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Bestes Drehbuch: „Chiko“ von Özgür YildirimClaus Stille Die Schere zwischen arm und reich hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren auch in Deutschland beängstigend weit geöffnet. Wer wollte das bestreiten? Eine zunehmend neoliberal orientierte, sich fast ausschließlich von den Interessen des Kapitals hat treiben lassende Politik, führte samt der damit einhergehenden Globalisierung zu einer gigantischen Umverteilung von unten nach oben. Angesichts dieser sich schon in den 1990er Jahren abzeichnenden Tendenz zu mehr sozialer Ungleichheit warnten Kritiker mit Blick auf die USA vor „Amerikanischen Verhältnissen“, in Deutschland. Sie ernteten höhnisches Gelächter. Inzwischen ist just dies Gelächter jäh verstummt und einem allgemeinen Katzenjammer gewichen. Schließlich führte genau diese Politik, die Gier in Kreisen der Wirtschaft und der Banken schnurstracks die Weltwirtschaftskrise. Nun rufen selbst diejenigen, welche immer dafür gewesen waren, den Staat möglichst klein zu halten, nach Hilfen vom Staat... Zwar können wir auch heute die sozialen Brennpunkte deutscher Städte und die dort inzwischen herrschende Zustände (noch!) nicht mit denen US-amerikanischer Problemvorstädte oder Slums gleichsetzen. Auch Hamburg-Horn mag kein deutsches Harlem sein. Dennoch kommen wir längst nicht mehr umhin, dort und anderswo bedenkliche Entwicklungen zu konstatieren. Schon ist in den Medien immer öfters von „Unterschichten“ die Rede. Gemeint sind die an den Rand der Gesellschaft Gedrängten: die Verlierer des Turbokapitalismus. Verlierer gab es sicher schon immer. Und mit denen wollten die Siegreichen in der Gesellschaft möglichst nichts zu tun haben. Erinnern wir uns eines von seinem Ursprung her schon länger zurückliegenden Liedes: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ von Franz-Josef Degenhardt. Heute freilich gerät man auf Grund eines durchlässiger gewordenen sozialen Netzes viel schneller auf die Kippe. Dazu sorgt noch immer ein nachgewiesen ungerechtes Schulsystem aufgrund des frühzeitiges Aussortieren der Kinder: in die, die es einmal zu etwas bringen können, und diejenigen, denen man nichts zutraut, sie aber dafür mit einem lebenslangen Stigma stempelt. Fatih Akin („Gegen die Wand“), der Schauspieler, Filmregisseur und Produzent ging im Februar 2008 auf einer Pressekonferenz, welche sich an die Filmvorführung des von ihm gemeinsam mit Klaus Maeck und Andreas Thiel von dessen Firma corazón international produzierten Film „Chiko“ anschloss, sogar noch ein Stück weiter: „Das fängt schon im Kindergarten an, wenn die Kinder aufgeteilt werden in die Armen und die Besseren, deren Eltern Kohle haben.“ Der junge deutsch-türkische Regisseur Özgür Yildirim (geboren 1979 in Hamburg), obgleich selbst in behüteten Verhältnissen als Kind einer Gastarbeiterfamilie aufgewachsen, hat früh mitbekommen, wie es in Problemvierteln zugeht. In seinem Filmerstling „Chiko“ zeigt er uns jemanden der von dort weg und 'rauf auf die Siegestrasse will. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste: „Wenn du der Beste sein willst, musst du Respekt kriegen. Wenn du Respekt kriegen willst, dann darfst du keinem anderen Respekt zeigen!“ Gelungen ist Yildirim mit „Chiko“ ein knallharter, rasanter Gangsterfilm, bei dem einem zuweilen die Luft wegbleibt. Chiko (Denis Moschitto) kann nur über Big Boss Brownie (Moritz Bleibtreu) nach oben kommen, weshalb er sich mit seinem besten Freund Tibet (Volkan Özcan) bei Brownie bemerkbar macht. Big Boss hält etwas von Chikos Mut und dessen Schlagfertigkeit und gibt ihm eine Chance. Tibet jedoch hintergeht Brownie bald. Der will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Die Loyalität der beiden Freunde, Chiko und Tibet, zueinander steht auf dem Spiel. Andererseits aber will Chiko unbedingt nach oben. Er ist angetrieben von seinem Streben nach Anerkennung, Respekt und Macht. Er will und kann nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Bald jedoch stößt er an seine Grenzen... „Chiko“ ist ein Genrefilm par exellence, der im Gangstermilieu spielt, wo die Luft zuweilen halt schon einmal bleihaltig werden kann und reichlich Blut fließt. Nichts für Zartbesaitete. Es geht ordentlich zur Sache: Brutale Gewalt, Sex, Drogen und Hip Hop bestimmen den Streifen. Und kernige Typen. Dennoch handelt es keineswegs um ein Sozialdrama. Sondern eben um einen Gangsterfilm. Gibt es Sieger am Ende? Fakt ist: gegen Filmende hat ein jeder bezahlen müssen, der sich Gewalt verübte. Eine durch den Film transportierte Botschaft, die etwa die „taz“ als „leicht moralinsauer daherkommend“ bezeichnete. Özgür Yildirim hingegen hat anscheinend nur seine eigne Überzeugung in seinem Filmregiedebüt Ausdruck verliehen: „Ich glaube daran, dass jeder im Leben das zurück bekommt, was er macht. Im Guten und im Schlechten. Ganz einfach.“ Demnach kann es wohl eigentlich nur folgerichtig sein, dass Özgür Yildirim für „Chiko“ im Rahmen der Verleihung des diesjährigen Deutschen Filmpreises „Lola“ am 24. April für das Beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Als der Film herauskam, hatte es zuvor gerade einen brutalen Überfall von „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ (einer der Täter war ein Türke) auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn gegeben. Deshalb schien er wie die Faust aufs Auge zu passen. Immerhin führt uns „Chiko“ kriminell gewordene Jugendliche aus türkischen Familien vor Augen. Faktisch schien „Chiko“ damit Populisten wie Roland Koch (CDU), die derlei Vorfälle gern im Wahlkampf für ihre Zwecke missbrauchen, in die Hände zu spielen. Doch so etwas verfängt nur bei Schwarz-Weiß-Denkenden. Wie Kriminalität sich nicht einfach an Nationalitäten festmachen lässt. Unterdessen mitten in der weltweiten Wirtschaftskrise kann man den Film beinahe mit etwas anderen Augen sehen. Kann Chikos im Film dargestellter Aufstieg vom kleinen Drogendealer zum neureichem Kokshändler mit der Rolex am Arm, weißem Mercedes mit goldenen Radkappen und einer Luxuswohnung mit allem Schnick und Schnack nun nicht geradezu als eine Art Allegorie verstanden werden? Zum mit nahezu unersättlicher Gier agierendem Raubtierkapitalismus. Kannten dessen Protagonisten gleich Chiko nicht ebenfalls nur das: immer mehr? In beiden Fällen ist erhebliche kriminelle Energie. Was nicht gut gehen konnte... Selbst Medien propagierten: Auch du kannst es schaffen! Wozu sonst wird dem schnöden Mammon ständig in den Boulevardmedien gehuldigt? Dabei bilden sie doch nur den Ist-Zustand des Teils unserer Gesellschaft ab, die ohne Sinn und Verstand wichtige Werte fahren ließ und dafür jeder Moral Hohn sprechend die Grenzen der Verhältnismäßigkeit längst hinter sich gelassen hat. Fatih Akin fand auf der damaligen Pressekonferenz folgende Worte dafür: Er sprach von einer Gesellschaft, die „Prosecco neuerdings aus goldenen Dosen trinkt und Menschen abfeiert, nur weil sie als reiche Erben geboren werden.“ Akin mag dabei auf die Hotelerbin und „Skandalnudel“ Paris Hilton abgehoben haben. Dennoch stimmt das Bild auch darüber hinaus: gewissermaßen als Metapher. Natürlich kann all dies kein Grund für den einzelnen, namentlich den Loser, sein, kriminell zu werden. Özgür Yildirims „Chiko“ sagt dies ja auch gar nicht. Was kann er denn dafür, wenn einem da Assoziationen kommen? Mit „Chiko“ haben wir, von CRITIC.de durchaus zutreffend erkannt, „Eine Sorte Film“ bekommen, die „hierzulande praktisch nie gemacht wird“. Und wurden über „Chiko“ ,so möchte man ergänzen, auf einen jungen Nachwuchsfilmregisseur aufmerksam, von dem sicherlich künftig noch einiges zu erwarten sein wird. |
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