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Istanbul Post |
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Das zum Verständnis von Dialog und Toleranz des AKP-Lagersvon Perihan Ügeöz Türkan Saylan, die Gründerin und Vorsitzende des Vereins zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise (CYDD) ist tot. Die traurige Meldung ihres Ablebens kam in den frühen Morgenstunden des vergangenen Montag. Die schwerkranke 74-Jährige erlag ihrem Krebsleiden. Am darauf folgenden, für die türkische Republik geschichtsträchtigen 19. Mai fand ihre Beerdigung in Istanbul statt. Die Zeremonien ihrer Beisetzung verwandelten sich in eine riesige Kundgebung von Massen; Tausende und abertausende von Menschen waren sogar aus verschiedensten Landesteilen herbei geeilt, um Abschied von einer Person zu nehmen, die bereits zu Lebzeiten vielleicht eine der noch wenigen Prototypen eines republikanischen Ideals war. Als Frau sowie international renommierte Wissenschaftlerin war sie selbstbewusst, hartnäckig, aber auch unerbittlich engagiert für die Errungenschaften einer modernen Türkei und verkörperte damit ein Rollenmodell, das für viele als nachahmenswert galt, jedoch insgeheim wohl wissend, dass dies so einfach nicht mehr geht, weil die Türkei längst in andere Fahrwasser geraten ist. Der Tod von Türkan Saylan ist auch ein Abschiednehmen von einem Menschenmodell, für dessen Hervorbringung die gesellschaftliche Substanz sowie der soziale Nährboden im scheinheilig religiös-konservativen Mief der Gegenwart für die nächsten Generationen ein für allemal dahinzugleiten drohen. In zivilgesellschaftlich engagierten Kreisen stets bekannt, wurde der Name von Türkan Saylan noch einmal landesweit öffentlich, als die 12. Ergenekon-Welle im April diesen Jahres auch sie und ihren Verein erfasste. Zwar wurde Saylan nicht wie einige ihrer Mitstreiter nach dem Anti-Terrorgesetz abgeführt, aber zusammen mit vielen Filialen und Räumen ihres Vereins wurde auch ihr Haus mehrere Stunden lang durchsucht und auf den Kopf gestellt. Etwas anders als einige andere mit Ergenekon in Verbindung gebrachten Personen, die danach aus sehr verständlichen Gründen plötzlich wortkarg wurden und es vorzogen, im Hintergrund zu bleiben, verfiel Saylan nach dem rücksichtslosen Zugriff dieses Ergenekon-Schlags nicht in Schweigen. Sie kündigte im Gegenteil an, dass sie und ihr Verein sich energischer denn je für eine moderne Türkei einsetzen werden. Gleichzeitig gelang es ihr, alle an sie insbesondere aus dem AKPnahen Lager gerichteten niveaulosen Beschuldigungen überzeugend abzuwehren. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass diese ihr in den letzten Wochen ihres Lebens zugefügten Strapazen ihre ohnehin schweren Krebsleiden zusätzlich verschlimmert haben. Was der Türkan Saylan in den letzten Wochen ihres Lebens widerfahren ist, ist eines Landes unwürdig, dessen Ministerpräsident als Initiator des Gipfels „Dialog von Kulturen“ noch vor wenigen Wochen in Istanbul vor den Kameras prahlend der Weltöffentlichkeit eine Lobrede über Toleranz und dergleichen abhielt. Als der Ergenekon-Schlag nicht ausreichte, um die 74-Jährige zu Fall zu bringen, begann eine Schmutzkampagne in der Regie der AKPnahen und insbesondere der Fethullah Gülen-Gemeinde treu ergebenen Medien und Blätter. Neben PKK-Freundlichkeit, wurde Türkan Saylan vorgeworfen, die durch den Verein geförderten Kinder von ihrem kulturellen und religiösen Herkunftsmilieu gewaltsam zu entfremden. Und als auch das nicht ausreichte, unterstellte man ihr kryptochristliche Missionierungsabsichten. Schließlich schien man dafür auch den Beweis erbracht zu haben, war doch die Mutter von Saylan eine Schweizerin und schlimmer noch angeblich eine Christin obendrein. In einem anderen Land mit einer gesunden Demokratie würden solche Vorwürfe vielleicht allenfalls ein amüsiertes Schmunzeln hervorbringen Aber in der Türkei mit ihrer von Mündigkeit noch weit entfernten Demokratie sieht es anders aus. Der Unterschied ist im Türkischen sogar sprichwörtlich: „Bewirf mit Schlamm und lass die Dreckspur zurückbleiben.“ Türkan Saylan, die im Laufe ihres Lebens fast alle Ecken des Landes aufgesucht hatte, wusste offenbar zu gut, dass ein Rufschaden im türkischen Kontext einen Menschen vernichtend zu Fall bringen kann und welchen Schaden darum gerade die letzten Unterstellungen der Bildungstätigkeit ihres Vereins zufügen würden. So verbrachte die schwerkrebskranke alte Frau ihre letzten Tage mit der entwürdigenden Aufgabe, vor den Kameras den urkundlichen Beweis dafür zu erbringen, dass ihre Mutter nach ihrer Heirat mit dem Vater dem Islam übergetreten war und als Muslimin beerdigt wurde. Vertane Chance Manchmal kann der Tod eines Menschen bei den Verbliebenen über allen Groll und Hass hinweg vereinigende und versöhnende Kräfte mobilisieren. So hätte die Beerdigung von Türkan Saylan eine Chance sein können, etwas zur Versöhnung zwischen den gesellschaftlichen Lagern beizutragen, die in zwei beinahe unversöhnliche Pole gespalten sind. Doch ausgerechnet jene Kreise, die sich gestern noch darüber beklagten, dass man sie mitsamt der Art und Weise ihrer Existenz innerhalb der türkischen Gesellschaft übersehe, verwandelten sich heute in diejenigen Akteure, die den anderen Teil der Gesellschaft keines Blickes mehr würdigen. Obwohl Tausende von Menschen an der Beerdigung teilnahmen und Vertreter zahlreicher Organisationen und Parteien zugegen waren oder Botschaften der Anteilnahme und Anerkennung der Verdienste von Saylan schickten, war aus dem AKP Regierungslager weder eine einzige Seele vertreten noch ein einziges Wort der Kondolenz zu hören. Auch Personen und Einrichtungen, die der AKP devot nahe- und unterstehen, zogen es vor, den Tod sowie die Beerdigung von Saylan zu ignorieren. Wohl gab es einige regierungsnahe Blätter, die von der Beerdigung berichteten, jedoch gleichzeitig mit dem eifrigen Bemühen, die Teilnehmer allesamt als ungläubige Atheisten abzustempeln, weil einige während der Ansprache des Imams Slogans für den Erhalt des Laizismus ausgerufen hatten. Dass die Regierung sich bei Beerdigungsanlässen von Persönlichkeiten, deren Namen mit wie auch immer gearteten Verdiensten an der Gesellschaft verbunden sind, so rar macht wie im Falle von Türkan Saylan, ist keinesfalls üblich. Als zum Beispiel vor kurzem der Vorsitzende der islamistisch-nationalistischen BBP, Muhsin Yazicioglu, nach einem Hubschrauberunglück starb, war die AKP-Regierung mitsamt dem Staatspräsidenten Gül zahlreich zur Stelle und organisierte mit Leibeskräften ein spektakuläres Staatsbegräbnis. Und um den Verstorbenen an einem besonderen Platz beerdigen zu können, wurde sogar partout ein Kabinettsbeschluss verabschiedet. An zahlreichen Verdiensten, die Türkan Saylan der türkischen Gesellschaft hinterlassen hat, mangelt es bestimmt nicht. Selbst wenn man ihren grandiosen Beitrag an der Förderung von Bildung insbesondere von Unterschichtkindern und Mädchen sowie ihre Tätigkeit als Vorsitzende des Vereins zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise (CYDD) übersieht, was schon mühsam genug ist, war sie daneben eine mehrfach international preisgekrönte Wissenschaftlerin des Landes. Ihr gebührt auch der wohlverdiente Ruf, eine der wenigen international anerkannten Pioniere der Leprabehandlung zu sein. Wenn die Leprakrankheit aufgehört hat, eines der erstrangigen Probleme der Türkei zu sein, dann ist dies nicht zuletzt eines der Verdienste der Wissenschaftlerin und Ärztin Saylan. Dafür bekam sie einst den weltweit angesehenen Gandhi-Preis. Doch bei allen ehrenhaften Verdiensten, der Professorin Saylan haftete aus der Warte der islamistisch-konservativen Kreise auch ein schwerwiegendes “Makel” an. Sie war, wie der ehemalige Ministerpräsident Mesut Yilmaz anlässlich seiner Teilnahme an der Beerdigung besonders passend formulierte, vor allem auch eine “Wächterin der türkischen Republik”, derer man, wie Yilmaz hinzufügte, als solche in den Reihen der symbolträchtigen Namen stets gedenken werde. So hat die Beerdigung von Türkan Saylan zwar tausende von Menschen aus verschiedensten Teilen des Landes zusammengeführt, sie hat aber gerade auch durch die demonstrativ abfällige Ignoranzhaltung des Regierungslagers noch einmal vor Augen geführt, wie tief greifend die Spaltung innerhalb der Gesellschaft tatsächlich ist und wie verwegen die Erwartung, dass aus den Reihen der AKP und der ihrigen ein ernsthafter Schritt kommen werde, damit diese Spaltung und die mit ihr gekoppelte Polarisierung der gesellschaftlichen Bevölkerungsteile in absehbarer Zeit überwunden wird. |
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