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Jahrgang 4 Nr. 23 vom 5.06.2009
 

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Hasankeyf brachte Tarkan auf den „Ilisu-Gipfel“

Claus Stille

Erst kürzlich hätte doch glatt Freude darüber aufkommen können, der Bau des umstrittenen Ilisu-Staudamms in der Türkei sei doch noch verhindert worden. Allein die Freude währte nur kurz: die Meldung stand nämlich in der von Attac perfekt gefakten Ausgabe einer eignen „Zeit“. Und war demnach frei erfunden.

Dennoch: die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Eine Entscheidung gegen Ilisu ist indes von der türkischen Regierung zwar derzeit nicht zu erwarten. Jedoch haben beim Ilisu-Staudammprojekt auch europäische Regierungen, so sie Bürgschaften in Aussicht stellten, ein Wörtchen mitzusprechen. Wankt da etwas, wackelt auch Ilisu. Darauf setzen Umweltschützer in aller Welt wie in der Türkei, speziell in der vom Wasser-Projekt betroffenen Menschen in der Region selbst, ihre Hoffnung. Derzeit noch ist ein grünes Licht für das Ilisu-Projekt seitens europäischer Entscheidungsträger und Beteiligter noch von „Verbesserungen“ abhängig.

Die deutsche Bundesregierung, so tönt es zumindest optimistisch (was wunder: schließlich stehen die Wirtschaftsinteressen großer Konzerne und deren steter Druck auf die Regierenden dahinter) aus dem Berliner Wirtschaftsministerium, pocht weiter auf die Umsetzung von „Ilisu“, weil man sich sicher über zufriedenstellenden Verbesserungen seitens der Türkei gibt. Um diese wie auch immer gearteten „Verbesserungen“ umzusetzen, haben drei bürgende europäische Staaten – die Schweiz, Österreich und die BRD – eine Frist bis zum 6. Juli diesen Jahres gesetzt.

Ende letzten Jahres hatten die Regierungen der genannten Staaten ihre Bürgschaft für das

1200- Megawatt-Kraftwerk eingefroren, weil die türkische Regierung wichtige Auflagen zum Schutz der Umwelt, der verbesserten Umsiedlung von Einwohnern und dem Schutz von Kulturgütern nicht erfüllt habe.

Die heftigste Kritik, was die Folgen des Bauprojektes Ilisu anbetrifft, entzündet sich immer wieder an der Tatsache, dass ihm die antike Stadt Hasankeyf – ein unwiderbringliches Kulturdenkmal für die gesamte Menschheit – zum Opfer fallen wird: Denn der Ort wird bei der Flutung in Gänze für immer unter den Wassermassen verschwinden. Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass die dort lebenden Menschen (sie sollen seitens des türkischen Staates umgesiedelt werden) so ihrer kulturellen Wurzeln sowie ihrer Lebensgrundlagen beraubt werden.

Am 28. Mai fand in Berlin ein „Ilisu-Gipfel“ statt. Auch hier ging es u.a. um die Erhaltung des Weltkulturerbes Hasankeyf im Südosten der Türkei, zirka 65 Kilometer von der Grenze zu Syrien und dem Irak entfernt.

Vor einem Auditorium von etwa 400 interessierten Menschen in der Hertie School of Governance warben Umweltaktivisten, Politiker und Journalisten dafür, nicht nachzulassen im Kampf gegen das gigantische Staudammprojekt Ilisu. Die türkische Regierung hat mit der Planung dieses Staudamms, welcher das Wasser des Tigris stauen und 135 Meter hoch werden soll, bereits in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen.

„Der Freitag“ berichtete: Güven Eken, der Chef der türkischen Umweltorganisation Doga Dernegi, habe in Berlin unter „frenetischem Beifall der Teilnehmer des Anti-Staudamm-Gipfels“ das 10.000 Jahre alte Hasankeyf „Wiege der Menschheit“ genannt.

Außerdem bezeichnete es Eken als nicht hinnehmbar, dass auf Grund des Staudammprojekts 80.000 Menschen umgesiedelt werden müssten. Aber damit nicht genug: Auch die Zerstörung der Spuren dutzender Kulturen und hunderter noch nicht hinreichend erforschter archäologisch bedeutender Stätten könne nicht akzeptiert werden. Ebenso wenig könne doch nicht ignoriert werden, dass 400 Kilometer kostbarer Flusslandschaft und Tierarten, wie z.B. die Weichschildkröte unmittelbar von dem Staudammbau bedroht seien. Doga Dernigi hat dieses Tier eigens zum Symbol ihrer Bewegung erhoben.

Der US-amerikanische Wissenschaftler Robert Goodland kritisierte das Vorhaben der türkischen Regierung, die markantesten Kulturgüter Hasankeyfs in einem „archäologischen Park“ auf einem Berg in der Nähe aufzustellen heftig. Goodland hat dafür nur Spott übrig: dies sei doch dann nichts weiter als „eine Art Disneyland“.

Güven Eken übergab auf dem „Ilisu-Gipfel“ in Berlin 70.000 Unterschriften gegen das Mammut-Projekt „Ilisu“ an den Vertreter des deutschen Wirtschaftsministeriums Henkel.

Noch mehr Gewicht dürfte vermutlich allerdings der Auftritt des 1972 im rheinland-pfälzischen Alzey auf die Welt gekommenen Popstars Tarkan auf dem „Ilisu-Gipfel“ in der Berliner Hertie School of Governance gehabt haben bzw. darüber hinweg an Wirkung in der Öffentlichkeit künftig noch entfalten.

Tarkan, so „Der Freitag“, habe ad hoc eine positive Energie im Saal verbreitet. Dessen geraffter Solidaritätsappell an die Anwesenden lautete, „Hasankeyf gehört zum Weltkulturerbe“ und der Sänger – er hatte persönlich die von den Wassermassen bedrohte Stadt besucht – gab zu bedenken: „Es ist unfair, so eine unglaubliche Schönheit zu zerstören!“

Tarkan habe schließlich noch folgenden, sicherlich einen jeden nachgehende Frage ins Auditorium hinunter gelächelt: „Wenn eine Stadt wie Hasankeyf in Deutschland existieren würde, würden Sie die dann unter Wasser setzen?“ Der Megastar gab die Antwort darauf gleich selbst: „Bestimmt nicht!“

Es mag Menschen geben, die über das plötzliche Umweltengagement von Tarkan (womöglich steht es ja im Zusammenhang mit dessen neuester CD „Metamorfoz“?) spotten und darüber, dass der Sänger nun ein Hybridauto (übrigens das erste in der Türkei überhaupt) fährt; indes eines ist nicht von der Hand zu weisen: Der Mann ist nicht nur in der Türkei äußerst populär, sondern mithin auch eine internationale Show-Größe. Tarkan ist also durchaus imstande, Massen, die sich mit ihm identifizieren, mitzureißen. Bei seinem Besuch in Hasankeyf immerhin stellte er jedenfalls schon einmal Massenproteste für den Fall in Aussicht, Ankara bliebe beim Staudamm-Projekt, das die Zerstörung Hasankeyfs zur Folge hätte.

In den deutschen Charts läuft Tarkans Lied zu Hasankeyf „Uyan“ (Wach auf). Darin geht es nicht nur um das Unesco-Weltkulturerbe Hasankeyf allein, sondern auch um unseren Planeten als Ganzes und dessen Einmaligkeit. Speziell seinen eigenen Landsleuten, deren Umweltbewusstsein wohl noch – drücken wir es geschmeichelt aus - auf der untersten Stufe der Entwicklung steht, möchte Tarkan damit sagen: Sägt nicht den Ast ab, auf dem ihr sitzt! Solche Appelle scheinen allmählich zu fruchten. Die Verantwortung für eine demokratisch-ökologische Zivilgesellschaft in der vor allem jungen türkischen Bevölkerung scheint im Wachsen begriffen zu sein. Premier Erdogan mag das im Falle Ilisu nicht gefallen. Aber es sei ihm gesagt: Demokratie zieht nun einmal auch Konsequenzen nach sich.

Tarkan ist nicht der einzige prominente Kritiker des Projektes „Ilisu“. Im April hatte sich schon der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk den Kritikern angeschlossen.

Auch die ehemaligen Bremer Bürgermeister Hans Koschnick, Klaus Wedemeier und Henning Scherf (alle SPD) forderten unterdessen den Ausstieg der BRD aus dem umstrittenen Ilisu-Projekt.

Sollte sich also am Ende doch noch alles für Hasankeyf und seine Einwohner zum Guten wenden? Die Chancen jedenfalls, dass der von Attac erfundene „Zeit“-Bericht, doch noch früher als gedacht wahr wird, stehen augenblicklich gar nicht so schlecht.

 

 

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