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Jahrgang 4 Nr. 22 vom 29.05.2009
 

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Das Glas halb voll?

Migrantenkonferenz in Ankara „50 Jahre Auswanderung – eine Bilanz“

Claus Stille

Viel ist in den vergangenen Jahren über Probleme bei der Integration von Migranten in Deutschland geredet worden. Dass im Zuge dieser auch über die Medien geführten Diskussionen reichlich Defizite aufgetaucht sind, konnte eigentlich niemand verwundern: wurde doch Jahrzehnte im Wesentlichen alles laufen gelassen wie es lief. Und manches lief halt schlecht. Aber das Interesse daran etwas zu ändern fehlte oft. Manchmal auf beiden Seiten. Sowohl bei den Einwanderern als bei der Aufnahmegesesellschaft. Was einerseits daran lag, dass sich Deutschland lange vormachte, kein Einwanderungsland zu sein. Andererseits glaubte zumindest die Gastarbeitergeneration zunächst, irgendwann wieder ins Heimatland zurückkehren. Und für die große Mehrheit der Deutschen dürfte das Thema Integration von Einwanderern in ihrem Leben nie so richtig eine Rolle gespielt haben.

Bei aller gelegentlich aufwallender Kritik, welche das vermeintliche Fehlschlagen von Integration etwa von türkischen Einwanderern in Deutschland öffentlich beklagt: Womöglich ist alles gar nicht so desaströs , wie manch einer es uns gern weismachen will? Ist nicht vielmehr längst das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, und es hat nur niemand bemerkt?

So zumindest könnten wir Ali Aslans Aussage so deuten. Der Mitarbeiter im deutschen Bundesinnenministerium, der darüber hinaus an der Organisation der Islamkonferenz in der BRD beteiligt war, sagte der „taz“ letzte Woche anlässlich Migrationskonferenz in Ankara, wo es um das Thema „50 Jahre Auswanderung – eine Bilanz“ ging: „Ich halte die Integration der türkischen Einwanderer in Deutschland in der breiten Masse für gelungen. Sicher gibt es noch Probleme, aber indem man nur auf die Probleme schaut, übersieht man den eigentlichen Erfolg.“

Aslan beschreibt den Ist-Zustand von Integration türkischer Migranten womöglich durchaus zutreffend. Überhaupt scheinen Vertreter der jüngeren Generation bei genauerer Betrachtung der Situation eher zu positiven Bewertungen zu neigen.

Ali Aslan hält offenbar auch nichts von Schuldzuweisungen in Richtung deutsche Aufnahmegesellschaft: „Es bringt nichts, immer nur auf den Deutschen herumzuhacken.“

Dennoch ertönte Kritik auf der von Hacettepe-Universität und dem Staatsministerium für Türken im Ausland organisierten Großkonferenz letzten Freitag und Sonnabend in Ankara. Klagen wurden u.a. über die hohe Arbeitslosigkeit unter den Einwanderern in Europa und die vergleichsweise alarmierend hohe Zahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne Ausbildung geführt, sowie generell: die Diskriminierung von Türken bzw. türkischstämmigen deutschen Staatsbürgern auf die Tagesordnung gebracht.

Bei bloßer Kritik sollte es aber nicht bleiben. In erster Linie waren es die weiblichen Teilnehmer der Konferenz, welche optimistische Blicke nach vorn wagten und so erhellende Akzente setzten, die uns positiv stimmen sollten.

Alev Korun (Die Grünen, Wien) strich heraus, dass oft versäumt werde, die Potentiale, welche Migranten in sich vereinen, zu erkennen. Dies bedeute doch eher eine Reichhaltigkeit, die letztlich mehr in den Vordergrund gerückt gehörte, als ständig auf den „Entweder-oder-Identitäten“ herumzureiten. Die doppelte kulturelle Kompetenz allein schon – dazu die Zweisprachigkeit – seien, so Alev Korun, Eigenschaften, die in Zeiten der Globalisierung immer wichtiger werden würden.

Wie wir zu Anfang dieser Zeilen festgestellt haben, hat die Politik Jahrzehnte lang negiert, dass Einwanderung stattfindet. Nicht nur in Deutschland, wie die belgische Sozialistin Fatma Pehlivan in Ankara feststellte. Nachdem sich dieser Prozess endlich umgekehrt habe, dürfe man nicht zurück, sondern müsse nach vorn schauen. Dabei müssen (und können!) die Migranten aus der Vielfalt schöpfen, der ihnen mitgegeben sei. Und wenn das mehr als bisher gelingt, kann aus dem Minus, dass nicht selten auch von den Medien beim Thema Integration fett unterstrichen wird, eigentlich nur ein dickes unübersehbares Plus werden. Migranten sind überdies – es wird noch allzu oft vergessen: auch Multiplikatoren. In gesellschaftlicher wie ökonomischer Hinsicht. Und zwar über Ländergrenzen hinaus.

Nach 30 Jahren für die Integration von Migranten in Europa mehr oder weniger verlorenen Jahren, lassen die vergangene Woche auf der Konferenz in Ankara gewonnenen Erkenntnisse erstmals auf eine bessere Zukunft hoffen: In Europa scheint endlich Einsicht über die Tatsache „Einwanderung“ eingekehrt zu sein.

Doch damit ist es nicht getan. Deshalb hat Ali Aslan, der Mitarbeiter des deutschen Bundesinnenministeriums, recht, wenn er fordert, nun müsse richtig angepackt werden, damit Integration in Form eines breit angelegten gesellschaftlichen Dialogs gestaltet werden könne. Es beginne nun ein Prozess, bei dem erstmals Realitäten anerkannt würden. Dies muss dann aber auch noch mehr als bislang sicht- und vor allem spürbar werden in Deutschland! Ist man in Berlin ehrlich zu sich, wird man einräumen müssen, dass die deutsche Regierung in puncto Integration von Migranten und Verhinderung von Diskriminierung und Ausgrenzung zwar manches vernünftig angedacht, Teilbereiche gut ausgestaltet, jedoch einiges davon allzu zahnlos in der Praxis angekommen ist. Und – wir dürfen die Augen nicht davor verschließen: bestimmte Dinge auch gründlich misslungen sind. Ganz einfach, weil die Lobby solche Verbesserungen im Sinne von Migranten einzufordern zu schwach, bzw. die Kreise, die trotz hehrer anders lautender Worte, in Wahrheit eher Verhinderer von mehr Integration sind, zu stark und rückwärts gewandt sind.

Aber wir sollten ja hoffnungsvoll sein!

Drücken wir es einmal so aus: In Sachen Integration ist das Glas halb voll. Damit können wohl alle Seiten leben.

Und damit besteht auch genügend Spielraum nach oben. Der sollte gefüllt werden. Schnell!

Wird dies nunmehr auch in Zeiten der Wirtschaftskrise und angesichts ihrer erst allmählich zum Vorschein kommenden Folgen (Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, zunehmende Armut, mögliche soziale Unruhen) zu stemmen sein? Ob die Konferenzteilnehmer in Ankara auch darüber diskutiert haben, wurde nichts bekannt.

Ein Anzeichen, dass doch ein Änderungsprozess unter den Einwanderern im Gange befindlich ist, ja wir sogar mit einem Paradigmenwechsel zu tun haben dürften, drückt sich in konkreten Zahlen aus: Flossen im Jahre 1998 noch 5,5 Milliarden Euro allein aus den Taschen von Migranten in die Türkei, sind es unterdessen nur noch rund eine Milliarde.

Dieser Prozess könnte künftig noch weiter voranschreiten. Es wird sicherlich nicht gleich bedeuten, dass türkische Einwanderer sich vom Herkunftsland ihrer Ahnen wegwenden, aber es mag ein zarter Hinweis darauf sein, dass sie langsam heimisch zu werden beginnen fernab des türkisches Mutterlandes.

 

 

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