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Jahrgang 4 Nr. 21 vom 22.05.2009
 

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Rezension:

Rainer Hermann, Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei, München 2008.

von Markus Beek

Haben die Islamisten in der Türkei demokratische Prinzipien verinnerlicht? So könnte die Fragestellung des Buchs von Rainer Hermann lauten, der eine umfassende politische Überblicksdarstellung der Türkei zu Beginn des 21. Jahrhunderts vorlegte. Hermann arbeitet und lebt als Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in Istanbul. Er ist ausgebildeter Islam- und Wirtschaftswissenschaftler, der über eine jahrelange Erfahrung als Berichtserstattung aus Ländern des Nahen Osten verfügt. Sein Buch befasst sich vor allem mit politischen Themen und der regierenden Partei in der Türkei – der AK Partei. Die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft zwischen säkularen Nationalisten und Islamisten ist das Hauptthema der 315 Seiten starken Darstellung. Den Kulturkampf beschreibt Hermann als Auseinandersetzung zwischen einer neuen und einer alten Elite, die auch als Machtkampf zwischen den städtischen Zentren und der anatolischen Peripherie beschrieben werden kann. Der Autor räumt der AKP ein, dass sich die Partei in kurzer Zeit – also seit des Wahlsieges im Jahr 2002 – zu einer Volkspartei entwickelt hat, die demokratische Regeln akzeptiert und in ihr Parteiprogramm übernommen hat. Hermann stützt sich in seinem Urteil auf türkische Wissenschaftler, die die AKP untersucht haben. Leider vernachlässigt er dabei andere Wissenschaftler oder kritische Meinungen, die der AKP skeptisch gegenüberstehen. So bleibt das Urteil zur AKP und ihren politischen Leistungen ein wenig zu einseitig. Interessant wäre zum Beispiel die Auseinandersetzung mit der Meinung des Historikers Hans-Ulrich Wehler, der eine fatale Islamisierung der Türkei seit den 1990er Jahren festzustellen glaubt und auch aus diesem Grund den Beitritt der Türkei zur EU ablehnt. Hermann hingegen plädiert für einen Beitritt der Türkei, um etwa der gewaltbereiten PKK und dem Militär Möglichkeiten zu entziehen, im politischen Tagesgeschäft mitzuwirken. Weiterhin meint Hermann, dass sich der politische Islam in der Türkei in einen kulturellen Islam verwandelt hat, dass also der islamische Glaube in der Türkei seinen Platz im Privatleben der Menschen gefunden hat. Der moderne Islam bildet somit ein Wertgerüst innerhalb der modernen türkischen Gesellschaft, die mit demokratischen Idealen und Prinzipien vereinbar ist.
Aber diese Einschätzung betrachtet die alte säkulare Elite der Türkei skeptisch bis ablehnend. Die Angst vor einer (Re-)Islamisierung des Landes ist bei den alten Eliten nicht nur spürbar, sondern bestimmt ihr Denken und schürt Ängste, die nicht allein durch die Angst vor einem Machtverlust erklärbar ist. Verstärkend wirkt im Kulturkampf der beiden Gruppen, dass sich die Grenzziehung zu anderen Gruppen im türkischen Verhalten auch durch Wertvorstellungen erklären lässt, die es noch schwerer machen, dass es zu einer Aussöhnung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen kommt.
Ob die AKP wirklich die Kraft und die Glaubwürdigkeit einer konservativ-demokratischen Volkspartei gewinnen und behalten kann, muss die Zukunft erst noch beweisen. Noch ist die Partei zu jung, um ein Urteil über ihre Leistungsfähigkeit abgeben zu können. Wie wird die Regierungspartei in der nun schweren Wirtschaftskrise agieren und kann sie den Streit zwischen alten und neuen Eliten wirklich schlichten, zum Wohl der ganzen Nation? Oder kann es doch noch einmal den alten Eliten und mit ihr der CHP gelingen, ihre Machtposition zurück zu gewinnen, auch weil sie von der AKP lernt, die Ansprüche eines Großteils der Gesellschaft, die sie in der Vergangenheit unberücksichtigt ließ, endlich ernst zu nehmen? Die Frage, wohin die türkische Gesellschaft geht, bleibt noch unbeantwortet.
Hermanns Buch widmet sich neben politischen auch kulturellen Fragen der Türkei, den deutsch-türkischen Verbindungen in Politik, Kultur und Wirtschaft, den verschiedenen Glaubensgemeinschaften in der Türkei und dem Problem der Gewalt innerhalb der türkischen Gesellschaft. Schwächen des Buches liegen in der unausgereiften Gliederung und Wiederholungen. Anzumerken bleibt zudem, dass der Vergleich zwischen Bismarcks Reichsgründung und der Gründung der türkischen Republik oberflächlich ist. Beide Nationen entstanden aus völlig verschiedenen Gesellschaftsformen und so sind eher die Unterschiede zwischen den beiden Nationsgründungen herauszustellen als vermeintliche Gemeinsamkeiten, die konstruiert wirken. Das Buch ist den Lesern zu empfehlen, die sich vor allem über die politische Konstellation der Türkei zu Anfang des 21. Jahrhunderts informieren möchten. Dafür stellt das Buch zahlreiche Fakten und Daten zur Verfügung und besitzt ein ausführliches Literaturverzeichnis, um sich noch eingehender mit dem Thema Türkei zu beschäftigen.

 

 

 

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