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Es gibt einen Ausweg: Mehr Individualisierung! Aber wie?von Perihan Ügeöz Erneut sorgt eine Untersuchung für Schlagzeilen und Aufsehen. Kein Wunder! Sie handelt in der Überschrift von „Radikalismus und Extremismus“ und liefert im Inhalt ein vielfältiges wie auch jedoch denkwürdiges Panorama über den „Seelenzustand“ innerhalb der türkischen Gesellschaft. Ein nennenswerter oder gar besorgniserregender Zuwachs an Radikalisierung oder Befürwortung von Extremismus innerhalb der Gesellschaft liegt nach den Ergebnissen der Studie nicht vor. Dennoch gelingt es dem Rest der Befunde nicht, für eine Erleichterung zu sorgen. Ein Bündel von scheinbar banalen Fragestellungen verdichtet sich zu einem Netz von wachsendem Misstrauen und sinkendem Selbstwertgefühl. Je umfangreicher die Liste der Fragen und der Antworten darauf wird, um so mehr sinkt auch die Schwelle der Toleranz gegenüber Andersartigkeit bei gleichzeitigem Anstieg der Religiosität, zu der sich eine zunehmende Kluft in Sachen Gleichberechtigung von Mann und Frau gesellt, die sich nach den Worten des für die Studie verantwortlichen Wissenschaftlers Esmer längst in einen Abgrund verwandelt hat, den die Türkei vielleicht erst in 200 Jahren wird überwinden können. Einige „Highlights“ aus der Studie Es handelt sich hierbei um eine Respräsentativstudie, die im vergangenen April in direkten Befragungen mit 1715 Teilnehmern in 34 türkischen Provinzen durchgeführt wurde. Hier nun ein Ausschnitt von Ergebnissen: Auf die Frage, worauf die Europäische Union abzielt, tritt eine Angst vor Spaltung in Erscheinung, die aber viele offenbar trotzdem nicht von dem Wunsch abhält, im „Club dieser Bösewichte“ aufgenommen zu werden. So teilen zwar 76% der Befragten die Auffassung, dass die EU auf eine Spaltung der Türkei absieht, aber immerhin befürworten 57% dennoch eine Vollmitgliedschaft innerhalb der EU. Der Anteil derer, die eine Mitgliedschaft strikt ablehnen, steigt nicht über 27%. Dass hier ein gewisses Maß an Verwirrung sowie Widerspruch in den Köpfen herrscht, scheint offenkundig. Der für diese Studie verantwortliche Professor Esmer kündigt an, dass er im Herbst in einer gesonderten Studie diesem Widerspruch nachgehen werde. Wesentlich weniger verworren geht es hingegen zu, wenn es um Fragestellungen geht, die sich um den Stellenwert von Religion oder auch den Platz der Frau drehen, auf Präferenzen bzw. Abneigungen in bezug auf Personen in der Nachbarschaft beziehen. Auf die Frage, was im Leben der Befragten an erster Stelle kommt, lassen 62% der Teilnehmer wissen, dass es die Religion ist, die für sie die erste Priorität besitzt. 16% stellen den Laizismus an erste Stelle. Die Demokratie hingegen wird von 13% in der ersten Reihe ihres Lebens platziert. Ihrer ethnischen Zugehörigkeit geben 5% den Vorrang und für nur 4% kommt eine angemessene Einnahme an erster Stelle. In Bezug auf Nachbarschaft teilen 87% der Befragten die Auffassung, dass sie keine Homosexuelle als Nachbarn haben wollen. 75% lehnen Personen als Nachbarn ab, die an Gott nicht glauben. 72% sind gegen Nachbarn, die Alkohol trinken. Personen, die in unehelicher Partnerschaft leben, werden von 67 abgelehnt. Gegen Juden als Nachbarn ist ein nicht unbedeutender Anteil von 64% und 52% wollen keine Nachbarn haben, die christlichen Glaubens sind. Was das Thema Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau angeht, so sind 88% der Teilnehmer der Meinung, dass es die Gründung einer Familie und Kinder sind, was den eigentlichen Sinn und Zweck der Lebenserfüllung von Frauen auszeichnet. Sodann ist nicht erstaunlich, wenn 74% der Befragten die Ansicht vertreten, dass das Hausfrauendasein genauso zufrieden stellend ist, wie das aushäusige Arbeiten und Geldverdienen. Der Anteil derer, die den Mann als Familienoberhaupt sehen wollen, liegt bei 71%. Will die Frau allein aus dem Haus gehen, müsse sie zuvor ihren Mann um Erlaubnis fragen, ist eine Ansicht, die von 85% als richtig geteilt wird. Ebenso halten es 84% für richtig, dass die Frau ihren Mann um Erlaubnis bitten muss, wenn sie einer aushäusigen Arbeit nachgehen will. Weiterhin in die Rubrik Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gehört auch die von 64% der Befragten geteilte Auffassung, dass in Zeiten der Krise einer Arbeitslosigkeit das Arbeitengehen ein Recht ist, das vielmehr den Männern zusteht als den Frauen. Auf wen soll man für eine bessere Zukunft setzen? Der für diese neuerliche Studie verantwortlich zeichnende Professor Yilmaz Esmer ist ein international renommierter Sozialwissenschaftler, der nicht zuletzt auch die Europäische Wertestudie seit Jahren für die Türkei koordiniert. Anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse der letzten Wertestudie im Jahre 2007 hatte der Sozialwissenschaftler die für die Türkei ermittelten Wertebefunde folgendermaßen zusammengefasst: „Die Türkei ist eine Gesellschaft mit einem niedrigen Selbstvertrauen. Dass für uns die Religion einen sehr hohen Stellenwert besitzt, unsere Wahrnehmung der Beziehung zwischen Mann und Frau sowie ihrer gesellschaftlichen Rolle, unsere Herangehensweise an demokratische Werte und Toleranz sind die wichtigsten Unterschiede, die uns von West Europa trennen.“ Hat sich seither am Gesamtbild etwas gewandelt? In einem Interview für die Zeitung „Dünya“ unterteilt der Sozialwissenschaftler das aus der neuerlichen Studie hervorgehende Gesamtbild in drei Ergebnisblöcke. Dass sich in Hinsicht auf Radikalismus und Gewalt eine deutlich ablehnende Tendenz zeigt, bewertet Esmer als positiv. Hingegen hebt er die beiden anderen Ergebnisblöcke jedoch als ausgesprochen negativ hervor. Dass die Türkei zu denjenigen Ländern mit dem niedrigsten Index für Vertrauen zählt, ist einer dieser negativen Blöcke. Übertragen auf die Alltagspraxis bedeutet ein niedriger Index für Vertrauen unter anderem auch eine hohe Tendenz, Unsicherheit zu vermeiden und beinhaltet zugleich ein hohes Maß an Misstrauen gegenüber Fremdartigkeit sowie Abweisung von Ungewohntem und Ablehnung von Andersartigkeit. Das ist eines der negativen Resultate. Eine andere Negativbilanz bezieht sich auf den verheerenden Zustand der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Gerade zu diesem Punkt bemerkt Professor Esmer, dass die Türkei eine männerdominante Gesellschaft ist. Aber nicht nur die Türkei allein, sondern die geographische Lage, die sie umgibt, sei ein von Männern dominiertes Gebiet, wobei die Religion ebenfalls ihren Anteil hat. Für die nächsten 20 Jahre ist der Wissenschaftler alles andere als optimistisch; der Abgrund lässt sich nach seiner düsteren Prognose vielleicht erst in 200 Jahren überwinden, vorausgesetzt jedoch es findet in Sachen Gleichberechtigung innerhalb der gesamten Gesellschaft eine Mobilmachung statt. Als besonders bemerkenswert sticht aus der neuerlichen Studie jedoch noch eine weitere Dimension hervor. Gerade diejenigen Bevölkerungsgruppen, von denen man im allgemeinen am meisten Erneuerung und dynamischen Auftrieb für einen Wandel in der Zukunft zu erwarten, aber auch zu hoffen hegt, zeigt sich hier als eine Gruppe, die am stärksten verfangen ist im Netz von Vorurteilen, Misstrauen und Ablehnung: Junge Menschen im Alter von 15 bis 20 Jahren. Dazu bemerkt der Wissenschaftler Esmer, dass in der Türkei das Lebensalter eines Menschen kein gravierender Faktor ist, der die Geisteshaltung, die in den Köpfen herrscht, entscheidend verändert. Das ist die Bilanz seiner bisherigen Untersuchungen. Auch diese Tendenz unterscheidet die Türkei erheblich von Europa. Als Beispiel vergegenwärtigt der Wissenschaftler die riesigen Unterschiede zwischen den Generationen in Spanien. In der Türkei hingegen gebe es bei geistigen Denkweisen keinen Unterschied zwischen Menschen jüngerer und älterer Generationen. Wohl gibt es beispielsweise in ausgesprochen wohlhabenden Vierteln von Istanbul ein anderes Profil von Jugend. Doch im Ganzen betrachtet, sind unterschiedliche Sozialisationsmöglichkeiten für junge Menschen größtenteils nicht vorhanden, so dass Werte und Anschauungen von älteren Generationen ungefiltert an die jüngeren weitergegeben werden. Zurecht hebt der Sozialwissenschaftler diesen Sachverhalt als besonders ernst hervor sowohl für die Gegenwart als auch freilich für die Perspektiven des Landes. Auf wen soll man schließlich für eine bessere Zukunft setzen, wenn nicht auf die Jugend von heute? Fortsetzung folgt. |
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