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Istanbul Post |
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Rezension: Annette Großbongardt: Istanbul Blues. Die Türkei zwischen Tradition und Moderne, Berlin 2008.von Markus Beek Die Journalistin Annette Großbongardt berichtete mehrere Jahre als Korrespondentin des Spiegels aus Jerusalem und anschließend aus Istanbul. Ihr Buch ist eine Reportage über die Stadt Istanbul und seine Bewohner. Aus den gesammelten Erfahrungen in Istanbul folgert sie allgemeine Entwicklungen für die Türkei. Die Autorin durchstreift die Stadt, trifft und unterhält sich mit Istanbulern und erklärt die Probleme und Chancen der Türkei, die sich in Istanbul kumuliert finden lassen. Dies liest sich alles sehr flüssig und interessant. Großbongardt ist, wie sie selbst eingesteht, auch ein Teil der türkischen Metropole geworden und sympathisiert mit ihr und den Menschen, die in ihr leben. Allerdings hinterfragt sie an wichtigen Punkten die gesellschaftlichen Zustände der Türkei und die Ansichten ihrer Interviewpartner, und hält kritisch Distanz zu einigen politischen und religiösen Fragen, ohne aber den westlichen Zeigefinger zu erheben. Sie ist Beobachterin und möchte trotz ihrer Teilhabe am Leben der Istanbuler ihre Distanz bewahren, was ihr auch gelingt. Schwerpunkte ihres Buches behandeln den Islam und die Politik in der Türkei. Für die Autorin ist die Türkei ein Land, das in sich zerrissen scheint und nach einem Weg in die Zukunft ringt. Auf der Suche nach der Zukunft des Landes möchte sich die türkische Gesellschaft beides bewahren: Tradition und Moderne. In den Auseinandersetzungen über das Kopftuch und die Regierungspartei der AKP zeigen sich für die Autorin entscheidende Konflikte, die darauf hinweisen, dass die Türkei ihren inneren Frieden noch nicht gefunden hat. Entscheidet für die Zukunftsgestaltung der Türkei ist für Großbongardt, dass jetzt und in der nahen Zukunft richtige Entscheidungen getroffen werden, und dies heißt: Fortsetzung des begonnen Weges zu mehr Demokratie, Freiheit, fortschrittlichen Denken, mehr Bildung, Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und Aufhebung der Benachteiligung der Frauen. Entscheidend für die Autorin ist deshalb auch nicht die Frage, ob die Türkei reif für einen Beitritt zur EU ist, sondern die Bewältigung eines Selbstfindungsprozesses, den das Land im Moment durchläuft - diese Aufgabe fordert alle Kräfte der jungen türkischen Nation. Dass der Weg der Türkei nach Westen münden wird, ist für die Autorin dabei durch die Geschichte des Landes vorgezeichnet. Allerdings wird die Türkei für Großbongardt ein Land bleiben, welches sich von Westeuropa unterscheiden wird, und anders sein wird, als es sich die Mitteleuropäer vielleicht wünschen würden. Trotzdem kann die Türkei einen Platz in der EU finden, wenn sie ihre Identitätskrise erfolgreich überwindet. Dabei ist eine Versöhnung zwischen den säkularen und religiösen Gruppen die größte Herausforderung für die Türken. Inwiefern die europäischen Staaten dabei unterstützend wirken könnten bleibt offen, und wird von Großbongardt nicht näher verfolgt. Das Reportage-Buch von Großbongardt ist ein nachdenklicher Streifzug durch die heimliche Hauptstadt der Türkei; sie zeichnet ein facettenreiches Bild der Probleme und Chancen der heutigen türkischen Gesellschaft, wobei Antworten über die Zukunft des Landes bewusst offen gelassen werden. Und so endet der kurzweilige Gang durch Politik, Geschichte und Gesellschaft nach 215 Seiten – entschieden ist noch nichts für die Türkei, aber sie hat alle Möglichkeiten ihre Zukunft selbst zu gestalten. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass der Istanbul Blues noch in einen Istanbul Swing umgeschrieben werden kann. |
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