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Mörderischer AlkoholClaus Stille Deutsche Stammtische haben wieder mal ein brisantes Thema zu beackern. Die Aufregung ist groß. Gläser klirren. Das Bier darin schäumt ungebremst. Da geht manches drüber. Schwappt über den Rand hinweg. Und zuweilen wogen auch die Meinungen hin und her. Es handelt sich um ein Thema, wo quasi jeder aus eigener Erfahrung ordentlich aus dem Nähkästchen plaudern kann: DAS SAUFEN. Die Medien sorgen dafür, dass die Wogen in Bewegung bleiben. Zweifellos: was geschah ist schrecklich. Drei Lübecker Schüler starben nach dem Genuss von gepanschtem Schnaps an der türkischen Mittelmeerküste. Schon fragen sich Stammtische und Medien (manchmal ja im (Un)Geiste vereint): Kann man als Deutscher nun noch Urlaub in der Türkei machen? Die Mitglieder eines Lübecker Schulzentrums weilten anlässlich einer Klassenfahrt Ende März in der Türkei. Offenbar hatten sich die Jugendlichen trotz eines von ihrem Lehrer ausgesprochenen Alkoholverbots Raki oder Wodka besorgt und in ihrem Hotel im südtürkischen Kemer ein Trinkgelage veranstaltet, bzw. dieses – womöglich bereits unter Alkohol stehend - fortgesetzt. Ein 21-Jähriger starb noch im Hotelzimmer. Zwei seiner Mitschüler fielen ins Koma und wurden in ein nahe gelegenes türkisches Krankenhaus eingeliefert. Später wurden sie per Rettungsflugzeug nach Deutschland verlegt, wo auch sie verstarben. Die Todesursache in allen drei Fällen war eine tödliche Menge Methanol in Blut der jungen Männer. Der Alkohol den sie getrunken hatten muss damit gepanscht gewesen sein. Derartige Fälle sind in der Türkei leider immer wieder vorgekommen. Ein Grund für das Panschen von Alkoholika: Geschäftemacherei. Ein Geschäft mit relativ wenig Aufwand, das noch dazu viel Gewinn verspricht. Die Nachfrage ist nach bezahlbarem Schnaps ist da. Dazu kommt: das Risiko der kriminellen Panscher erwischt zu werden, ist wohl längst noch nicht hoch genug. Die staatlichen Kontrolleure können schließlich nicht überall sein. Kamen bisher durch gepanschten Raki Personen zu Schaden, oder gar zu Tode – was an sich schon schlimm genug ist - so handelte es sich bei ihnen in der Regel nicht um Touristen. Derlei Vorfälle sorgten jedoch höchstens für einen zeitlich begrenzten innertürkischen Aufschrei und lösten allenfalls eine vorübergehende Angst bei den Konsumenten aus. Seit jedoch die islamisch-konservative AKP-Regierung die Alkoholsteuer dermaßen drastisch erhöht hat (und zwar kaum in Sorge um die Gesundheit der Menschen, sondern, wohl um den Regeln des Islam zu entsprechen) – was Alkoholika erheblich verteuert – können offenbar auch seriöse Gastronomen in Versuchung geraten, kriminelle Angebote anzunehmen. Dazu kommen die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, einhergehend mit der Befürchtung, der für die Türkei so wichtige Tourismus könne erheblich einbrechen. Natürlich sind all dies keine Gründe Raki oder Wodka zu panschen. Dafür gibt es keinerlei Rechtfertigung. Das ist hoch kriminell. Und wenn man so will: Mord. Der türkische Hotel- und Tourismusverband ist sensibilisiert und über die Maßen beunruhigt. Aus dortigen Kreisen verlautete, man müsse jetzt gewaltig aufpassen, um nicht den Ast abzusägen, auf dem man sitze. Die türkischen Behörden reagierten rasch. Es gab verstärkte Kontrollen und erste Verhaftungen im Falle der in Kemer vergifteten und zu Tode gekommenen deutschen Jugendlichen. Wenn über diese berichtet wird, in ihrem Hotel in der Türkei ein „Trinkgelage“ veranstaltet zu heben, so stünde dennoch zu befürchten, dass sie auch – gesetzt den Fall – dabei wäre „nur“ sauberer Alkohol geflossen, hätten erheblichen körperlichen Schaden nehmen können. Dafür sprechen erschreckende Tatsachen aus Deutschland selbst. Laut einer Krankenkasse hat dort im Jahr 2008 die Anzahl der wegen Alkoholvergiftungen in Krankenhäusern behandelten Jugendlichen um 10 Prozent zugenommen. Die Techniker-Krankenkasse hat 1765 solcher Krankenhauseinweisungen registriert. Allein die Kinderklinik der Städtischen Kliniken Dortmund musste 2008 sage und schreibe 300 (!) Kinder und Jugendliche wegen des Verdachts auf Alkoholvergiftung behandeln. Nur an einem einzigem Wochenende müssen in Dortmund nach Saufexzessen, wie dem „Koma-Saufen“, oder nach dem übermäßigen Genuss von Alkohol auf so genannten „Flatrate-Partys“ 140 junge Menschen stationär betreut werden. Um sich das vorstellen zu können, muss man nur einmal am Wochenende mit der U-Bahn fahren. Da kommen einen nicht selten Sturzbetrunkene mit Kindergesichtern entgegen getorkelt, die gleich nach Passage der Tür auf dem Bahnsteig wie nasse Säcke zusammensacken. Und da sicher auch liegen blieben, kümmerten sich nicht die weniger „druckbetankten“ Mädchen und Jungen aus ihrer Gruppe um die Schnapsleiche, die noch die halbgeleerte Flasche in der Hand festgekrallt hält. Diese unschönen Bilder künden von einer Gesellschaft mit schwindenden Werten und von einer Elterngeneration, welche ihrem Nachwuchs augenscheinlich nicht mehr beibringen kann, wie mit dem Genussmittel Alkohol umzugehen ist. Vielleicht haben sie es ja auch selbst schon nicht mehr erlernt? Viele Eltern sind aber ihren, ihnen immer weiter entgleitenden Kindern gegenüber, aber auch völlig überfordert und demzufolge hilf- und machtlos. Womöglich waren auch die Jugendlichen aus der deutschen Schülergruppe infiziert von dieser grassierenden, so gefährlich dummen Modewelle des Sich-Besinnungslos-Saufens, weil das eben momentan gerade so „geil“ ist. In der Türkei, haben sie vielleicht gedacht, können wir uns für wenig Geld noch mehr mit „Alk“ „Zuknallen“. Mehr war nicht genug. Noch mehr musste her. So gerieten sie ausgerechnet an den mörderischen Alkohol und verloren ihr Leben... Nun werden Schuldige gesucht. Sie müssen gefunden werden. Werden bestimmt auch gefunden werden. Die türkischen Behörden müssen ihre Hausaufgaben machen, damit die Käufer von Alkoholika, die Gäste gastronomischer Einrichtungen und Hotels sicher sein können. Einfach ist das nicht. Im Augenblick heißt es vor allem aufpassen. Ratgeber haben zwar Tipps parat, wie man „sauberen“ Alkohol erkennen an. Aber wer ist schon in der Lage all das zu überprüfen? Auch staatliche gelbe Flaschenbanderolen können sicherlich gefälscht werden. Es pressiert. Schon wieder (meldete das ZDF am Donnerstag) starben zwei Menschen in der Türkei nach dem Genuss von mutmaßlich gepanschtem Alkohol. Ein Mann in Bornova (Izmir). Ein anderer in Bursa. Ach: Kann man nun eigentlich noch in der Türkei Urlaub machen? Es spricht nichts dagegen. Und die meisten Touristen lassen sich sicher diesbezüglich nun auch nicht gleich ins Bockshorn jagen. Aber zugegeben: Die Raki-Panscher, die Mörder, haben für nicht wenig Verunsicherung gesorgt. Und ihrem Land großen Schaden zugefügt. Sie muss die ganze Härte des Gesetzes treffen. Verunsicherung sollte aber nun auch in Deutschland Platz greifen. Alle, die sich vielleicht im Fall der zu Tode gekommenen deutschen Schüler nun rasch darauf verständigen, diese seien ja allein Opfer des mit Methanol versetzten Schnapses geworden, mögen sachlich richtig liegen. Sie müssen allerdings wissen, dass sie bei dieser Sichtweise einiges geflissentlich ausblenden. Beispielsweise, dass im Staate Deutschland im Umgang mit der legalen Droge Alkohol (Herstellerwerbung, Stellenwert in der Gesellschaft) schon allzu lange etwas schief läuft. Hier nun aber den Jugendlichen ausschließlich Schuld anzulasten, griffe zu kurz, ließe sie allein. Stammtische, Medien (und die Politik) sollte dieses gesellschaftlich wichtige Thema eigentlich ordentlich zum Schäumen bringen. |
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