypern-Protestaktionen, die sich jedoch zunehmend auch gegen die Nicht-Muslime in der Türkei richten. Behcets Jugendfreund Suat ist ein linker Journalist. Behcet verliebt sich zudem in die griechische Prostituierte Elena. Behcet soll die Tochter Kenan Beys heiraten. Diese wiederum liebt Suat. Aufgrund einer Recherche eines politischen Mordes wird der junge Journalist von Männern Kenan Beys im Beisein von Behcet erschlagen. Kurz darauf beginnen die Ausschreitungen der Nacht vom 6. auf den 7. September bei denen Wohnungen und Geschäfte von Nicht-Muslimen zerstört und geplündert werden. Elena wird von einem Mann Kenan Beys erschlagen.

In dem Film gehen der historische Hintergrund – das politische Klima und Ereignisse – in sehr eindrucksvolle Beziehungsbilder der Figuren über. Geschildert wird ein Klima von Gewalt als politisches Mittel, die Vertuschung von Gewalt durch die Polizei und die systematische Vorbereitung der Ausschreitungen. Es ist auf einer persönlichen Ebene eine Auseinandersetzung mit dem „tiefen Staat“. Das Wirken dieses „tiefen Staats“ birgt nicht nur nackte Gewalt – es hinterlässt zugleich entwurzelte Menschen. Nach dem Film ließ mich zumindest eine Weile der Gedanke daran, wie Behcet mit dem Verlust zweier geliebter Menschen und herausgerissen aus der Welt, der er zuvor angehörte, weiterlebte…

Bereits vor zehn Jahren hat sich Tomris Giritlioglu mit seinem Film „Salkin Hanim’in Taneleri“ mit der Verfolgung von Nicht-Muslimen beschäftigt. Thema dieses Films ist die während des Zweiten Weltkriegs erhobene „varlik vergisi“ – eine Sondersteuer, die für viele Angehörigen der Minderheiten eine Enteignung bedeutete und in Verbannung und Zwangsarbeit mündete.

Salkin Hanim’in Taneleri hatten vor zehn Jahren Furore gemacht. Der Film löste Diskussionen aus, die von der Veröffentlichung zahlreicher Bücher über die Minderheiten in der Türkei und ihrer Marginalisierung begleitet wurden. Die Reaktionen auf Güz Sancisi dagegen sind merkwürdig verhalten. Einige wenige Reaktionen in Kolumnen – im Grunde jedoch ist der Film übergangen worden. Ist das Thema also erledigt, die gesellschaftliche Bewusstseinsarbeit vollzogen?

Auffällig ist zunächst, dass es zu keinen Protesten gegen den Film gekommen ist. Vor vier Jahren wurde eine Ausstellung zu den Ereignissen vom 6. und 7. September 1955 in einer Galerie an der Istiklal Caddesi angegriffen. Heute jedoch sitzen eine Reihe der führenden Aktivisten dieser und anderer Aktionen wegen der Ergenekon-Untersuchung in Untersuchungshaft. Das „ulusalci“ Lager ist verstummt. Ein Zeichen für Normalisierung? Sollte man sich  nicht freuen, dass heute ein Film wie Güz Sancisi ohne Proteste gezeigt werden kann?

Bei mir zumindest kommt keine rechte Freude auf. Die fehlenden Proteste erscheinen mir eher als ein Zeichen dafür, dass der Film übergangen wird. Dabei trifft er mit seiner Darstellung politisch motivierter Gewalt eigentlich sehr zentrale Themen der Gegenwart – nicht zuletzt bezogen auf die Ergenekon-Untersuchung. Das Ausbleiben der Proteste aus dem nationalistischen Lager kann man auch als Zeichen dafür werten, dass eine Reihe von Netzwerken durch die Ergenekon-Untersuchung zerschlagen wurde und dass viele es nicht wagen, sich öffentlich zu zeigen. Wenn man zugrunde legt, dass diese Netzwerke zunächst politischer Natur waren, so bedeutet dies, dass ein Spektrum politischer Positionen aus der Öffentlichkeit verschwunden ist… Kein gesundes Zeichen für eine demokratische Gesellschaftsordnung – so sehr man die Positionen dieser Kreise auch kritisieren mag.

Mit dem Ausbleiben der Proteste ist auch der Antrieb verschwunden, sich zu solidarisieren. Die öffentliche Diskussion bleibt verhalten… Während populäre Filme – im Moment führt Recep Ivedik mit mehr als 4 Millionen Zuschauern – über Wochen Zuschauer anziehen, erreichte Güz Sancisi bisher rund eine halbe Million Zuschauer. Zwei Drittel davon in den ersten zwei Wochen.

 

 

 

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