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Istanbul Post |
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Kopftuchdramavon Mehmet Akyazi Bei uns Türken wird sehr viel Wert auf Gastfreundlichkeit gelegt. Damit dies gelingt, müssen natürlich auch viele Gäste kommen. Ständig muss ich deshalb meine freie Zeit dafür verschwenden, Leute zu besuchen oder zu empfangen, die ich gar nicht kenne. Meist sind es auch noch ältere Menschen, die ständig von mir verlangen, dass ich ihre schrumpeligen Hände küsse. An Festtagen ist es noch schlimmer, da kriegt man sogar Geld dafür. Aufjedenfall machen mir diese Besuche keinen Spaß, denn ständig diskutieren die Erwachsenen über geistreiche Themen wie: „Israel und Amerika verbünden sich gegen die Türkei“, „Europa verbündet sich gegen die Türkei“, „Die Türkei verbündet sich gegen die Türkei“. Aber bei diesem Besuch stand ein viel merkwürdigeres Thema im Gespräch. Ich saß im Auto. Diesmal waren wir die Gäste. Mit der ganzen Familie sollten wir einen Freund meines Vaters besuchen. Er hieß Samet und war der radikalste Moslem, den ich je erlebt habe. Sein Haus hat er nämlich in zwei getrennt. Die Frauen durften sich nur auf der einen Seite aufhalten und die Männer hatten ein Recht auf beide Seiten. Zufälliger Weise lag die Frauenseite auch noch direkt in der Küche, was sehr praktisch war. „Was macht eigentlich der Hippie hinten in unserem Wagen?“, fragte mein Vater meine Mutter während der Fahrt. „Ich bin dein Sohn, falls du es gemerkt hast.“ „Jaja, ich habe es schon gemerkt. Ständig wenn du Mist baust, muss ich es ausbaden. Warum konntest du dir eigentlich nicht was Schickeres anziehen?“ „Wofür? Dein Freund hat bestimmt keine Tochter und wenn ja, dann keine hübsche.“ Mein Vater verdrehte die Augen und schaltete das Autoradio an. Irgendeine Türke schrie zu einer Trommelmusik was wir als Volksmusik bezeichneten. Meine Ohren schmerzten während der Fahrt. Aus dem Fenster betrachtete ich das Türkenviertel. Überall waren Hochzeits-, Möbel und Juwelierläden verteilt. Wäscheleinen gingen von einem Hausblock zum anderen. Die Kinder spielten auf den Straßen Fußball. Schnell öffnete ich das Fenster um die Luft zu genießen, die ich sonst nur in meinem Heimatland bekomme. Aus dem Fenster heraus konnte ich auch schon Samet sehen, der vor seiner Wohnung stand. Mit unserem Wagen parkten wir einen anderen Wagen zu, der einen anderen Wagen zuparkte. Wahrscheinlich werden wir später auch zugeparkt, aber wir Türken finden immer einen Weg raus. „Du brauchtest doch nicht extra runterzukommen“, nahm mein Vater die Begrüßung freundlich an. „Doch, sonst hättet ihr meine Wohnung nicht gefunden.“ Zuerst verstand ich nicht, was Samet damit meinte, aber nach einem Blick auf die Schellen der Wohnung verstand ich es. Nur der Nachname Öztürk kam vor und das ganze zehn Mal. Wahrscheinlich wohnte die komplette Sippschaft von ihm hier. Viele Schuhe lagen vor den Haustüren. Alles nur Markenschuhe, die sogar aus der Ferne wie Oma unterm Arm rochen. Wir betraten die Wohnung von Samet. Ein Riesenportrait vom türkischem Ministerpräsidenten Erdogan hing an der Wand. Meine Mutter und Schwester wurden von ein paar schwarzen Gewändern in die Küche gezogen. Ich musste mit meinem Vater in das Wohnzimmer. Dort hingen arabische Schriften und ein paar nackte Frauenbilder an den Wänden. Wir setzten uns. Mein Vater wusste selber nicht, aus welchem Grund er eigentlich hierhinkam, aber der Blick von Samet war sehr ernst. Seine Frau brachte uns den schwärzesten Tee, den ich je gesehen habe. „Und Samet, wie geht es dir?“, begann mein Vater das Gespräch. „Noch geht es mir gut.“ „Wie?“ „Bak Cihan, ich hab dich nicht umsonst hierhin geholt. Wir müssen da etwas sehr ernsthaftes besprechen. Ich kann nicht so weiter leben.“ Der Blick von Samet wurde so ernst, dass man nur noch eine Augenbraue erkennen konnte. „Okay, was bedrückt dich?“ Nun wurde auch mein Vater langsam nervös. „Dein Sohn…“ „Ich wusste es!“ Sofort gab mein Vater mir einen Schlag auf den Hinterkopf. „Ich hab deinen Sohn letztens mit ein paar Mädchen erwischt. Sie trugen keine Kopftücher.“ Nun wurde auch der Blick von meinem Vater ernst. „Eine von denen hatte sogar gefärbte Haare“, fügte der Verräter Samet noch hinzu. Fassungslos blickte ich mit großen Augen zu meinem Vater. Was würde er wohl jetzt tun? Wenn er auch noch wüsste, dass das ein deutsches Mädchen war, dann würde er mich bestimmt umbringen, oder mich ein zweites Mal beschneiden lassen. Eingeschüchtert saß ich still auf dem Sofa. „Ich wusste es doch. Irgendwann würdest du unsere Freundschaft damit kaputt machen. Du und dein fanatischer Islamismus. Versteh es doch, wir sind Türken der Moderne. Wir leben nach dem Prinzipien von Atatürk. Auch wenn mein Sohn irgendwelche Minderheitenkomplexe hat, bekennt er sich doch zum Kemalismus. Ich konnte Türken wie euch noch nie leiden. Wegen euch hasst uns die EU. Was bedeutet schon für dich ein Kopftuch? 40 Jahre lang liefen unsere Frauen auf den Straßen um das Kopftuch loszuwerden. Und nun soll mein Sohn mit den Töchtern gehen, die im Grunde ihr eigenes Heimatland verraten haben? Religion sollte man vom Staat trennen, selbst wenn Deutschland dies nicht schafft, verstehen es doch die meisten Türken in der Türkei. Die Türken in Deutschland haben sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank. Mein Sohn ist da aber ganz anders, deswegen ist er noch lange kein Verräter, denn eigentlich seid ihr die Verräter!“ Zornig stand mein Vater auf und zog mich mit. Beim rausgehen rief er auch noch meine Schwester und meine Mutter aus der Küche. Wir verließen die Wohnung und stiegen wieder in unseren Wagen. Mit ein paar Kratzern fuhr mein Vater unser Auto aus der Parklücke. „Mehmet, siehst du. Immer wenn du Mist baust, muss ich es ausbaden“, sagte mein Vater während der Fahrt zu mir. Irgendwie hatte er ja Recht. |
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