Jahrgang 4 Nr. 13 vom 27.03.2009
 

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Türkische Gewerkschafter bei „Praktiker“ unerwünscht?

Claus Stille

Die vergangenen zwei Jahrzehnte waren keine Glanzzeiten für die Gewerkschaften. Die Globalisierung mit all ihren Folgen, die Durchsetzung eines neoliberalen Turbo- und Raubtierkapitalismus in weiten Teilen der Welt zwang, befeuert von dem auf rücksichtslose Bereicherung setzendem Wirtschaftskonzept der US-amerikanischen neocons, auch die Gewerkschaften verstärkt in die Knie.

Ein Rollback, wie er zuvor lange nicht denkbar gewesen war, fegte auf seinem rückwärts gewandtem Weg - dabei mehr und mehr unverblümter vorgehend - soziale Errungenschaften der Arbeitnehmerschaft beiseite. Oder man stumpfte dafür nötige Instrumente zumindest ab, um sie ihrer Wirkung größtenteils zu berauben. Soziale Errungenschaften, Rechte, die teilweise vor mehr als hundert Jahren (für welche die damals dafür Kämpfenden ihr Blut oder gar das Leben hingaben) galten auf einmal nichts mehr.

Möglich war das dem Kapital freilich nur geworden, weil ihm dabei willfährige Politiker (ja: Mittäter) zur Hand gingen, indem ihre Regierungen die gesetzlichen Grundlagen dafür schufen.

Dem Wahlvolk machten man vor (womöglich glaubten einige von ihnen sogar ehrlich daran): Was der Wirtschaft dient, dient auch der Gesellschaft.

Stellvertretend als Mittäter seien hier nur der britische Premier Tony Blair (Labour) und der deutsche Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder (SPD) genannt.

Beide nahmen während ihrer Amtszeit Sozialabbau in Kauf, machten so kräftig Politik fürs Kapital. Das Pikante daran: beide sind Sozialdemokraten (oder glaubten es zu sein)!

Die Gewerkschaften - traditionell fest mit der Sozialdemokratie im Bunde – machten über die Jahre gefährliche Zugeständnisse, kuschten, ließen sich auf Lohnstillstand ein, gaben sich mit mickrigen Erhöhungen zufrieden, ja: nahmen sogar für ihre Mitglieder jahrelang Reallohnverluste beträchtlichen Ausmaßes hin.

Aus diesem bösen Spiele konnten die Gewerkschaften – auch in der BRD – nur geschwächt hervorgehen.

Heute gibt es - früher nahezu undenkbar - Branchen in Deutschland, welche quasi gewerkschaftsfreie Zonen sind.

Wollen sich dennoch Mitarbeiter in diesen Branchen organisieren, wird ihnen das erschwert, bzw. unmöglich gemacht. Schließlich gibt es Arbeitslose en masse, welche den Job nehmen und, da ihnen wegen Hartz-IV-Armut das Wasser eh bis zum Halse steht, auch den Gewerkschaften gegenüber abstinent bleiben würden.

Im Dunstkreis eines derartigen Um-sich-Greifens von Sittenlosigkeit, machten sich Methoden breit, die man früher vielleicht für unmöglich hielt. Allein deswegen, weil sie sich einfach nicht zu gehören schienen.

Da bespitzelt etwa die Deutsche Bahn AG - angeblich, um Korruptionsfälle aufzudecken - durch die Bank alle ihre Mitarbeiter verdachtsunabhängig. Nachdem schon der Lebensmittel-Discounter Lidl in ähnlicher Weise unrühmliche Schlagzeilen gemacht hatte.

In der Schweiz ging der mächtige Nestlé-Konzern via der Firma Securitas sogar so weit, ein Team des globalisierungskritischen Netzwerks von Attac Schweiz zu beschatten bzw. durch eine eingeschleuste „Agentin“ ausspionieren zu lassen!

In diesen Kontext passt auch das Herausmobben von gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern bei den hinlänglich bekannten üblichen Verdächtigen, wie z.B. Mac Donald's und der Drogeriekette Schlecker, aber auch manch anderer Firmen...

Auch den türkischen Gewerkschaften werden seitens der Arbeitgeber nicht selten Steine in den Weg gelegt, um deren notwendige Arbeit zu behindern, oder am liebsten: gleich unmöglich zu machen.

Bedauerlich zu erfahren, dass es nach früheren Problemen bei den Metro-Märkten in der Türkei nun mit der türkischen Niederlassung der Baumarktkette Praktiker wiederum eine Firma mit Stammsitz in Deutschland ist, welche den Gewerkschaften das Leben schwer macht.

Berichtet darüber hat die Mitgliederzeitschrift VER.DI PUBLIK 03 der Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes Deutschlands, ver.di, in ihrer Märzausgabe.

Demnach hat „...die Baumarktkette Praktiker ihre Beschäftigten in der Türkei gezwungen, vor einem Notar zu unterschreiben, dass sie nicht gewerkschaftlich organisiert sind.“ Ein schier unglaublicher Vorgang!

Mehr als 70 Beschäftigte seien wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft sogar entlassen worden.

Der Zeitschrift zufolge betreibt das deutsche Unternehmen Praktiker zehn Märkte in der Türkei,. Dort arbeiten 760 Menschen. Etwa 400 von ihnen sind Mitglied in der Gewerkschaft KOOP-IS.

Abgesehen von diesem dem deutschen Unternehmen zur Schande gereichenden Verhalten ist es umso verwunderlicher, dass es die zuständigen türkischen Regierungstellen offenbar nicht für notwendig halten zu intervenieren.

Immerhin hat im Januar 2009 das türkische Ministerium für Arbeit und Soziales bestätigt, dass die Gewerkschaft KOOP-IS die Rechte der Beschäftigten von Praktiker-Baumärkten wahrnehmen dürfe.

Bis Anfang März, schreibt VER.DI PUBLIK, hätten weder „die für die Türkei zuständigen Geschäftsführer noch die Unternehmensleitung von Praktiker in Deutschland die gewerkschaftsfeindlichen Aktionen beendet“.

Unterdessen wollen die Bundesfachgruppe Einzelhandel und der internationale Gewerkschaftsdachverband UNI-Commerce in dem Fall vermitteln.

Anhand dieses Beispieles wird abermals deutlich, dass sich die Gewerkschaften dringender denn je in internationalen Netzwerken zusammenschließen müssen.

Gerade in Zeiten der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise, welche – ziemlich sicher in nächster Zeit noch für eine Reihe weiterer böser Überraschungen sorgen dürfte – ist dies ein unumgängliche Notwendigkeit.

Und last but not least: Die Gewerkschaften werden ihren Kampf für soziale Gerechtigkeit und vernünftige Entlohnung auch wieder verstärkt auf die Straße tragen müssen. Darüber hinaus wird man nicht umhin kommen, auch diejenigen Menschen in Aktionen mit einzubeziehen, welche aufgrund neoliberalen Wirtschaftens längst die Verlierer der Gesellschaft geworden sind: die Arbeitslosen und sozial Prekarisierten dieser Welt.

In Frankreich ist diesbezüglich kürzlich ein kraftvoller Anfang gemacht worden. Schließlich wird nur erhört, wer sich auch zu Wort meldet. Noch gelten freilich Millionen Menschen weltweit dank eines speziell auf sie zugeschnittenen, immer weiter ausufernden „Tittytainment“-Systems als ruhig gestellt. Das könnte sich ändern.

Was den Fall „Praktiker“ angeht: die Verantwortlichen sollten endlich begreifen, dass die gewerkschaftliche Organisation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchaus auch im Sinne von Unternehmenskultur für die Firma insgesamt von Nutzen sein kann.

Traurig genug, dass sich ein deutsches Unternehmen eine derartige Blöße gibt. Dabei ist man ja ansonsten in Deutschland eigentlich immer recht rasch dabei den Zeigefinger zu erheben, wenn es an der Türkei in Sachen Demokratie und Rechtsstaat etwas zu kritisieren gibt.

Gilt das etwa nicht, wenn man wegen der eignen Nichteinhaltung von demokratischen Standards und Gepflogenheiten, vielleicht einen besseren Profit machen kann, als andersherum?

 

 

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