Jahrgang 4 Nr. 17 vom 17.04.2009
 

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Bescherungen des Monats April

von Perihan Ügeöz

Am Abend des vergangenen Montag fand eine Preisverleihung statt. Für seine langjährigen Verdienste wurde der Theaterschauspieler Genco Erkal geehrt. Eigentlich hatte der 1938 geborene Schauspieler an diesem für ihn bedeutsamen Abend über schöne Künste reden und einen Abstecher in seine Kindheit und Familie machen wollen. Das hatte er für seine Dankesrede geplant. Mit ersichtlicher Betroffenheit erklärt der alte Mann, dass angesichts der Ereignisse des Tages die Inhalte, die er für seine Dankesrede ausgewählt hatte, nichtig geworden sind. Warum? Dazu der Schauspieler selbst: „Wir leben in sehr düsteren Zeiten... Auf einmal greift Politik mit ihrer gesamten Schwere in unser Leben ein... Die Ergenekon-Welle von heute hat alle Pläne umgeschmissen. Meine für heute geplante Rede hat ihren ganzen Sinn verloren. Darüber kann man nicht hinweg sehen. Die Wahrheit ist, diese Leute wollen in diesem Land keine Opposition haben. Sie werden keine Ruhe geben, bis sie uns alle in Pioniere einer bestimmten religiösen Gemeinschaft verwandelt haben...“

Für seine Verdienste erhielt der Schauspieler an diesem Abend auch einen Preis in Höhe von 60 Tausend TL. Er wolle, so der Schauspieler, die Ehre des Preises für sich behalten und das Geld der Bildung spenden. Noch am frühen Morgen des nächsten Tages werde er Frau Professorin Saylan in ihrem Haus besuchen, um ihr den Scheck zu überreicher. Seine Zuversicht, dass Frau Saylan dieses Geld auf beste Weise verwerten werde, sei endlos. Eigentlich war Professorin Saylan ebenfalls eingeladen gewesen, als Gast an der Preisverleihung teilzunehmen. Aber die Ereignisse des Tages hatten die 74 jährige schwer krebskranke Wissenschaftlerin zutiefst zerrüttet. Professorin Türkan Saylan ist neben ihren international preisgekrönten wissenschaftlichen Tätigkeiten die Gründerin des Vereins zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise (CYDD), einer der größten zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes. In aller Frühe des Tages war ein Polizeiteam in die Wohnung der Wissenschaftlerin angerückt und im Namen von Ergenekon eine siebenstündige Hausdurchsuchung veranstaltet. Zur selben Zeit wurden landesweit an über 80 Plätzen Hausdurchsuchungen abgehalten und insgesamt 39 Personen abgeführt.

Am frühen Morgen des vergangenen Montag hat Ergenekon also erneut zugeschlagen. Es ist diese die zwölfte Welle. Dieses Mal hat die Welle überwiegend Aktivisten der Bildungsszene erfasst: namhafte Professoren, ehemalige sowie amtierende Universitätsrektoren. Gemeinsam ist ihnen vor allem, dass sie im vergangenen Jahr die sogenannten republikanischen Kundgebungen unterstützten und sich gegen die Freigabe des Kopftuchs an den Universitäten äußerten.

Diese letzte Welle hat jedoch insbesondere auch den Verein zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise schwer getroffen. Im Rahmen von Hausdurchsuchungen wurden in mehreren Städten des Landes die Filialen des Vereins auf den Kopf gestellt. 14 von 39 nach dem Anti-Terrorgesetz Abgeführten sind Mitarbeiter des Vereins. In Beschlag genommen wurden Bücher, Akten, Computer und vor allem auch die Listen mit den Namen sowie sonstigen persönlichen Angaben aller Stipendiaten sowie der Spendengeber des Vereins. Damit wurde die Arbeit des Vereins praktisch lahmgelegt.

Was könnte dieser Verein mit Ergenekon zu tun haben? Dazu ein Nasreddin Hoca Witz: Eines Abends kommt der Hoca nach Hause und stellt fest, dass er seinen Haustürschlüssel verloren hat. Er beschließt, den Schlüssel sogleich zu suchen und geht zwei Straßen weiter unter eine Laterne. Ein Nachbar, der vorbei geht, fragt, was der Hoca dort tue. Hoca sagt, dass er seinen Schlüssel sucht. Der Nachbar bemerkt: „Aber Hoca dieser Platz ist doch weit von Deinem Haus entfernt.“ „Ja, ja, das stimmt“ sagt der Hoca, „aber hier unter der Laterne ist es am hellsten.“

Insbesondere religiös konservativen Kreisen ist der Verein schon seit längerer Zeit ein Dorn im Auge. Es wurde kritisiert, dass der Verein seine Aktivitäten ausschließlich auf laizistische Bildung von Mädchen konzentriert und Korankurse etwa nicht mit demselben Elan unterstützt. Die Reaktionen aus diesem Lager reichten in letzter Zeit bis zu ernsthaften Drohungen. Wenn man aus dieser Perspektive betrachtet, bemerkt der renommierte Verfassungsrechtler Ibrahim Kaboglu, könne man diesen letzten Ergenekon-Schlag gegen den Verein auch als eine Fortsetzung der Angriffe auslegen, deren Grundstein zuvor gelegt worden ist. Der amtierende Bildungsminister der AKP-Regierung hat in der Zwischenzeit bemerkt, dass die Durchsuchungen und Verhaftungen im Rahmen der letzten Ergenekon-Welle nichts mit den Bildungstätigkeiten des Vereins zutun hätten. Immer wieder wird behauptet, dass die Verhaftungen im Rahmen der Ergenekon-Wellen mit AKP-Interessen nichts gemeinsam hätten, und die AKP keinerlei Einfluss auf den Verlauf der Prozesswellen nähme. Woher weiß der Bildungsminister dann, aus welchem Grund die Vereinsmitglieder tatsächlich abgeführt wurden? Eine CHP-Abgeordnete hat jedenfalls einen Antrag gestellt, damit man dieser Frage im Parlament nachgeht.

Nach drei Tagen Untersuchungshaft sind fast alle Vereinsmitglieder inzwischen wieder auf freiem Fuß. Übrig geblieben sind jede Menge Verwüstung in den durchsuchten Filialen sowie Verbitterung und Groll.

Im Laufe ihrer inzwischen 20 jährigen Existenz hat dieser Verein insgesamt 36.000 Mädchen Stipendium gewährt, damit ihnen ein Schulbesuch ermöglicht wurde. Daneben erhielten weitere 22.000 junge Menschen Stipendium für ein Hochschulstudium. Weitere landesweit vielfältige Tätigkeiten und Aktivitäten des Vereins erstrecken sich darüber hinaus über den Bau von zahlreichen Schulen, Studentenheimen bis hin zu Büchereien, Ausstellungen sowie Seminaren zu Menschenrechten. Eine seiner bekanntesten jüngsten Aktionen ist die seit 2005 geführte Kampagne für ausschließlich Mädchen: „Vater, schick mich zur Schule.“ Allein mit Hilfe dieser Kampagne gelang es dem Verein, Stipendium für den Schulbesuch von mehr als 7000 Tausend jungen Mädchen aus benachteiligten Familien und Landesteilen aufzutreiben und in verschiedenen anatolischen Städten Schulheime einzurichten. Was wäre aus diesen Mädchen geworden, wenn sie von dieser Bildungskampagne nicht erfasst worden wären? Es fällt nicht schwer, sich die Antwort darauf auszumalen. Die meisten von ihnen würden heute wahrscheinlich Zuhause sitzen und auf einen Ehemann warten oder auf den Feldern arbeiten. Einige wären vielleicht allenfalls in eine der nächstbesten Korankurse geschickt worden. Bildung, die über den Horizont von Korankursen geht und deren Zielgruppe insbesondere benachteiligte Bevölkerungsgruppen sind, hat eben keinen leichten Stand. Das jedoch weiß man bereits aus der Geschichte. Das wiederum führt auch zum nächsten Thema...

Zum Andenken an den Beitrag der Türkei zur Reformpädagogik des Jahrhunderts

So unglaublich es sich auch anhören mag, die Türkei hat - ohne jedoch ihn selbst ausreichend zu würdigen – einst einen legendären Beitrag zur Reformpädagogik geleistet. Die Rede ist von den einstigen Dorfinstituten. Der heutige 17. April (1940) ist der Jahrestag der offiziellen Gründung der Dorfinstitute. Anlass genug, ihrer heute noch einmal zu gedenken.

Die Dorfinstitute waren Internate, wo junge Menschen aus den Dörfern als Lehrer ausschließlich für die Dörfer ausgebildet wurden, aber nicht als Lehrer im herkömmlichen Sinne. Sie wurden ausgebildet als eine Art Dorfpioniere, die der ländlichen Bevölkerung der Türkei zu einem menschenwürdigen Leben verhelfen sollten. Diese Aufgabenstellung machte die Dorfinstitute zu ihrer Zeit gleichsam zu einem Versuch, mit den Ressourcen der benachteiligten ländlichen Bevölkerungsteile die Entwicklung der Türkei zu ermöglichen. Entwicklung hieß hier nicht einfach „technische Entwicklung“, sondern die Reformation sozialer Strukturen mit Hilfe der Pädagogik.

Als Leitziel wurde den Dorfinstituten die Aufgabe mit auf den Weg gegeben, die sozialen Strukturen der benachteiligten ländlichen Türkei zu verändern, indem die Fähigkeit des Menschen zur Selbsthilfe erweckt und gefördert werden sollte. Zusammen mit der Parole „Vom Dorf für das Dorf“ wurde in der Gestalt der Dorfinstitute die Schule erstmals in den Dienst der ländlichen Bevölkerung gestellt.

Eine pädagogische Innovation zeichnet sich sicherlich vor allem dadurch aus, dass sie sich auf ihre Umweltbedingungen anpasst, zugleich jedoch auf ihre Veränderung zielt. Genau darin bestand der Erfolg der Institute. Trotz der Kürze ihrer Existenz ist es diesen Bildungsstätten gelungen, die ökonomisch gesellschaftlichen Probleme der Dörfer und Bauern als Teil der Bildungsaufgabe zu verstehen und ihren Schülern jene Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, die den Bedürfnissen der Dörfer entsprachen mit der Aufgabe, die bestehenden ärmlichen Verhältnisse zu überwinden. Indem gleichzeitig Prinzipien wie Kreativität sowie Lernen durch Handeln und Erfahrung als selbstverständliche Bestandteile des schulischen Alltags in das herrschende Pädagogikverständnisses integriert wurden, ist es den Instituten auch gelungen, die Gleichwertigkeit von manuellen und geistigen Tätigkeiten zu demonstrieren.

Die Geschichte der Dorfinstitute ist zugleich ein Teil der Geschichte der Türkei. Sie entstanden im Fahrwasser der dynamischen Aufbruchsstimmung der 30er Jahre. Bis 1945 konnten sie sich landesweit weiter entwickeln und ausbauen. Ab 1945 trat jedoch parallel zur Einführung des Mehrparteiensystems auch die Phase ihrer gezielten Demontage. 1954 wurden sie schließlich per Gesetz endgültig abgeschafft, ebenfalls im Fahrwasser der damaligen politischen und sozialen Kräfteverhältnisse.

Es ist einst seitens des türkischen Staates manches unternommen worden, um die Existenz der Dorfinstitute dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Erst ab den 1990er Jahre war es in der Türkei wieder möglich, mehr Bücher und Artikel über sie zu finden, als es zuvor möglich war. Viele Absolventen der Institute waren Verfolgungen ausgesetzt, wurden getötet oder mussten ins Ausland flüchten.

Trotz der Kürze ihrer Existenz ist es eines der hervorragenden Verdienste der Dorfinstitute, dass sie zeigen konnten, dass zumindest für eine bestimmte Zeit Veränderung tatsächlich möglich ist und dass es auch möglich ist, soziale und kulturelle Barrieren zu überschreiten. Die Einbeziehung von Mädchen ist nur ein Exempel dafür. Die Dorfinstitute konnten jedoch noch etwas veranschaulichen: Es kann einer Schule sehr wohl gelingen, ihre Schüler zu Selbständigkeit und Kreativität zu führen, wenn es ihr gelingt, von einem pädagogischen Verständnis auszugehen, in dem die Verflechtung von Wissen mit Handeln und Lernen mit Können den Ausgangspunkt bilden und in dem die Kommunikations- und Weisungsstrukturen zugunsten gegenseitiger Achtung von Schüler und Lehrern Alltagspraxis werden. Oberflächlich betrachtet, mögen diese Dinge als „bloße“ psychologische Probleme erscheinen, bei genauerer Betrachtung erweisen sie sich doch als Probleme der Entwicklung von demokratischen Verhältnissen überhaupt.

Heute am 17. April sind die Dorfinstitute nur noch ein Andenken an längst vergangene Zeiten. Ob die Türkei heute anders stünde, wenn die Dorfinstitute nicht abgeschafft worden wären? Darüber zu rätseln, ist sicherlich müßig. Der Kontrast des Lebens und Arbeitens in den Dorfinstituten zur Schule vor ihrer Einführung und nach ihrer Abschaffung springt jedenfalls auffällig ins Auge. Und angesichts der gegenwärtigen und in Aussicht stehenden Bildungslage ist die Türkei weit davon entfernt, auch nur annähernd etwas mit den Instituten vergleichbares auf die Beine zu stellen.

 

 

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