Jahrgang 4 Nr. 16 vom 10.04.2009
 

Jetzt kostenlos!



 

Türkische Namen sind halt etwas Kreatives

von Mehmet Akyazi

„Sag mal Mehmet, wie alt bist du jetzt eigentlich?“, fragte mich eines Tages mein nationalistischer Vater.

„Ich glaube 16, falls du es bei meiner Geburt nicht falsch eingetragen hast.“

„Doch, müsste schon richtig sein. Im gleichen Jahr hab ich ja deine Mutter geheiratet. Dann wird es ja Zeit für deinen Personalausweis, sonst kommen wir im Urlaub nicht über die serbische Grenze. Die suchen ja förmlich schon nach Gründen, um uns nicht rüber zu lassen. Gib schon mal dem Bezirksamt deine Daten für den Pass, ich muss ja erst später unterschreiben.“

Ohne Widerrede machte ich mich auf dem Weg. Was mit Leuten passiert, die nicht über die serbische Grenze kommen, musste ich leider schon selbst miterleben.

Das Bezirksamt befand sich sogar in der Nähe. Schon immer fand ich es aber merkwürdig, dass nie viele Personen auf einmal im Amt waren. Ständig war es leer und so auch dieses mal, als ich meinen Personalausweis beantragen wollte. Es ist das Gegenteil von einem türkischen Amt. Viele Angestellte saßen allein auf ihren Stühlen und einer von ihnen winkte sogar zu mir herüber, aber ich setzte mich doch lieber auf den nächsten leeren Stuhl, der mir entgegenkam. Eine Frau im Anzug saß vor mir und tippte was auf ihrem Computer. Sie guckte mich zornig an:

„Wir nix verkaufen Asyl!“ 

„Hä?“

„Kann mir mal einer helfen? Dieser Ausländer versteht ja noch nicht mal gebrochen Deutsch.“

„Doch, doch, ich kann gebrochen Deutsch.“

„Dann ist ja gut. Was ist dein Problem?“, fragte sie mich genervt.

„Ich wollte meinen Personalausweis beantragen.“

Ich gab ihr all meine Papiere, dir mir mein Vater mitgegeben hatte. Sie schaute sich alles an, drehte sich dann zu ihrem Computer und tippte einiges ein. Dann begann sie mir Fragen zu stellen:

„Name?“

„Mehmet Akyazi.“

„Nachname?“

„ … auch Akyazi?“

„Junger Mann, du heißt doch nicht ernsthaft Mehmet Akyazi Akyazi?“

„Nein, mir ist ein Fehler unterlaufen. Ich heiße mit Vornamen

Mehmet und mit Nachnamen Akyazi.“

Die Frau schüttelte mit ihrem Kopf.

„Es ist doch immer das gleiche mit euch Jugendlichen.“

Sie fragte weiter:

„Geburtstag?“

„7. Mai 1992.“

„Geburtsort?“

„Duisburg.“

Ohne mich zu fragen oder anzugucken tippte sie weitere Daten ein.

 „Haarfarbe ist schwarz, Augenfarbe ist braun und Größe ist nicht mehr als 1,60m. Immer das gleiche“, redete die Frau beim Tippen flüsternd mit sich selber.

„Jetzt brauche ich die Namen deiner Eltern. Also, wie heißt deine leibliche Mutter?“

„Dilek.“

„Und dein leiblicher Vater?“

„Cihan, aber ob er leiblich ist, weiß ich nicht.“

„Wie?“

„Ja, er meint immer, dass unsere Verwandtschaft unmöglich sei.“

„Ich wollte, dass du seinen Namen wiederholst und nicht eure ganze Lebensgeschichte erzählst.“

„Achso, mein Vater heißt Cihan.“

„Was ist das denn?“

„Also, wortwörtlich übersetzt heißt das Weltall.“

„Was? Wie kann man denn Weltall heißen?“

„Weiß ich auch nicht, ist halt türkisch.“

Leicht verwundert tippte die Frau auch noch dies ein. Nachdem alles fertig war, sollte ich am nächsten Tag  gemeinsam mit meinen Eltern erscheinen, um alles zu unterschrieben.
Am nächsten Tag aber schaute mein Vater entsetzt auf das Dokument.

„Was soll das denn?“, fragte er mit großen Augen.
Ich schaute mir das Dokument an. Der Frau waren wohl beim Schreiben einige Fehler unterlaufen:

Name: Memed
Nachname: Akiasi
Geburtstag: 07.05.1992
Geburtsort: Duisburg
Haarfarbe: Schwarz
Augenfarbe: Braun
Größe: Nicht mehr als 1,60m
Mutter: Dylek Akiasi
Vater: Weltall Akiasi

„Du missratener Sohn, kriegst du überhaupt was auf die Reihe? Ich wusste ja schon immer: Eine Verwandtschaft zwischen uns beiden ist einfach unmöglich!“, meckerte mein Vater.
Zum Glück hab ich der Frau nicht auch noch unsere übrigen Namen übersetzt. Sonst hieße meine Mutter mit Vornamen „Wunsch“ und aus unserem Nachnamen wäre „feine Schrift“ geworden, aber türkische Namen sind halt etwas Kreatives.

Weitere Geschichten von Mehmet Akyazi

 

Archiv

Zurück